In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Die Rauhnächte
Im christlichen Bauernkalender gibt es neben den fixen Richtzeiten wie Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winteranfang die Lostage sowie die Schwendtage. Ursprünglich kannte man nur 12 Lostage, das waren die Rauhnächte.

Doch die Bauern beobachteten das Wetter über Jahrzehnte hinweg und konnten so "gute" wie "schlechte" Tage - inzwischen über 100 Tage - dem Bauernkalender hinzufügen.


So fängt es an
Mit der Nacht der Wintersonnenwende am 21./22.Dezember beginnen die Rauhnächte - auch Raunächte, Zwölfnächte, Zwischennächte, Unternächte, Rauchnächte genannt. Genaugenommen sind es aber jene zwölf Tage und Nächte, die zwischen dem Mondjahr mit 354 Tagen und dem Sonnenjahr mit 366 Tagen liegen, man spricht auch heute noch von der „Zeit zwischen den Jahren“ Aus christlicher Sicht beginnen sie mit dem 25. Dezember und dauern bis 6. Januar, umfassen also die letzten 6 Tage im alten und die ersten 6 Tage im neuen Jahr. Um diese 12 Tage ranken sich viele heilbringende und schützende Bräuche. Aufschluss über das Brauchtum findet sich auch in den anders verwendeten Namen:
Los- oder Raunnächte, weil es sich um eine Orakelzeit handelt;
Rauchnächte, weil in dieser Zeit stets geräuchert wurde;
Frei-, Schweig- oder Stillnächte, weil es sich um eine Seelenzeit handelt;
Schwarze Nächte, weil die Sonne ihren Tiefstpunkt im Jahreskreis durchläuft.
Raunächte, weil in dieser Zeit die Rau (wilden Dämonen) umgehen.

Los- oder Raunnächte, weil es sich um eine Orakelzeit handelt
Allgemein verbreitet war einst der Gedanke, dass diese 12 Tage das Wetter der kommenden 12 Monate anzeigten, wobei jeder Tag für 1 Monat steht.
Auch dem Sonnenschein wurde zeichenhafte Bedeutung zugedacht; Sonnenschein bedeutet am

1. Lostag (26. 12.): Es wird ein glückliches, neues Jahr werden.
2. Lostag (27. 12.): Preiserhöhungen stehen an.
3. Lostag (28. 12.): Streitigkeiten kommen auf.
4. Lostag (29. 12.): Fieberträume werden Familienmitglieder plagen.
5. Lostag (30. 12.): Es wird eine gute Obsternte.
6. Lostag (31. 12.): Auch alle anderen Früchte gedeihen prächtig.
7. Lostag ( 1. 1.): Die Viehweiden tragen saftige Kräuter.
8. Lostag ( 2. 1.): Fische und Vögel sind zahlreich.
9. Lostag ( 3. 1.): Gute Kaufmannsgeschäfte stehen ins Haus.
10. Lostag ( 4. 1.): Unwetter kommen hernieder.
11. Lostag ( 5. 1.): Nebeltage treten vermehrt auf.
12. Lostag ( 6. 1.): Zwist und Hader kommt auf.

Die Zukunft erfährt man durch Pantoffelwerfen, Bleischmelzen, Knopfabzählen, Bibelaufschlagen, Lichtverglimmenlassen, mitternächtliches Kreuzwegstehen; besondere Zeiten, die Zukunft zu erfahren, sind: Mitternacht, Sylvesternacht, die zwölf Nächte, Johannisvorabend, Andreastag, Heiliger Abend. Auch verbirgt man gern unter umgestürzten Tellern verschiedenerlei, beispielsweise Brot, Geld, einen Zweig
In den Rauhnächten können mutige Leute durch Losen (oder Lisna, Lismen) die Schicksale des nächsten Jahres erkunden. Man lost auf Kreuzungen, Friedhöfen, an Bächen, unter Schwarzkirsch, Kriecherl-, Weichsel- Zwetschkenbäumen und in der Weihnacht auch an Stalltüren. Das mundartliche Wort losen heißt nicht nur lauschen, sondern auch lauern, was das Lauschen und Lauern auf Vorzeichen bedeute. Das von Zaubersprüchen begleitete Schütteln der Bäume beim Losen erinnert an das von Runensprüchen begleitete Schütteln der Runenstäbe (Baumzweige) beim Losen oder soll den raunenden Windgott regen.
Wer lisna oder lisma will, darf neun Tage vorher nicht beten, kein Weihwasser nehmen und muß abends nach dem Gebetläuten schweigend und ohne sich umzusehen auf einen Kreuzweg oder unter einen Schwarzkirschbaum gehen. Wer sich dabei umsieht, erhält von unsichtbarer Hand eine solche Ohrfeige, daß man die fünf Finger in seinem Gesichte sieht. Es können auch mehrere Personen von ungerader Zahl mitsammen lisna gehen. Der Lisna darf sich aber durch nichts von seinem Standorte verschrecken lassen; sonst erhält der böse Feind Mächt über ihn.
Dann hört und sieht der Lisner durch teuflischen Spuk, was während des neuen Jahres im selben Orte Merkwürdiges geschehen wird. Hört er z.B. Musik, so bedeutet das Hochzeit. Hört er beten oder weinen, so bedeutet das einen Todesfall. Aus der Richtung des Schalles oder aus der Gestalt der Wolken und höllischer Schemen erkennt er, wen es angeht.
In manchen Gegenden rufen heiratslustige Mädchen in der Christnacht dreimal die laute Frage hinaus, was für einen Mann sie bekommen werden. Aus dem folgenden Schalle schließen sie auf die Zukunft. Ein Schuß kündet einen Jäger, ein daherfahrender Wagen einen Fuhrmann, ein knarrendes Tor einen Bauern als Zukünftigen.

Rauchnächte, weil in dieser Zeit stets geräuchert wurde
Einer der wichtigsten Rauhnachtsbräuche ist schließlich das Ausräuchern der Häuser. Dabei hat das Räuchern zwei Bedeutungen: Zum einen dient es als Opfer, das die Götter und Geister gnädig stimmen soll. Zum anderen bietet das Räuchern wiederum Schutz und soll alle dunklen Mächte vertreiben.
Eine Räuchermischung von Susanne-Fischer-Rizzi (Erste Schneeflocken im Kiefernhain):
2 Teile Adlerholz, 2 Teile Weihrauch, 1 Teil Zimtblüte, 1 Teil Sandarak, 1 Teil Kampfer, 1 Teil Myrrhe
Adlerholz, Weihrauch (eine besonders gute Qualität wählen) und Zimtblüten fein zermörsern. Sandarak-Harz und Myrrhe ebenfalls einzeln mörsern. Alle Zutaten mischen und messerspitzenweise auf Räucherkohle oder Stövchen verglimmen. Die erlesene Mischung hat einen feinen, edlen Duft. Sie lässt die ersten Schneeflocken in einem alten Kiefernwald sanft vom Himmel segeln.

Frei-, Schweig- oder Stillnächte, weil es sich um eine Seelenzeit handelt
Einst hiess die Heilige Nacht modranicht = «die Nacht der Mütter», sie war der weiss-strahlenden Wintergöttin geweiht, welche von Haus zu Haus zog und den Menschen ihre Gaben und ihren Segen schenkte für das neue Jahr. Sie war die dreifaltige Göttin, deren Segenszeichen C+M+B (die Namen der drei Beten Catharina, Margaretha und Barbara) noch heute manchenorts über den Türen zu sehen ist. In der Gestalt der «heiligen drei Könige» sehen wir aber noch ihre Spuren und ihre Farbennweiss, rot und schwarz. Mit detektivischem Blick lassen sich die Zeichen der Göttin auch heute noch finden Die Dunkelheit und Kälte der Winterzeit lädt uns ein, uns wieder nach innen zu wenden, herein in die Wärme unseres Hauses, ins Licht der inneren Seelenwelt. Der Winter ist die Nacht des Jahres. Dunkle Zeit ist Traumzeit.

Schwarze Nächte, weil die Sonne ihren Tiefstpunkt im Jahreskreis durchläuft
In den "Zwölften", jene Zeit also, die auch als "Zwischen den Jahren" bezeichnet wird, hat man viel zu tun, um Hexen, böse Geister und Unglück von Hof und Familie fernzuhalten.. In diesen Tagen darf keine Wäsche gewaschen werden, wenn man Unglück, Leid und Tod vom Haus abhalten will.
Früher gab es den Brauch in den "Zwölften" Mohn um das ganze Gehöft zu streuen zur Abwehr der Hexen, ob es jetzt noch praktiziert wird entzieht sich meiner Kenntnis. Auch die Backofentüren mussten in diesen Tagen immer geschlossen gehalten werden, sonst wurden die Oefen verhext und heizten das ganze Jahr nicht mehr ordentlich. Wenn die Weihnachtsstollen gebacken wurden, zerrieb man Kräuter vom Johanniskranz, und mischte sie in den Teig einer Stolle. Davon bekam am Heiligabend jedes Haustier seinen Teil. Es blieb immer gesund und gedieh vortrefflich.

Besondere, auch heute noch bekannte Tage haben sich im Brauchtum erhalten oder wurden wieder aufgegriffen...


Heiligabend
Als am Heiligabend die Glocken läuteten, band man um jeden Baum ein Strohseil, redete dabei aber kein einziges Wort. Nun war ein reicher Erntesegen gewiss.
Am Heiligabend hatte man schon an jede Stalltür ein Kreuz gemacht. Hexen konnten nun nicht hinein und dem Vieh etwas antun. Sicherheitshalber stellte die Bäuerin noch einen Besen vor die Tür. Nun fütterte man die Hühner und streute die Körner in einen Wagenreifen, den der Bauer hatte auf den Hof legen müssen. Mist durfte man in den Tagen auch nicht fahren.


Silvesternacht
In der Silvesternacht wird lebhaft geschossen, wozu früher tüchtig Pulver in die Gewehre gestopft wurde, damit es ordentlich knallt und möglichst viel Feuer sprüht, um die bösen Geister zu verscheuchen. Heute werden (nachdem einige Jahre versucht worden ist, Feuerwerk zu Gunsten von Spendentätigkeit hinten an zu halten) wieder vermehrt große Silvesterfeuerwerke gezündet...


Der St. Stephani-Tag
Am Stephani-Tag (26. Dezember) reiten in manchen Orten ledige Burschen auf Pferden herum. Der Brauch heißt das Stefaniereiten. St. Stefan wurde dem Volke anstatt des Gottes Fricco (Freya) zum Pferdepatron. Darum heißt der St. Stefanstag in alten Kalendern der große Pferdstag.


Der St. Johannes-Tag
Am Johannitag (27. Dezember) wird in einigen Gegenden Niederösterreichs in der Kirche Wein geweiht. Davon gießt der Kellerherr einige Tropfen in jedes Faß. Dadurch wird der Abschiedstrunk, den der Hauswirt seinen Gästen vorsetzt, ein Weihetrunk, Johannissegen genannt.


Der Tag der unschuldigen Kinder

Am Tage der unschuldigen Kinder (28. Dezember) darf kein Dreschstroh auf der Tenne liegen bleiben, sonst müssen die unschuldigen Kindlein durchwaten.
Man schlug mit blühenden Zweigen Kinder, um die Lebenskraft der sich verjüngenden Natur auf sie zu übertragen. Dieser Brauch des "Kinderfitzelns" überdauerte unzählige Jahrhunderte und wird heute noch am 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, oder zu Nikolaus gepflegt.


Die Windtage und der Wassertag
Der 29. Dezember heißt hie und da der Windtag. An diesem Tag opfert man der Windsbraut, indem man Speiseteile auf die Herdpflöcke (Zaunpflöcke) legt.
Der 30. Dezember heißt auch der Wassertag. An diesem Tag wirft der Ober-Mühlbursche von jdem Mittagsmahl ein Wenig in den Wehrtümpel und zwar fürs Wassermandel.


So hört es auf - das Ende der Rauhnächte
Zum Ende der Rauhnächte gilt der 5. Januar als "Perchtenabend". Dieser Tag wird in manchen Gegenden mit Maskenumzügen begangen, den "Perchtenläufen", die aus heidnischer Tradition stammen. Die christliche Tradition ersetzte dies durch Beweihräucherung oder Weihwasserbesprengung, um die Erde zum Leben zu erwecken und sie fruchtbar und ertragreich zu erleben. Die Meinung, das Heiligendreikönigswasser sei hochgeweiht, stammt daher, daß es in manchen Bistümern mit einem hochkirchlichen, fast eine Stunde dauernden Ritus geweiht wurde, welcher aus der morgenländischen Kirche, die am Feste der Erscheinung vornehmlich den Tauftag Christi feierte, in die abendländische Kirche eingedrungen war, aber 1725 und 1892 von Rom verboten wurde. Den lärmenden Perchtenläufen setzte das Christentum im Mittelalter auch die Dreikönigsaufzüge entgegen, in neuerer Zeit kam das Dreikönigssingen hinzu.
Am selben Abende werden alle Räume des Hauses mit Weihrauch geraucht (geräuchert), mit Weihwasser besprengt und auf jede Türe mit geweihter Kreide drei Kreuze und die Anfangsbuchstaben der Namen der Heiligen Drei Könige Kaspar, Melcherl und Balthasar geschrieben. Dann wird der Rosenkranz gebetet und ein reiches Nachtmahl gegessen, nämlich Suppe, Braten, gebackene Knöderl, Ahalkoch (Mehlkoch), gesottene Zwetschken und zuletzt Semmelmilch der Sampermilch (gesottene Milch mit Semmelschnitten). Daher heißt die Heiligendreikönig-Nacht auch die feiste Rauhnacht. Die letzte Rieht, nämlich die Semmelmilch, darf nicht ausgegossen werden, sondern man läßt die Hälfte stehen und die Löffel darin stecken oder legt sie so auf den Rand der Schüssel, daß beide Enden frei schweben. Dann um Mitternacht kommt die Bercht mit den ungetauft verstorbenen Kindern, ißt mit ihnen von der Sampermilch, daß man das Schlürfen hören kann, und segnet dafür das Haus fürs ganze Jahr. Der, welcher den mehreren Rahm an seinem Löffel gelassen hat, wird im Jahr darauf beschenkt werden. Wegen des Besuches der Bercht heißt die Heiligendreikönig-Nacht auch die Berchtnacht. Am anderen Morgen ist wieder so viel Semmelmilch in der Schüssel wie Abends. Wessen Löffel aus seiner Lage gerückt erscheint, der hat Unglück zu fürchten. Wessen Löffel in die Schüssel hineingefallen ist, der wird im nächsten Jahre sterben. Wessen Löffel herausgefallen ist, der kommt aus dem Hause. Ledige Personen, an deren Löffel sich viel Milch angereimt hat, heiraten bald. Man ißt die Berchtmilch zum Frühstück und gibt davon auch den Hühnern, daß sie viele Eier legen, und den Kühen, daß sie viel und gute Milch geben.
Die ungetauften Kinder der Bercht haben seltsame Namen wie Gagraunzel, Thomaszoll, Märzenkalbel, Zudarn, Zadarwaschel u.s.w.
Frau Percht ist die Göttin Berchta (d.h. die Leuchtende), die Inhaberin des Elfen - oder Kinderparadieses. Wie die Berchtel, so ging auch die griechische Göttin Hekate an Wegscheiden um. Wie der Percht, so wurde auch der Hekate Speise hingestellt.)


Quelle: Sagenreise ins Pielachtal, Sagen, Erzählungen, Geschichten - aus dem reichen Sagenschatz des Pater Willibald Leeb. Zusammengestellt und herausgegeben von der Arbeitsgruppe Heimatforschung im Verein für Dorferneuerung in Hofstetten und Grünau. Text: ca 1900.
Von Gerhard Hager, Verein für Dorferneuerung, 3202 Hofstetten-Grünau, freundlicherweise für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
H. Bächtold-Stäubli, E. Hoffmann-Krayer: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens; Walter de Gruyter & Co; Berlin u. Leipzig 1935
u.a.m.


Madame Mim


Religion und Kultur - Teil III     Rota, 25.12.2016
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