In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Bericht aus Amerika   Teil I
Anlässlich eines Forum-Threads über Amerika bat Rivka eine Freundin in Seattle, die dortige Alltagssituation aus ihrer persönlichen Sicht zu schildern. Sie erhielt (und übersetzte) diese Antwort.

Was passiert hier, was ist aus diesem Land geworden, wohin geht es?
Was passiert, geschieht sowohl lärmend als auch fast unmerklich…
Während ich dies schreibe, sitze ich an einem Fenster, das auf meinen Hinterhof in Seattle, Washington hinausgeht, an der Westküste der Vereinigten Staaten. Wohin ich auch blicke, sehe ich grün – grünes Gras, grüne Lorbeerbüsche, Kirsch- und Birnbäume mit Spätfrühlingsblättern, Blauregen. Das Wetter ist mild und die Rotkehlchen singen. Wälder und Seen und schneebedeckte Berge umgeben diese Stadt, und ich kann sie von meinem oberen Fenster aus sehen.

Aber etwas geht hier vor, das nicht ins hübsche Bild passt. Man zerstört ganze Stadtviertel fast überall in Seattle. Und diese Zerstörung beginnt, das Stadtbild genauso zu bestimmen wie die Schönheit der umgebenden nordwestpazifischen Landschaft.
Es fing in dem Gelände unten am See an, das ich von meinem oberen Fenster aus sehen kann. Ich kann zu diesem See spazieren gehen, da er nur wenige Blocks entfernt liegt, und die Zerstörung, die dort unten passiert, bewegt sich hinauf zu mir. Es ist das Thema Amerikas: reißt das Alte ab zu Gunsten des Neuen. Das Alte zu Gunsten des Neuen abzureißen, das geht natürlich schon seit langer Zeit so, in der Tat ist es der Herzschlag dieses Landes. Aber jetzt ist es ein Phänomen, das einen neuen Charakter angenommen hat. Es fühlt sich an wie eine Epidemie, die sowohl viel von der Geschichte Seattles auslöscht als auch sein Wesen verändert.

Ich habe seit 1981 in diesem Viertel gelebt, die Häuser sind während der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhundert erbaut worden. Ein paar viktorianische Häuser aus den 1890er Jahren stehen dazwischen, auch Landhäuser und Bauernhöfe. Der architektonische Stil ist vorwiegend der Craftsman Bungalow, Häuser, die große Frontveranden haben (wie das Haus, das ich restauriert habe und in dem ich lebe).

Neulich ging ich im Viertel unten am See spazieren. Das habe ich gesehen: Häuser mit „Zu Verkaufen“-Schildern davor, verlassene Häuser mit brettervernagelten Fenstern, Häuser mit gelben „Land Use“ – Schildern davor (diese Schilder signalisieren, dass das Haus bald im Zuge einer Neustrukturierung abgerissen wird), leere Grundstücke, wo Häuser, Bäume und Gärten bereits abgerissen worden waren, Baustellen von neuen Gebäuden (die sie „town homes“ „Stadtheime“ nennen) und gerade fertig gestellte town homes, die zum Verkauf standen oder schon bewohnt waren. Die fertigen town homes waren, mit der Ausnahme winziger Flecken künstlich aussehender Landschaften, von Beton umgeben. Keine Spur der Wärme und Magie dieses Viertels war übrig geblieben.
Die Veränderung in der Ausstrahlung dieses Viertels war so schwerwiegend, dass ich mich in meiner eigenen Nachbarschaft auf einmal wie eine Fremde fühlte. Und die Leute, die in den neuen town homes leben (die für mindestens 500.000 Dollar verkauft werden) sahen mich an, als ob ich nicht dorthin gehörte. Sie kamen in ihren neuen Wagen nach Hause, fuhren in ihre Drei-Auto-Garagen ein … während ich „ihre“ Straße hinunterging mit einem Ausdruck von Trauer und Ungläubigkeit auf meinem Gesicht. Ich fühlte mich desorientiert und verloren.

Seitdem habe ich erfahren, dass derzeit 15 Stadthaus-Projekte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft in die Wege geleitet und 1.000 neue Wohneinheiten geplant sind. Die Stadthäuser stehen eins nach dem anderen aufgereiht, vor- und hintereinander, drei Stockwerke hoch. Sie wurden in Stadtteilen gebaut, die für Mehrfamilienhäuser ausgewiesen wurden, und sie übernehmen schnell diesen Teil meines Viertels am See, ersetzen alle die alten Häuser und Bäume und Gärten. (In anderen nahen Vierteln Seattles ist es noch schlimmer: 10- und mehrstöckige Gebäude ersetzen alte Häuser, auch solche, in denen meine Freunde gelebt haben.)

In dem Gebiet, das für Einfamilienhäuser ausgewiesen und wo auch mein eigenes Haus ist, reißen sie kleinere Häuser (und Bäume) ab und bauen riesige Häuser, die als „McMansions“ bekannt sind. Die beißen sich mit dem Charakter der Nachbarschaft, sie sehen aus, als gehörten sie in neue Vororte, Meilen entfernt von hier.
Die alten Wohnhäuser, die Teil des Charakters dieses Stadtviertels sind, werden entweder abgerissen oder in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Es sind nur wenige Mietwohnungen übrig in dieser Stadt, und die, die übrig sind, kosten so viel, dass die meisten Leute sie sich nicht leisten können. Infolgedessen werden Mieter, genauso wie die Besitzer kleinerer Häuser, hinausgeworfen (ich frage mich, wo sie hinsollen).

Noch nie seit den ersten paar Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, in denen die Straßenbahnen erstmals gebaut wurden, hat es einen Ausbruch so rasanter Veränderung gegeben. Jetzt beeinträchtigt die neue Bauweise alle alten Viertel hier. Die Stadt gehört den Bauherren, das ist keine Übertreibung. Und es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte.
Es gibt auch nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte, dass eine Vielzahl unabhängiger Geschäfte in der ganzen Stadt genauso schnell hinausgeworfen sind wie die Häuser abgerissen werden.

Das passiert nicht nur in Seattle, sondern durchwegs in allen amerikanischen Städten. Ich habe darüber in vielen Quellen gelesen, darunter Zeitschriften, die sich schwerpunktmäßig mit der Erhaltung alter Häuser befassen. Unterdessen versuchen die Leute weiterhin, ein „normales“ Leben in einer Kultur fortzuführen, die rasch ihre Seele verliert. Die Art und Weise, wie Nachbarschaften zerstört werden, ist ein Beispiel für die lärmenden Veränderungen, die hier vor sich gehen.

Die Menschen in meiner Nachbarschaft sind im Grossen und Ganzen liberal und gebildet. Sie hassen Bush und wollen ihn angeklagt sehen. Sie sahen Gores Film über die globale Erwärmung, sie sind vertraut mit den Verschwörungstheorien um den 11. September, sie wussten schon früh, dass die Rechtfertigung für die Invasion des Iraks eine Reihe von Übertreibungen und Lügen war. Diese Leute folgen vielen verschiedenen Glaubensrichtungen – von den Unitariern bis zum New Age.


Ende Teil I


Olivia Dresher


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