In memoriam Madame Mim::
Einige Bemerkungen zur Realität
Wenn wir uns dem Begriff der Realität zunächst einmal von der wissenschaftlichen Seite näheren wollen, so muss man von zwei verschiedenen Realitätsebenen sprechen. Da ist zum einen der Kontext einer subjektiven Realität und zum anderen das Konstrukt der objektiven Realität zu betrachten.

Eine objektive Realität kann nur ein philosophisches oder naturwissenschaftliches Konstrukt sein, welches versucht, auf der Basis der subjektiv zugänglichen Parameter eine Meta-Ebene, also eine Betrachtungsweise, die oberhalb jener Parameter angesiedelt ist, zu beschreiben. Die objektive Realität ist dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen verschlossen, denn sie würde z. B. beinhalten, das der Mensch die Zeit als solche wahrnehmen könnte; d.h. der Mensch sich durch irgendeinen Mechanismus auch außerhalb der Zeit bewegen könnte. Dass dies nicht der Fall sein kann, beschreibt z. B. Gödel mittels einer mathematisch recht einfachen Beweisführung, die zeigt, das man mathematische Sätze nur dann widerspruchsfrei beweisen kann, wenn das Beschreibungssystem außerhalb des eigentlichen Rechensystems - also in einer Metaebene - angesiedelt ist.
Wenn man dieser Beweisführung folgt, kann demnach ein Mensch niemals einen direkten objektiven Standpunkt einnehmen oder eine objektive Betrachtung einer Sachlage vornehmen - ähnlich wie schon einmal von einem historischen Philosophen formuliert wurde, dass der Mensch nur die Schatten an der Wand wahrnehmen kann aber niemals zu Lebzeiten das "Wahre" sehen wird.

Diese metaphorische Umschreibung lässt sich auch durch gehirnphysiologische Betrachtungen ergänzen. Das Gehirn ist zwar ein komplexes Organ und verarbeitet sehr viele von den Wahrnehmungsorganen eingehende Reize, aber eben nicht alle Reize werden verarbeitet bzw. nicht alle Reize werden wahrgenommen. Zum anderen ist das Gehirn eine dreidimensionale Struktur, welche in der Raum-Zeit eingebettet ist - und aus der sich diese Struktur nicht herausheben kann. Daher kann das Gehirn nur in der Lage sein, gegenwärtige Reize zu verarbeiten - zeitlich frühere oder in der Zukunft liegende Reize können von ihm nicht erfasst,. von den Wahrnehmungsorganen nicht aufgenommen werden. Damit kann man schlussfolgern, dass der Mensch lediglich eine subjektive Wahrnehmung der Realität hat und sich diese subjektive Beurteilung seiner Umwelt auf alle Ebenen bezieht. Doch auch diese subjektive Aufnahme und Verarbeitung der Außenreize sind nicht ohne Problematik.

Ebenfalls durch hirnphysiologische Studien ist bekannt, das die Wahrnehmung durch vielerlei "Innenreize" und "Außenreize" verändert wird. Dies kann man mittels der menschlichen Fähigkeit der sogenannten Schmerzbeurteilung gut beschreiben - es liegen zu diesem Thema viele Forschungsarbeiten vor. Während ein gewisser Prozentsatz der Menschen etwa bei einer durchgeführten Tätowierung den wahrgenommenen Schmerz als unerträglich beschreibt, erzählt ein weiteres Kontingent davon, dass es eigentlich nicht so sehr schmerze. Andere Menschen wiederum empfinden eine Tätowierung - immer abhängig vom Geschlecht, dies sei hier erwähnt; Frauen beurteilen offenbar Schmerz anders als Männer - als wenig schmerzhaft und wieder anderen bereitet der Vorgang des Stechens sogar euphorische Freuden, die bis hin als sexuelle Sensationen empfunden werden kann.
Was bei den anderen Forschungsarbeiten sichtbar wurde, ist, dass zunächst die momentane psychische Gestimmtheit für das, was wahrgenommen wird, eine große Rolle zu spielen scheint. Diese psychische Gestimmtheit ist dabei nicht nur von der "Tagesform" des Individuums abhängig, sondern auch von sogenannten "Setting", in welchem sich der Prozess der Wahrnehmung abspielt.

Subjektive Wahrnehmung kann also durch vielerlei Faktoren beeinflusst werden. Die Beeinflussung wird dabei offenbar durch vorhergegangene Ereignisse ausgelöst - auch die Nachtträume sind solche Faktoren, genauso wie der Tagesablauf mit oder ohne Stressoren.
Ein besonderer Augenmerk wird in den Studien auf andere Personen angewandt, die das Setting aktiv oder passiv beeinflussen. Ein Versuchsleiter kann etwa die Wahrnehmung der Probanden durch suggestive Fragen oder verbal ausgesprochene Vorurteile dahingehend beeinflussen, dass tatsächlich etwas wahrgenommen wird, was als Faktum niemals statt gefunden hat - mittels solcher Methoden erfasste Zeugenaussagen fingierter Unfälle sprechen hier eine deutliche Sprache. Zum anderen kann ein Versuchsleiter durch monotones und eintöniges Setting die Wahrnehmung eines Ereignisses trüben oder gar verhindern, indem er etwa die Umgebung des Versuchsorts oder seine Einführung in den Versuch langweilig gestaltet oder negativ suggestiv einwirkt, indem er verbal das Misslingen eines Experimentes als wahrscheinlich beschreibt.

Der Mensch nimmt also seine Umgebung stets individuell und subjektiv wahr. Die Aussagen eines Menschen über die ihn umgebende Welt, sind stets gefärbt und beeinflusst von vielerlei Faktoren, denen sich der Mensch nicht bewusst ist oder die sich der Mensch nicht bewusst macht. Die Wahrnehmung ist folgerichtig stets geprägt von den eigenen Interessen, den Empfindungen, persönlichen Vorurteilen und natürlich auch dem, was man als Wohlgefühl bezeichnen könnte.
Polemisch gesprochen, können sich Menschen ihr Weltbild "zurechtlügen", indem sie bestimmte Faktoren, die ihnen nicht zusagen oder ihr Wohlgefühl beeinträchtigen, unterdrücken bzw. ihr Gehirn darauf trainieren, jene Außen- und Innenreize nicht zu verarbeiten, die nicht ihrem persönlichen Lustprinzip entsprechen. Was also - um nach diesen verqueren Wegen von möglichen Beurteilungskriterien der Welt wieder zur Kernfrage zurück zu kommen...


Was also ist denn nun die sogenannte Realität?

Sie kann nur das sein, was wir als Individuum wahrnehmen, also das, was wir ganz persönlich als "wahr" empfinden, als "richtig" oder "falsch" beurteilen. Unser Gehirn lässt keinen Liberalismus zu - mit unserem Bewusstsein können wird diese dualistische Sichtweise zwar beeinflussen, aber in unserem Inneren, in dem "was denkt", bleibt immer eine zweiwertige Logik, nach der wir unser Handeln in der Welt, die Interaktion mit anderen Menschen und auch die Beurteilung anderer Menschen ausrichten.
Die Toleranz gegenüber Außenreizen, und als nichts anders kann man die Interaktion mit der Gesellschaft oder anderen Individuen, letztendlich der Außenwelt, betrachten, wird von dieser zweiwertigen Logik geprägt - man misst, metaphorisch gesprochen, immer mit zweierlei Maß. Sprichwörtlich den Maßen, was man für sich selbst als "bekömmlich" empfindet und dem, was als "unbekömmlich" wahrgenommen wird - und dies äußert sich natürlich auch in der Wahl jener Individuen, mit denen man täglich Umgang pflegen möchte.

Ein kurzer Einwurf sei noch gewagt, denn es gibt natürlich auch Menschen, deren Wahrnehmung sich entschieden von der gesellschaftlich als normal empfundenen Sicht der Dinge scheidet.
Diese veränderte Wahrnehmung wird heute oft als pathologisch bezeichnet, als ein Krankheitsbild, welches mit den Begriffen "Schizophrenie", "Spaltungsirrsinn" oder ähnlichen Beschreibungen charakterisiert wird, kurzum die Gesellschaft erklärt jene Menschen für verrückt. Was sie natürlich nicht sind! Lediglich ihre Form von Wahrnehmung der Innen- und Außenwelt ist ver-rückt, sie haben andere, nicht der Norm entsprechende Beurteilungskriterien. Sie nehmen ihre Welt und ihre Umwelt nur auf eine andere Art wahr, ihre subjektive Realität ist ganz einfach eine andere. Und manch zeitgenössischer Beobachter, stellt die berechtigte Frage, ob jene Menschen nicht vielleicht näher an eine objektive Betrachtung der Welt heranreichen mögen, als der Zeitgenosse von nebenan ...


Magister Botanicus


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