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Yoruba-Religion - Lukumi   Teil I
Artikelzyklus von Thomas Altmann (2004)

Die Regla de Ocha ist der "Orisha-Orden" unter den afroamerikanischen Religionen. Sie hat ihren Namen von den Orishas (Orichas, òrìsà), den Gottheiten der nigerianischen Yoruba-Stämme. Während der Unterdrückung der afrikanischen Sklaven in der Kolonialzeit Cubas tarnten die versklavten Nachfahren dieses afrikanischen Volkes, die Lukumí, ihren Kult hinter der Verehrung der katholischen Heiligen (santos), indem sie sie in eine Art spirituelle Personalunion versetzten, sie also "synkretisierten". So entstand eine erzwungene, oft nur schein-heilige Mischreligion, genannt: Synkretismus. Die Spanier hatten für diese seltsam übertriebene Heiligenverehrung ihrer Sklaven einen eher geringschätzigen Namen, der jedoch heute die geläufigste Bezeichnung für diesen neuweltlichen Ableger der Yoruba-Religion geworden ist: Santería. Heutzutage gibt es vereinzelt Strömungen innerhalb der Religion, das erzwungene Erbe der Sklaverei und der Kolonialzeit, die katholischen Relikte, über Bord zu werfen.

Es gibt mittlerweile eine große Menge mehr oder weniger guter Literatur und ebensolcher Websites über afrikanische und afroamerikanische Religionen, die Santería und die Religion der Yoruba. Ein kurzer Abriß auf dieser Seite kann natürlich unmöglich alle Aspekte dieses Themas umfassend und gründlich behandeln. Trotz der sträflichen Unvollkommenheit, zu welcher dieser kleine Artikel verdammt ist, fühle ich mich dennoch gehalten, Grundzüge der Religion zu skizzieren.


Allgemeine Grundzüge
Die Santería ist einerseits die neuweltliche Sekte der ursprünglichen afrikanischen Religion der Yoruba, andererseits ihre legitime Fortsetzung in veränderten Gegebenheiten. Es existieren sowohl Bemühungen um eine Annäherung an die afrikanischen Wurzeln oder eine Rückkehr zu ihnen, wie auch um eine Kombination beider Richtungen. Auch die kontroverse Haltung "Lukumí contra Yoruba" ist oft unter den Vertretern der Religion zu finden. Tatsache ist, daß auch das cubanische Modell seine spirituelle Funktion unter schlimmsten Lebensbedingungen erfüllt hat. Es "funktioniert" noch immer.

Aussage, Funktion und Heilsversprechen der Yoruba-Religion sind nicht so verschieden von denen anderer Religionen auf unserer Erde. Es geht da um ethisches Verhalten, welches in allen menschlichen Gesellschaften recht ähnlichen Normen folgt, um Läuterung der eigenen Seele zur Erlangung von ìwa pèlé, einem "reinen Charakter". Allerdings beinhaltet dieses Ideal in der Yoruba-Religion auch immer die Komponente des individuellen Wesens, welches in seiner Eigenart entwickelt und purifiziert werden will, und welchem gerecht zu werden sei. Dabei impliziert dieser Grundgedanke auch die Bezwingung wesensgemäßer Untugenden und rechtfertigt keineswegs die persönliche Bequemlichkeit. Hierin findet sich das Motiv der seelischen Elevation, ja Evolution. Auffällig ist bei alledem, daß zum einen die Wiederkehr in die irdische Existenz durch Reinkarnation in den eigenen Kindern und Kindeskindern als Heilsversprechen für ein rechtes Leben gilt, zum anderen aber auch der Status des als Vorbild verehrten Ahnen angestrebt wird.
Ein wichtiger Grundgedanke der Religion gilt der Erzielung und Erhaltung eines stabilen Gleichgewichts (balance), im menschlichen Mikrokosmos wie im Makrokosmos der Natur und im Austausch mit der transzendenten Welt, dem òrun ("Himmel"). Zu nehmen ohne zu geben ist ein verbrecherischer Irrtum im Umgang mit dem Kosmos. In dieser Überzeugung fußt unter anderem auch die Philosophie des Opfers (ebo), das in dieser Religion eine zentrale Bedeutung hat.

In der traditionellen Vorstellung der Yoruba befindet sich der Mensch in einem Kreislauf zwischen Geburt, Tod und Wiedergeburt auf seiner Wanderschaft zwischen der irdischen Welt (ayé, aiyé) und dem Jenseits (òrun). Im Diesseits dieser Welt versieht der Mensch Aufgaben zu seiner spirituellen Evolution, die "daheim" im òrun für ihn nicht greifbar sind. Ein Spruch lautet: "Der Himmel ist unser Zuhause, die Erde ist der Marktplatz", ein anderer: "Der Wissende stirbt nicht so wie der Nicht-Wissende" 1). Die irdischen Geschäfte, der Lebenskampf, der Alltag und das praktische Handeln gewinnen dadurch eine spirituelle Dimension. Himmel und Erde, Geist und Materie durchwirken einander, befinden sich im gegenseitigen Austausch. Auch wird im selben Moment, in dem das irdische Überleben, das materielle und körperliche Wohlergehen zu einem Teilbereich persönlichen Wachstums und einem spirituellen Exerzitium erwächst, die Erlangung und Ausnutzung von vitaler Kraft zu einem wichtigen Motiv. In der traditionellen Glaubensvorstellung der Yoruba entspringt jede Form individueller Kraft einem Pool universaler Energie, dem aché (ashé, àse). Aché bedeutet auch den Anschluß oder die Teilhabe des Einzelnen an dieser Energie. Jedes noch so geringe Ding, gleich ob mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, oder ob menschlicher Artefakt, besitzt einen Anteil, eine Portion spezifischer Energie, die durchaus wirksam werden kann. Dies zeugt im Grunde von einer animistischen Weltsicht. Je unstofflicher aber ein Ding oder Lebewesen wird, desto höher steigt es in der Hierarchie der Geistigkeit, und desto mehr Energie gewinnt es.

Die Religion der Lukumí ist ein erklärter Monotheismus. Sie etabliert einen einzigen Gott (Olódùmarè) als primordiale Manifestation der universalen Energie aché. Aus ihm emanieren allerdings diverse Untergottheiten, die Orishas, von denen eine jede für sich spezifische Kräfte verkörpert, Kräfte, die in ihrer Gesamtheit und ihrem Zusammenwirken das Universum konstituieren und das kosmische Gleichgewicht gewährleisten. Olódùmarè symbolisiert die undiversifizierte Energie, das reine Licht. Er wird auch Olórun oder Olófi genannt.2)

In westlichen Quellen wird die Santería, ebenso wie der Vodú (Vaudou, Voodoo) oder der Candomblé, oft als Glaubenskult bezeichnet. Dies drückt aus, daß die Santería und verwandte Religionen nicht als solche anerkannt werden, weil sie die praktische Ausübung des Kultes in stärkerem Maße in stärkerem Maße in den Mittelpunkt rücken als etwa das Christentum. Das Christentum ist extrem in seiner Betonung der Innerlichkeit. Der Buddhismus praktiziert die Versenkung, aber er praktiziert sie immerhin. Was berechtigt dazu, Religionen, die im Kult die Gotteserfahrung suchen, nicht als solche anzuerkennen?3)

Folgt man den Anschauungen von Horst E. Miers4) und Kurt Aram5), so finden sich in der Santería ebenso magische wie mystische Merkmale. Magische Merkmale sind zum Beispiel der Gebrauch von Anrufungen, der Glaube an die Wirksamkeit von Amuletten und magischen Handlungen oder die Befragung des Orakels. Mystische Züge trägt der Gottesglaube, sowie das Streben nach Elevation und spiritueller Evolution.


Ende Teil I
Veröffentlicht mit Genehmigung des Autors.


Thomas Altmann


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