In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Der Heilige Gral

Das Buch „Sakrileg, The Da-Vinci-Code” von Dan Brown hat die Frage nach dem Heiligen Gral wieder einmal aufleben lassen. Jedoch schon 20 Jahre vorher hat ein Buch viele Leser gefunden, zwar weniger in Deutschland, jedoch sehr stark in der englischsprachigen Welt: „Verschlusssache Jesus, Die Wahrheit über das frühe Christentum“ von Michael Baigent und Richard Leigh (englischer Titel: „The Holy Blood and the Holy Grail“).

In diesen Büchern wird von einer ganz anderen Bedeutung des Heiligen Grals ausgegangen als bisher. Der Gral ist, nach diesen Autoren, kein Gefäß, sondern ein Mensch: Maria Magdalena.
Die alte Sage vom Heiligen Gral entstand ungefähr um 800 n.Chr., dann nochmals im 10. Jahrhundert und nochmals vermehrt in der Zeit der Minne ungefähr um 1200 n.Chr.. Der Gral ist demnach der Kelch des Letzten Abendmahles. Joseph von Arimathea soll damit das Blut Jesu bei der Kreuzabnahme aufgefangen haben. Nach den Parsifal-Legenden soll dieser Kelch später verloren gegangen sein und seitdem suchen die Menschen nach diesem verlorenen Gral, welcher der Menschheit das Heil wieder bringen soll. Auch in späterer Zeit wurde das Thema behandelt, auch Richard Wagner hat dieses Thema aufgegriffen in der Oper „Parsifal“.

Nun gibt es also eine zweite Version: Der Gral ist gar kein Gegenstand, sondern er bezeichnet Maria Magdalena, die nach obigen Autoren die Gattin (oder Geliebte) von Jesus war. Auch dieser Gral wurde „verloren“, nämlich in der Weise, dass die Kirche diese Zusammenhänge vertuschte.
Ich will nun mit diesem kleinen Aufsatz nicht den Wahrheitsgehalt dieser beiden Versionen untersuchen, sondern stelle eine dritte Version vor.


Der Gral ist sowohl ein Kelch (oder Kessel) wie auch ein Mensch

Besser gesagt: Nicht EIN Mensch, sondern die Hälfte der Menschen. Nämlich die Frauen.
Nein, ganz korrekt ist diese Aussage nicht. Denn der Gral, das sind nicht die Frauen von Fleisch und Blut, sondern es ist das weibliche Prinzip. Das Weibliche.
Um zu belegen, wie ich auf diese Idee komme, muss man noch etwas weiter in die Vergangenheit gehen. Nämlich in die Zeit der Kelten. Und jetzt kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn wir die Spiritualität der Kelten etwas genauer unter die Lupe nimmt. Denn der Kessel spielt bei den Kelten eine ganz hervorragende Rolle. Er ist das Symbol der Göttin. Oder, etwas weiter und umfassender ausgedrückt: Das Zeichen des Weiblichen war der Kessel (oder die Schale).
Das Weibliche wurde als die aufnehmende Energie betrachtet, aber gleichzeitig auch als ernährend, als Mutter Erde oder als das Göttliche in Form der Fruchtbarkeit und der Fülle. Übrigens taucht der Gedanke des Füllhorns auch in anderen Kulturen auf und ist nicht nur in der keltischen Mythologie zu finden. Der Kessel oder Kelch ist also ein sehr sinnvolles und für jeden verständliches Symbol. Er wird gefüllt und kann dann seine Gaben austeilen und die Hungrigen nähren. Kessel waren heilige Gefäße, sie wurden bei Begräbnissen gefüllt mit Essen, das dann an alle ausgeteilt wurde. Ein solcher Kessel wurde in dem Grab des Fürsten von Hochdorf gefunden. Ein besonders schönes Be­spiel eines heiligen Kessels ist der silberne Kessel von Gundestrup.
Kessel spielen in der Mythologie der Kelten eine hervorragende Rolle und es gibt unzählige Geschichten hiervon. Schalen wurden auch in die Gräber gelegt. Es erstaunt mich immer wieder, wenn die Archäologen mit großer Sicherheit behaupten, die Kelten hätten diese Schalen in die Gräber gelegt, um im anderen Leben bei Gastmahlen das nötige Geschirr zur Hand zu haben. Diese Auslegung zeigt eigentlich nur, wie wenig wir uns in andere Kulturen und Religionen hineindenken können und wie wir alles nur von unserer Warte aus betrachten und beurteilen. Wenn es so gewesen wäre, dass man die Schalen zur Bewirtung seiner Gäste im anderen Leben benötigt hätte, dann wären auch Becher, Löffel, Gabeln und Messer notwendig gewesen. Ebenso eventuell eine Pfanne, um die Gerichte zu kochen. Diese Gegenstände werden jedoch in den Gräbern nicht gefunden. Die Schale hatte ungefähr die gleiche Bedeutung wie ein Kreuz, das wir als Christen unseren Toten in die Hand legen. Das Kreuz ist das Symbol des christlichen Gottes, die Schale ist das Symbol der heidnischen Göttin.

Warum taucht nun um 800 n.Chr. die Geschichte von dem Kelch auf, der Christi Blut enthalten hat? Warum nicht früher? Wäre etwas Wahres dran an dieser Geschichte, dann hätte man doch sicher diesen Kelch in großer Ehren gehalten und er wäre nicht verloren gegangen.
Um 800 n.Chr. hatte sich das Christentum in Nordeuropa voll durchgesetzt. Bis dahin waren noch viele Stämme heidnisch und selbst solche, die den christlichen Glauben angenommen hatten, waren gleichzeitig noch nicht ganz frei von heidnischen Sitten und Gebräuchen. Karl der Große tat alles, um die verbliebenen Heiden zu bekehren, teils unter Zwang. Von den 3000 Sachsen, die hingerichtet wurden, weil sie sich nicht taufen ließen, haben wir schon in der Schule gehört.
Die heidnische Vorstellung des heiligen Grals als Symbol der Göttin konnte somit nicht mehr akzeptiert werden. Alles Heidnische wurde von dieser Zeit an verfolgt. Und wie man auch die christlichen Feste auf alte heidnische Jahreszeitenfeste draufgesetzt hat, um sie christlich zu machen und mit christlichem Symbolgehalt zu füllen,  so hat man nun auch den heiligen Kessel der Göttin zum christlichen Symbol des männlichen Gottes umgemodelt.

Die Parsifal-Geschichte ist voll von Symbolen, die alle auf diese Umwandlung der Bedeutung des Grals hinweisen. Wer etwas mehr darüber erfahren will, der kann das in meinem Buch „Alte Weisheit – neue Wege“ nachlesen. Es würde zu weit führen, dies alles in diesem kurzen Artikel zu behandeln. Auf folgenden Zusammenhang will ich jedoch noch hinweisen:


Der Verlust des Grals ist in Wahrheit der Verlust der Weiblichkeit

Besser gesagt: Der Verlust der weiblichen Werte, der Heiligkeit des Weiblichen. In der christlichen Sichtweise ist der oberste Gott männlich. Demnach sind die höchsten Wert in unserer Gesellschaft männlich. Das Geld-Verdienen, die Karriere, das Berufsleben. Das Patriarchat hat sich aus dieser höheren Bewertung des Männlichen ergeben.
Ich will damit nun nicht sagen, dass ein Matriarchat die Lösung unserer Probleme wäre. Denn es wäre ebenso einseitig wie ein Patriarchat. Eine Unterdrückung und eine Minderbewertung des Weiblichen ist jedoch fatal. Die Suche nach dem Heiligen Gral sollte neu aufgenommen werden und zur Suche nach den weiblichen Werten und zur Wertschätzung der vollen Weiblichkeit führen. Zwar nicht zur Überbewertung, sondern zur gleichen Wertung wie das Männliche. Die frühere Gralsuche in den Legenden sprach nur die Männer an, die sich auf die Gralssuche begeben sollten. Dies macht zwar Sinn, denn sie sollten die Weiblichkeit wieder schätzen lernen und vielleicht sogar auch in sich selbst entdecken. Heute, so scheint es mir, sollten jedoch auch die Frauen nach diesen verlorenen Werten suchen, denn die Frauen haben selbst ihre volle Weiblichkeit verloren und streben nach männlichen Eigenschaften mehr als nach den weiblichen. Wenn diese Suche Erfolg haben wird, dann werden die Menschen wieder von innen heraus glücklich sein können. Gefühle, Mitgefühl, Verstehen und derartige weibliche Werte würden dann wieder ihren wahren Stellenwert bekommen und das Geldverdienen und die Hektik und die nicht mehr zu übersehenden Aggressionen im täglichen Leben würden verschwinden oder auf ein Minimum reduziert werden.  Man wird in Harmonie und Zufriedenheit leben und jeder Mensch, gleich ob Mann oder Frau, wird wieder – so wie es bei den Kelten der Fall war – sein Recht und seine Anerkennung finden. 

Der Heilige Gral ist also sowohl ein Gefäß – wenn auch nur in symbolischer Weise – wie auch die Frau, die man mit Maria Magdalena als Vertreterin des Weiblichen betrachten könnte. Denn die Geschichte, dass sie eine Prostituierte war, glaubt ohnehin niemand mehr. Sie konnte sehr wohl für das Weibliche stehen: eine liebende und verstehende Frau, die Jesus gefolgt ist, ihm die Füße mit kostbaren Ölen gesalbt hat und mit ihren Haaren – dem Symbol der Weiblichkeit – sie getrocknet hat.
Man kann natürlich auch sagen: Der Heilige Gral ist weder das eine, noch das andere. Ohne große Umwege und ohne Umschreibungen: Er ist das Weibliche in symbolhafter Ausdrucksweise. Eigentlich müsste man nicht lange danach suchen: Das Weibliche ist überall! Man müsste nur die Augen aufmachen und es erkennen oder vielleicht sogar, nachdem es so lange in der Gesamtheit verloren war und in der christlichen Sichtweise nur als halbe Weiblichkeit, nämlich in Form der Mutterschaft wert geschätzt wurde, wieder neu entdecken!


Werner


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