In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Leben von und mit dem Land
Ein Appell zur Rückkehr zum Ursprung der europäischen Urreligionen.

Die Lebensweise des typischen „Heiden“ des 21. Jahrhunderts hat mit dem unserer Ahnen, als unsere Religionen nicht Außenseiter, sondern „Mainstream“ waren, nicht mehr viel gemeinsam: Metropole statt Acker lautet die Devise. Dabei entrücken naturbezogene Feste und Bräuche in den Bereich des Absurden.

Es ist nicht leicht, einen gemeinsamen Nenner der ursprünglichen europäischen Religionen, und dem, was davon heute noch übrig geblieben ist, die so divers sind, wie Europa selbst es bis zum heutigen Tag geblieben ist, zu finden. Doch was Wicca mit Celtoi, Freiflieger und Asatru mehr oder weniger gemeinsam haben ist der Jahreskreis, der mit Yul beginnt und mit Samhain aufhört. Kein Wunder, denn dieser Jahreskreis ergibt sich aus der europäischen Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten, der sich jedes Jahr wiederholt. Ob für Wicca oder Asatru: Für sie alle waren die Jahreszeiten - mehr oder weniger - gleich. Und noch eines verband Kelten und Germanen mit den Hexen des Mittelalters: Sie alle lebten in einer Welt, die in erster Linie durch das Arbeiten mit und auf dem Land bestimmt wurde.


Urbane Hexen
Moderne Asatru, Celtoi, Freiflieger oder Hexen Europas leben zu meist in den Metropolen. Zugegeben, viele von ihnen wahrscheinlich mehr aus Notwendigkeit als aus eigener Wahl. Des Weiteren ist das urbane Leben schon beinahe vital für ein Leben als Angehöriger einer der „heidnischen“ Europäischen Religionen: Nur hier ist es möglich Gleichgesinnte zu finden, Kontakte zu knüpfen und sich vielleicht sogar auf die eine oder andere Art zu organisieren. Nur hier kann, ob in Seminaren, in Zirkeln oder Coven oder im örtlichen Buchladen, das an Wissen gewonnen werden, was von der jeweiligen Religion und Kultur noch übrig ist. Es ist fraglich ob sich die alten europäischen Kulturen und Religionen wieder bis zu dem Punkt, an dem sie heute sind, hätten einbürgern können, hätten sie sich nicht in den letzten Dekaden auf das urbane Umfeld konzentriert.


Religiöses Exil auf unserem eigenen Grund und Boden
Noch eine Gemeinsamkeit: von Wicca bis Asatru mussten wir alle uns in den letzten Dekaden intensiver Zusammenarbeit und oft auch Forschung eingestehen, dass viel Wissen um unsere Religionen und Kulturen wahrscheinlich unwiederbringlich verloren gegangen ist. Selbst wo es (angebliche) Angehörige der jeweiligen Religion in direkter Linie gibt haben die betroffenen Familien über Jahrhunderte in eine christlich geprägten Umfeld gelebt, gearbeitet und sich sozialisiert und dabei unwillkürlich Kulturelemente des christlichen Mainstreams übernommen. Im Grunde genommen leben wir in einer Art religiösem Exil auf unserem eigenen Grund und Boden. Wie vor uns bereits eine andere Religionsgemeinschaft (die im Übrigen entgegen des Anscheins innerlich genauso gespalten ist wie unsere es ist), allerdings mit der Ausnahme, dass sie sich eben nicht in ihrem Herkunftsland befunden haben: die Juden.


Die Rückkehr des jüdischen Volkes zu seinen Wurzeln

Als die Masse jüdischen Volkes Anfang des 20. Jahrhunderts endlich die langersehnte Rückkehr nach erez Ysrael, dem Land Israel, begann, muss es vielen kam anders ergangen sein als uns heute. Jahreskreisfeste wie Shavo'ot, das erste jüdische Erntedankfest, hatten kaum mehr eine fassbare Bedeutung. Sie waren zu etwas so Abstrakten verkommen wie es zum Beispiel Mabon vielen europäischen „Heiden“ erscheinen muss. Doch vor Allem die ersten Dekaden des jüdischen Neuanfangs in Palästina/Israel waren vom Leben in Kibbuzim geprägt.
Kibbuzim (sg. Kibbuz) sind kleine Siedlungen, die (zumindest ursprünglich) von Landwirtschaft lebten. Die Bewohner teilten sich nicht nur die teuren Landwirtschaftsmaschinen sondern auch eine Wäscherei, Kinderbetreuungseinrichtungen, einen Speisesaal und Gemeinschaftseinrichtungen wie Bibliotheken, Sportplätze und Schwimmbecken.


Theorie versus Praxis
Sicherlich vielfach aus reiner Notwendigkeit oder sozialistisch-zionistischer Ideologie entstanden taten die Kibbuzim ihren Bewohnern und dem gesamten Israelischen Volk jedoch noch einen anderen Dienst: Die Arbeit auf und das Leben mit und vom Land setzte die uralten jüdischen Feste wieder in den ursprünglichen Kontext ihres Herkunftslandes. Es ist komplett Zweierlei ob man erzählt bekommt dass Shavo'ot das Fest von Milch und Käse nach dem Einbringen der ersten Ernte ist, während man in einem Land lebt, in dem zu dieser Zeit höchstens Kopfsalat geerntet werden kann, oder ob man an Shavo'ot tatsächlich gerade eine Erntesaison zu Ende gebracht hat. Und es ist komplett Zweierlei ob man in einer Großstadt lebt und zu Mabon/Erntedank versucht sich darüber seinen Kopf zu machen, was man im vergangenen Jahr „geerntet“ hat, oder ob einem diese Gedanken ganz natürlich in den Kopf kommen, während man – nicht ohne Stolz – auf die Wagen voll Getreide schaut, die man Kraft Mutter Erde ebenso wie der eigenen, harten Arbeit gewonnen hat.


Keimzellen
Die Kibbuzim wurden zur Keimzelle eines neu verwurzelten Judentums und sind es bis heute geblieben. Selbst in absolut sekulären Kibbuzim sind die Feste des jüdischen Jahreskreises viel fassbarer und selbsterklärender als in der orthodoxesten Synagoge von Jerusalem.
Weder in Israel noch in Europa werden jeweils alle Juden bzw. „Pagan“ in dieser engen Symbiose mit der Erde, die ihre Religionen hervor gebracht hat leben. Das müssen und sollen sie auch nicht. Doch Kibbuzim, das reine Fakt, dass sie existieren, stellen ein Refugium dar. Jeder, der in Israel lebt, kommt mit Ihnen über kurz oder lang in Berührung: Sei es, wenn man dorthin fährt oder sei es, weil man ganz schlicht und einfach in Kontakt und Freundschaft mit einem Kibbuznik kommt.

Der logische nächste Schritt
Eine derartige Keimzelle: „Heidnische“ Gemeinschaften, die nicht nur um unsere Religionen und deren Kultur und Herkunft wissen, sondern sie leben, könnten viele Überlieferungslücken unwillkürlich schließen. Sei es durch das instinktive Wiedererkennen verloren gegangenen Wissens oder ganz einfach dadurch, sie mit neuem Brauchtum zu füllen. Und dieses neu gewonnene Wissen und Brauchtum wiederum könnte die breite Mehrheit der europäischen „Heiden“ in den Metropolen erreichen und auch dort unsere Religionen neu beleben.
Ganz zu Schweigen vom Benefit der in dieser Gemeinschaft lebenden Heiden, die durch ihre tägliche Arbeit mit der Erde ein Teil ihrer Energien und ihres ständigen Wandels werden. Kann jahrelanges meditieren über das Thema „Wachstum“ die Erfahrung ersetzen, im Frühjahr die grünen Setzlinge aus den eigenen Feldern sprießen zu sehen und für sie zu sorgen?

Alle unsere Religionen und Kulturen, vom Celtoi zum Asatru sind aus einer primär landwirtschaftlichen Kultur hervor gegangen. Nun zum Leben mit und auf dem Land zurück zu kehren ist vielleicht der logische und notwendige nächste Schritt des sich jährlich stärker vom christlichen Mainstream emanzipierenden „Neo-Heidentums“.


Namida


Religion und Kultur - Teil III     Rota, 25.12.2016
Religion und Kultur - Teil II     Rota, 03.12.2016
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Über die Spiritualität der Maori     Werner, 06.04.2002
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