In memoriam Madame Mim::
Bericht aus Amerika   Teil II
Anlässlich eines Threads über Amerika bat Rivka eine Freundin in Seattle, die dortige Alltagssituation aus ihrer persönlichen Sicht zu schildern. Sie erhielt (und übersetzte) diese Antwort
.

Doch was ich an den Leuten um mich herum beobachte und empfinde, ist ein zunehmendes Gefühl von Zynismus, Hilflosigkeit, und eine Mischung von Angst und Gleichgültigkeit. Sie werden dessen, was sie in den Nachrichten hören, müde, und sie haben nur soundsoviel Zeit und Energie, es aufzunehmen. Fast jeder fühlt Stress,Überlastung und Machtlosigkeit. Daher konzentriert man sich mehr und mehr auf das Persönliche und darauf, ein abgeschirmtes Leben zu führen, und auf den geflissentlichen Versuch, auszublenden, was verstörend ist … während man damit weitermacht, neue Autos zu kaufen, zu shoppen und einen Teil des amerikanischen Traums zu leben. Sie recyceln ihre Zeitungen, ihre Aluminiumdosen und Glasflaschen und Joghurtbehälter aus Plastik, tun gerade genug, um das Konsumentengewissen zu erleichtern. Sie installieren Sicherheitssysteme, um ihre Häuser zu schützen (und in weniger wohlhabenden Vierteln bringen sie Eisenstäbe an den Fenstern an, damit niemand einbrechen kann).


„Militärische Macht ist der einzige starke Aktivposten, der Amerika übrig geblieben ist“
las ich kürzlich irgendwo. Amerika befindet sich auf einer Gratwanderung. Alles kann in jedem Augenblick explodieren. Viele sind sich bewusst, dass sie sich unterdrückt fühlen, aber diese Gefühle können zu Gunsten positiverer Emotionen bei Seite geschoben werden. Da gibt es die unmittelbaren Stossdämpfer durch Freunde und persönliche Interessen. „Das Leben geht weiter“… trotz allem, was auf der politischen, der kulturellen und jeder anderen Ebene vor sich geht. Und es wird so lange weitergehen, bis die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Doch niemand will wahrnehmen, dass diese Grenze der Belastbarkeit schon bald erreicht sein oder das persönliche Leben durcheinander gebracht werden könnte. Die Tatsache, dass alle unsere Kriege „da drüben“ eher als hier ausgefochten werden, lässt alle unsere Kriege irreal erscheinen und unsere unmittelbare Umgebung realer.
Dies ist die psychologische Dynamik, die hier wirksam ist. Ich fühle die Unterströmungen, wo immer ich hingehe. Und die, die das Land kontrollieren stellen sicher, dass wir mehr als genug Ablenkung und Unterhaltung haben. Es steht uns frei, uns zu beklagen, frei zu protestieren (innerhalb von Grenzen), frei zu wählen. Doch Amerika dreht sich weiter um Geld und Spaßhaben. Auf den ersten Blick sieht alles nicht so schlimm aus, wenigstens nicht hier. Gerade jetzt ist es beinah Sommer und das Wetter ist herrlich. Es gibt Straßenfeste, und Bauernmärkte bieten Produkte aus ökologischem Landbau zum Verkauf, man kann gute Filme sehen, in Cafes herumhängen und so weiter. Ich gehe selbst zu den Bauernmärkten, ich gehe zu guten Filmen, ich sitze in Cafes und arbeite an meinem Schreiben …

Das Leben geht weiter, obwohl es mehr und mehr gewalttätige Zwischenfälle um uns herum gibt und die Leute ängstlicher und ängstlicher werden, weniger und weniger offen und vertrauensvoll. Hier in Seattle passieren Schießereien nicht selten, (obwohl anscheinend in plötzlichen, kurzen Ausbrüchen), in Einkaufszentren, auf Schulhöfen, in Ladengeschäften und Restaurants. (Dies ist ein wachsender Trend in den USA, nicht nur in Seattle.) Nicht weit von mir, gerade die Strasse herunter, in eben jener sich am See entlang erstreckenden Gegend, wo sie die Bäume und Häuser abreißen, gab es vor ein paar Jahren eine Schießerei, in der mehrere Menschen getötet wurden. Ein wütender Mann ging in ein Bürogebäude, in dem er einmal gearbeitet hatte und fing an zu schießen, dann floh er. Praktisch unser ganzer Bezirk wurde stillgelegt, als die Polizei das Gebiet nach dem geflohenen Schützen durchkämmte. Uns wurde gesagt, wir sollten die Türen schließen und nicht nach draußen gehen. In den Lokalnachrichten sah ich das Hausdach und den Garten meines eigenen Hauses (Hubschrauber flogen dicht über alle Häuser meiner Nachbarschaft bis weit in die Nacht hinein und filmten, während sie kreisten).

Wo kann Amerika hingehen, jetzt, da schon so viel zerstört worden ist (Natur, Gebäude, die Verfassung, die Länder, in die wir eingedrungen sind). Wo kann Amerika hingehen, wenn eine wirkliche Grundlage niemals existierte. Wo kann Amerika hingehen, wenn es so viel Schuld gibt. Wo kann Amerika hingehen, wenn die Kultur selbst vom Militär gekidnappt wurde. Wo kann Amerika hingehen, wenn die Ideale von Freiheit und Demokratie niemals wirklich gewesen sind.

Ich fühle mich zerrissen zwischen der Radikalen, die ich im Herzen bin und dem Wunsch, mich selbst vor Ungerechtigkeit zu schützen. Ich fühle, dass ich nur zu leicht die Grenzlinien überschreiten könnte. Ich kann mich von dieser Gesellschaft nicht vollständig absondern, obwohl ich mich dem Mainstream-Amerika immer entfremdet gefühlt habe.

Neulich sprach ich mit einer 19-jährigen Frau, einer Studentin der Universität Washington, und ich war überwältigt von einem Gefühl von Traurigkeit. Ich dachte: wie kann das Leben in diesen trockenen und paranoiden Zeiten sie wohl begeistern. Ich begriff, wie unterschiedlich wir waren wegen der verschiedenen Zeiten, in denen wir aufwuchsen: sie in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, ich in der interessanten Wildheit der 60er.
Die 60er waren eine Zeit der Dringlichkeit und Erforschung und des Protests und der Neugier. Jetzt scheint es, als sei Amerika in einer Sackgasse gelandet, an einem bedeutenden Wendepunkt angekommen… aber anstatt sich dem zu stellen, ziehen wir uns in unsere separierten Leben zurück und hoffen, dass der schlechte Traum vorübergehen wird.

Das ist es, was in Amerika passiert. Ich weiß nicht, was aus diesem Land werden wird, jedoch es scheint, es ist selbstzerstörerisch und befindet sich auf seinem letzten Zug durch die Gemeinde, vor dem Fall.


Olivia Dresher


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