In memoriam Madame Mim::
Die Figur des Teufels in Kunst und Kultur   Teil I
Shina_Edea hat hier für Euch einen Vortrag zusammengefasst, den Nyarla auf unserem MerryMeet Festival 2005 gehalten hat.

Die Figur des Teufels
Fangen wir mal im alten Testament an, also für die Leute, die nicht so bibelfest sind: Die Bibel ist unterteilt in Altes Testament und Neues Testament, also vorchristlich und nachchristlich. Im Alten Testament spielt der Teufel interessanterweise kaum eine Rolle, er ist kaum thematisiert, wenn dann wird er entweder hebräisch mit dem Namen „satana“ oder auch griechisch „diabolus“ benannt, was beides übersetzt werden kann mit „der Verleumder/ der Lästerer“. Die Funktion, die der Teufel im Alten Testament einnimmt, ist zum einen das Instrument Gottes: Das heißt er ist der Ankläger, und er testet die Tugenden und den Glauben der Menschen. Interessanterweise, obwohl man es oft damit in Verbindung bringt, geht aus dem Alten Testament nicht hervor, dass die Schlange im Paradies etwas mit dem Teufel zu tun hat. Das bleibt offen.

Betrachten wir nun die Beschreibungen, die der Teufel in der Bibel hat. Im Buch Hiob wird er als einer der Söhne Gottes bezeichnet. Im Buch Jesaja heißt er „leuchtender Sohn der Morgenröte“. Und im Buch Enoch - das werdet ihr übrigens nicht in der Bibel finden, weil es eine apokryphe Schrift ist, also nicht offiziell zur Bibel gehört, aber aus dieser Zeit stammt - da wird der Name „Luzifer“, übersetzt „der Lichtbringer“, eingeführt.

Im Neuen Testament wandelt sich das Ganze ein bisschen, er bekommt eine wesentlich ausgeprägtere Funktion, er wird als der Widersacher des christlichen Gottes dargestellt und als Gegner des sogenannten Heilsplanes, dessen was Gott mit den Menschen vorhaben soll. Er wird aufgebaut als der Gegenspieler Jesu und viele Wunder sind nur Bilder um diesen Konflikt darzustellen, also zum Beispiel die Austreibung der Schweine, in der er die Dämonen in unreine Tiere fahren müssen, weil Gottes Sohn ihnen das befiehlt. Es finden sich im Neuen Testament auch einige Beschreibungen, zum Beispiel im Johannesevangelium wird er als „Fürst dieser Welt“ bezeichnet. Im Zweiten Brief an die Korinther wird er sogar als „Gott dieser Welt“ dargestellt und in der Apokalypse des Johannes wird dann auch noch die Figur des Aufrührers eingeführt, indem erzählt wird, dass sich damals ein Drittel der Engel gegen Gott erhoben habe und der Teufel oder Satan ihr Anführer war – die Luzifergestalt.

Es gibt natürlich auch historische Einflüsse, so lässt sich feststellen, dass etwa 0 bis 100 nach Christus vieles aus dem babylonischen übernommen wurde, was zum Teil sicher daher rührt, dass der babylonische Glaube zu dieser Zeit durchaus populär war und es einfach auch darum ging, es als negativ darzustellen. Das war sozusagen PR des Christentums, das babylonische als Böse darzustellen. Schließlich wurde 1215 im 4. Lateralkonzil ganz klar festgestellt, dass der Teufel ein gefallener Engel sei und damit wurde es zum Glaubenssatz. Hier hat sich das Teufelsbild verdichtet und auch in weitere Bevölkerungsschichten verbreitet. Im Mittelalter selbst gab es seltsamerweise kaum eine personale Darstellung eines Teufels, es hat erst im 11. und 12. Jahrhundert begonnen, dass die Figur des Teufels so dargestellt wurde, wie man sie heute kennt.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde es dann noch mal konkretisiert, indem eben der Protestantismus, vor allem Luther in seinen Schriften vermehrt vor dem Teufel und seinen Versuchungen gewarnt hat. Verbreitet wurde dies durch den Buchdruck – dadurch wurde es möglich Konzepte schneller mehr Menschen zugänglich zu machen, als zuvor – eine nicht unbedeutende Rolle spielte auch das Malleus Maleficarum, denn darin fand eine Standardisierung des Teufelsbildes statt. Dort wurde schriftlich festgelegt, wie alles auszusehen hat, was mit dem Teufel im Bunde steht. Was ebenfalls eine Rolle gespielt hat um dazu beizutragen, dass der Teufel viel mehr benutzt worden ist um Bevölkerungsschichten auszugrenzen oder zu dämonisieren, indem eben zum Beispiel gesagt wurde, dass Heiden, Moslems, Juden und Frauen mit dem Teufel im Bunde stünden, war dass eine Konnotation geschaffen wurde zwischen diesen Figuren, dem Wort „böse“ und dem Teufel. Somit war es schneller möglich jemanden zu diskreditieren. Das wurde als Instrument genutzt und trug zudem dazu bei das Teufelsbild zu vereinheitlichen.


Wie sah es in der Aufklärung aus?
In der Aufklärung gab es bestimmte Rahmenbedingungen, die auch Auswirkungen auf das Teufelsbild hatten, zum einen verschwand die Hexerei als soziales Phänomen, es war also somit keine direkte Bedrohung mehr, auch wenn es lange gedauert hatte bis es - zumindest nach außen hin – ganz verschwunden war. Man hatte ein exakteres Wissen um Kulturen, die außerhalb der Bibel standen und konnte dadurch auch viel eher feststellen, inwiefern diese außerbiblischen Kulturen Einfluss auf das Teufelsbild hatten. Grundsätzlich kann man sagen, dass in der Aufklärung eine Entpersonalisierung des Teufelsbildes stattgefunden hat, sozusagen die Gegenbewegung der Personalisierung. Satan wird von der Figur wieder mehr zur Funktion und zwar als Symbol des individuellen und kollektiven Übels. Es wird nun vermehrt davon ausgegangen, dass die Wurzel Satans im Menschen selber läge und er nicht eine Kraft von außen wäre. Dies hat allerdings zu einigen Problemen geführt. Denn wer Satan negiert, negiert auch andere Sachen, zum Beispiel, dass es ein Wunderwirken gibt, dass es Überirdische Wesen gibt und dass diese in der Lage sind den Menschen zu beeinflussen. Das heißt man konnte recht schnell in die Meinung verfallen: „Wer Satan negiert, negiert auch Gott“. Man darf auch nicht vergessen, dass die Existenz des Teufels ein katholisches Dogma ist. Viele Menschen trauten sich nicht so weit zu gehen dieses zu brechen oder Gott abzuschwören, und es gibt also in der Aufklärung Literatur von der vollkommenen Negation bis zur Bestätigung des Teufelsbildes, wie es damals vorhanden war.


Gehen wir nun weiter zum Teufel in der Psychologie
Da darf natürlich dieser Mann nicht fehlen: Sigmund Freud, mit einer der Begründer der neueren Psychologie. Er postulierte eine Wechselwirkung. Und zwar zum einen Triebverdrängung - was so eines seiner Lieblingsthemen war - und zum anderen den Teufel. Man kann beides als Metapher des anderen sehen, wenn man davon ausgeht, dass alles rebellisch, böse, mächtig und furchterregend ist. Man kann also sagen, dass der Teufel mehr oder weniger eine Personifikation der Triebverdrängung ist und die Triebverdrängung eine Auswirkung des Teufels. Natürlich ist das jetzt metaphorisch gemeint, aber er hat diese unauflösbare Wechselwirkung in vielen seiner Schriften formuliert.

Eine andere wichtige Person in der Psychologie, die sich auch viel mit Okkultem beschäftigt hat war Karl Gustav Jung. Er hat das ein bisschen komplexer formuliert. Er geht von einem Spannungsfeld aus, vom Positiven auf der einen Seite und vom Negativen auf der anderen. Sowohl Gott als auch der Teufel bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Beide haben sowohl positive als auch negative Aspekte. Es ist etwa so, dass Gott liebt und der Teufel verführt, aber andersherum ist es so, dass Gott böse Dinge zulässt und der Teufel auch Erleuchtung bringt. Somit ist dies ein unauflösbares Geflecht in Wechselbeziehung.


Ende Teil I


Nyarla


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