In memoriam Madame Mim::
Yoruba-Religion - Lukumi   Teil II
Artikelzyklus von Thomas Altmann (2004)

Die Struktur der Religion
Joseph M. Murphy strukturiert die Religion der Yoruba in die Bereiche Ara òrun, Orisha und Ifá.6)
Ara òrun sind die Wesen, die im Jenseits beheimatet sind; Murphy meint damit allerdings ausschließlich die Geister der Vorfahren, die Égún, obschon die transzendente Welt noch von anderen unstofflichen Wesen bewohnt ist. Der Kult der Égún, die Ahnenverehrung, ist eines der wichtigsten Kapitel der Religion. Murphy sieht in der Ahnenverehrung Medium zur Erhaltung traditioneller moralischer Werte.
Die Orishas sind, wie schon gesagt, die Emanationen Gottes. Murphy sieht in dem Kult der Orishas eine Zugangsmöglichkeit zum aché, der universalen Energie, und die Gewinnung persönlicher Macht und Lebenskraft. Der Orisha-Kult ist für Murphy also in erster Linie ein Kult der Kraft.

Neben der Pflege der traditionellen Normen, die sich an dem Égún-Kult festmachen läßt, und dem Kult der Orishas, die den Zugang zur Kraft ermöglichen, sieht Murphy das Orakel Ifá als Instanz zur Organisation der kosmischen Ordnung und zur Strukturierung der Religionsausübung. Die von Murphy vorgeschlagene Struktur der Yoruba-Religion ist recht grob und schematisch, bildet aber einen ersten hilfreichen Schritt, sie zu überblicken.

Zunächst einmal bestehen Verbindungen zwischen den genannten drei Bereichen. So gibt es zum Beispiel eine ganze Anzahl von Orishas, die an der Transformation vom Menschen zum Égún beteiligt sind, welche den Übergang vom Leben zum Tod oder die Reise von aiyé zu òrun begleiten, allen voran die weibliche Gottheit Oyá, die über die Égún gebietet, mythische Mutter des Egúngún-Maskentänzers 7) und Herrin des Friedhofstors. Die Verbindung zwischen Orisha und Ifá bildet die Divinationsgottheit Òrúnmìlà, der Patron des Orakels und erster Prophet von Ifá, Zeuge der Schöpfung und Kenner der Vorbestimmung. Òrúnmìlà ist aber ein Orisha. Andersherum stehen die odù, die Orakelzeichen von Ifá, in einer Beziehung zu den Orishas; so heißt es zum Beispiel oft, ein Orisha stehe mit einem odù in Verbindung oder sei in diesem oder jenen odù geboren.8) Endlich ist festzuhalten, daß sowohl die Ahnen, als auch die Orishas und Ifá zunächst einmal die Adresse für ratsuchende Gläubige darstellen. Die Égún und die Orishas sprechen durch das Orakel der Kola- oder Kokosnußstücke (obi) und der Kaurimuscheln (Merindiloggun), während durch das Orakel von Ifá Òrúnmìlà spricht. Ifá ist das Divinationsmedium ersten Ranges, wobei Divination als Kommunikation mit Gott zu übersetzten ist. Es ist wahr, daß das "mündlich überlieferte Schrifttum" ("Oratur" im Gegensatz zu Literatur) der 256 Orakelzeichen (odù) von Ifá eine Menge Aufschluß über das kosmologische System der Yoruba gibt. Die afrikanische Urreligion wird oftmals schlichtweg mit Ifá gleichgesetzt und auch so genannt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auch nur einen einigermaßen repräsentablen Überblick über Ifá geben zu wollen.

Es ist wichtig zu erkennen, daß auch das toque de santo, die Zeremonie mit Trommeln und Musik, bei der sich die Orishas in den Tanzenden manifestieren, eine Form der Divination im Sinne der "Kommunikation mit Gott" ist, der sich in diesem Falle würdig von seinen Emanationen vertreten läßt.9)
Außer Égún, Orisha und Ifá gibt es noch weitere Elemente der Yoruba-Religion, die in den meisten populären Quellen weitgehend unterschlagen werden - wohl, weil sie weniger spektakulär wirken. Dazu gehört die Herbalistik, die Kunde von den heilenden und magisch wirksamen Pflanzen, deren Patron der Orisha Osain (Osayin, Osanyin) ist. Der Herbalist, der Olosain, kennt alle Pflanzen, weiß, wie sie zu pflücken sind, und wie man ihnen Heilkraft oder magische Wirksamkeit verleiht. Eine ähnliche Zunft bildet die Bruderschaft der Batá-Trommler, die aus initiierten Trommlern besteht. Sie sind in das Mysterium des Orisha Añá (Àyàn) eingeweiht, der im Inneren der Trommel wohnt.


Der Orí-Komplex
Eine oft verkannte Gottheit ist Orí.10) Ähnlich wie Égún ist auch Orí eine ebenso kollektive wie individuelle Entität. Égún bezeichnet sowohl einen einzelnen Totengeist als auch die Gesamtheit aller Totengeister. Orí ist im Gegensatz zu Égún ein Orisha. Er bezeichnet eine singuläre Gottheit, meint jedoch das individuelle Wesen eines jeden Menschen (von denen es bekanntlich viele gibt). Während auch distanzierten Betrachtern der Religion bekannt ist, daß für jeden Menschen ein ganz bestimmter Orisha ermittelt werden kann, der über seinen "Kopf" regiert, also maßgeblich dessen Wesen (Charakter, Persönlichkeit, Mentalität, Temperament) dominiert, wird oft verkannt, daß es Orí (wörtl.: "der Kopf") ist, der die Individualität des Menschen, sein persönliches Wesen ausmacht, und der sein erster Ratgeber ist. In jedem Kopf ist auch einen Teil von Olódùmarè selbst gegenwärtig, der Eledá.11)
In Orí, dem Kopf, ist die Bestimmung eines Menschen verkapselt: Jeder Mensch hat vor seiner Geburt seine Bestimmung (àyànmó) selbst erwählt und zuerkannt bekommen. Im Augenblick der Geburt vergißt er sie jedoch und wird nun im Laufe seines Lebens immer auf der Suche nach seiner Bestimmung sein. Er wird immer wieder in Situationen geraten, in denen er nicht weiß, wie er sich richtig verhalten soll; "richtig" bedeutet hier: seiner Bestimmung gemäß. Dies sind die Momente, in denen er sich an das Orakel Ifá wendet; denn nur Òrúnmìlà, der erste Prophet von Ifá, war "Zeuge der Schöpfung" (eléri ìpín). Orí existiert in zweifacher Ausfertigung, nämlich als Orí und Iporí (Ìpònrí); während Orí (genauer gesagt Orí-inú, der "innere Kopf") das Bewußtsein und die Persönlichkeit des irdischen Menschen beinhaltet, ist Iporí das himmlische Doppel seines Orí, die perfekt seiner Bestimmung entsprechende Anlage.12) Das Wiederfinden der eigenen Bestimmung und ein ihm gemäßes Verhalten ließe sich also auch anders formulieren als ein Zur-Deckung-Bringen von Orí und Iporí.


Ende Teil II
Veröffentlicht mit Genehmigung des Autors


Thomas Altmann


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