In memoriam Madame Mim::
Hellenismos – eine neue heidnische Religion?
Hellenismos ist, kurz gesagt, die (neuheidnische) Bewegung, welche die alte Religion des klassischen Griechenlands in Glaube, Lehre und Leben rekonstruiert.

Was ist Rekonstruktionismus?
Der (heidnische) Rekonstruktionismus ("Recon") ist ein – mit Ausnahme der Asatru - weniger bekannter Zweig der (neu-)heidnischen Bewegung, der sich von anderen Arten des modernen Heidentums vor allem dadurch unterscheidet, dass er auf solide akademische und historische Tatsachen aufbaut, was die Gottheiten, ihre Verehrung und die daraus resultierende Ethik betrifft und möglichst genau den alten, rekonstruierten Riten folgt.

Andere Unterschiede sind:

die Betonung des "echten" Polytheismus (mehrere kulturell abgegrenzte Gottheiten als eigenständige Wesenheiten) im Gegensatz zu Formen des Polytheismus, bei denen entweder mehrere Gottheiten aus verschiedenen Kulturen nebeneinander gestellt werden oder Gottheiten auf Archetypen reduziert werden.
die Ablehnung eklektizistischer Praktiken, also jenes Trends, sich seine "eigene" (heidnische) Religion aus verschiedenen anderen Religionen und Traditionen zusammenzustellen.
die Skepsis gegenüber modernen "vereinheitlichenden Theologien" wie z.B. dem Duotheismus der Wicca (Konzentration auf Die Göttin und Den Gott - "alle Götter sind ein Gott und alle Göttinnen sind eine Göttin"), das Paradigma der "dreifaltigen Göttin" (Jungfrau-Mutter-Alte) oder die Jungsche Archetypenlehre.
die Betonung der individuellen spirituellen Inspiration, allerdings nur als Erweiterung, nicht als Ersatz der historischen Vorgaben.

Die obigen Punkte kann man im Web an einigen Stellen finden, ich möchte hier noch einige kritische Anmerkungen geben:

natürlich ist es nicht möglich, eine Religion, die über mehrere Jahrhunderte hinweg praktiziert wurde, als eine unveränderliche homogene Entität zu betrachten – somit ist eine exakte Rekonstruktion gar nicht möglich

jede Religion brachte Varianten (orthodoxe, liberale, Reformbewegungen) hervor, daher kann man einen gewissen Eklektizismus auch die Varianten betreffend wahrnehmen

und natürlich ist die zeitliche Distanz ein weiterer Faktor, der eine exakte Rekonstruktion erschwert, auch bei noch so gutem Quellmaterial, denn auch dessen Lektüre ist persönliche Interpretation, wie so vieles, was Religion betrifft (man denke hier z.B. an die diversen Halbgötter-Mythen – sind sie nur "bessere" Menschen oder echte "biologische" Kinder einer Gottheit?)

Viele Recons akzeptieren daher die Tatsache, dass vieles trotz der Bemühungen der Wissenschaften nur erahnt werden kann, sowie die Notwendigkeit, antike Praxis an die modernen Gegebenheiten anzupassen.Die bekanntesten Recon-Bewegungen sind Asatru, Hellenismos und Religio Romana.

Prof. Michael York definiert übrigens in seinem kürzlich erschienen Buch "Pagan Theology; Paganism as a World Religion" (NYU Press) drei Arten zeitgenössischen Heidentums:

"Geopaganismus": ein (absichtliches oder unabsichtliches) Gemisch verschiedener religiöser Praktiken in einem bestimmten geografischen Gebiet, z.B. Vodun, Macumba, Hoodoo
"Recopaganismus" (von "recovery" oder "reconstruction"), also etwa "wiederherstellendes Heidentum": Gruppen, die eine einzelne heidnische religiöse Tradition rekonstruieren (wollen)
"Neopaganismus": jeder Versuch, eine neue heidnische Religion zu konstruieren, auf der Basis von ganz oder teilweise aus anderen heidnischen Religionen übernommenen Elementen, vermischt mit anderen Komponenten, z.B. Schamanismus oder Zeremonialmagie. Hierbei ist auch zu beachten, dass jede heidnische Religion irgendwann das "neuheidnische" Stadium durchgemacht hat und dass Eklektizismus in früheren Zeiten durchaus üblich war.


Was ist Hellenismos?
Hellenismos, oder hellenischer Polytheismus, ist die traditionelle Religion des klassischen Griechenlands, rekonstruiert und an die moderne Welt angepasst. Ihre Anhänger verehren die Dodekatheoi, also die "Zwölf (olympischen) Götter", jene Gottheiten, die auf dem Berg Olympos ihr Heim hatten bzw. haben: Zeus, Hera, Apollon, Artemis, Hephaistos, Athene, Poseidon, Demeter, Hermes, Hestia, Ares und Aphrodite; manchmal werden auch noch weitere aus der griechischen Mythologie bekannte Götter wie Dionysos oder Hekate, Halbgötter wie Herakles oder auch Naturgeister (daimones) und Götter der Unterwelt verehrt. Verehrung wird auch den (physischen und spirituellen) Ahnen zuteil.
Ein wichtiges Prinzip im Umgang mit unseren Göttern ist der Austausch Gabe-Gegengabe, also z.B. "Verehrung gegen Gnade", wobei bemerkenswert ist, dass es unbestimmt ist, wer damit beginnt – mal sieht ein Gott, dass man in Schwierigkeiten ist und bietet von sich aus etwas an, mal ist es der Mensch, der um etwas ersucht und eine Gabe dafür anbietet.
Die Götter sind mächtig, aber nicht alle sind allmächtig (meist ist es der Göttervater Zeus, der Übereifrige zurückpfeift). Sie sind auch nicht allwissend. Sie sind allerdings unsterblich, das ist der Hauptunterschied zu uns Menschen. Wesentlich ist auch, dass bei den Ritualen zwar Götter angerufen, aber niemals invoziert werden – kein Mensch kann die Größe einer Gottheit verkörpern. Sie müssen auch nicht "körperlich" anwesend sein, denn wenn sie sich persönlich äußern wollen, finden sie eine menschliche Stimme, die sie sich leihen können.
Feste
Ein weiterer Unterschied zu dem Mainstream des Neuheidentums ist jener, dass die Hellenisten den üblichen Jahreskreis nicht feiern, sondern eigene Feste, basierend auf dem klassischen athenischen Festkalender haben.

Familienreligion
Hellenismos war und ist primär eine Religion, deren Ausübung sich in der Familie abspielt. Es gab nur wenige Priester, die von den Stadtstaaten für bestimmte allgemeine Feste benötigt wurden, aber die eigentliche "Priesterschaft" waren die Väter der einzelnen Familien. Religion war eine private Angelegenheit und so waren auch die Feste Angelegenheit der Familien und Sippen. Es gab auch keine Aufnahmezeremonie, man wurde ja einfach in die Religionsausübung hinein geboren.

Quellen
Bezüglich des Quellenmaterials, nach welchem "rekonstruiert" wird, ist schlichtweg zu sagen: als Hellenist kann man hier aus dem Vollen schöpfen! Wir sind zwar keine "Schriftreligion", die ein autoritäres Buch besitzt, aus welchem die allein gültige Wahrheit angeblich heraus gelesen werden kann, es gibt also kein "heiliges Buch der Griechen", aber doch jede Menge Primär- und Sekundär-Literatur, die dabei hilft, eine Basis für den Glauben zu finden. Homer und Hesiod sind u.a. jene Autoren, von denen jede Menge Informationen über den Dodekatheoi-Glauben zu beziehen sind. Und viele Wissenschaftler (z.B. Walter Burkert) aus verschiedenen Bereichen haben akademische Werke über die klassische Religion und Kultur verfasst. Drew Campbell, ein US-amerikanischer Vorreiter des Hellenismos, hat vieles für eine zeitgemäße Ausübung des Glaubens zusammen gefasst – es gibt also genug Material als solide Basis für die persönliche "Rekonstruktion" und die "Recons" sind sehr heikel, was ihre Quellen betrifft!

Ethik
Hellenische Ethik ist sehr hoch entwickelt (und war es schon in klassischer Zeit) und orientiert sich, ausgehend von der eusebeia (der "Frömmigkeit", der tief gehenden persönlichen Beziehung zu den Göttern, ausgedrückt im Ritual und im täglichen Leben), an Werten wie Gegenseitigkeit, (Gast-) Freundschaft, Selbsterkenntnis und Mäßigung.
Es besteht übrigens in der hellenischen Recon-Bewegung kein Interesse daran, die antike Gesellschaftsordnung (Patriarchat, Sklaverei, ...) wieder herzustellen, sondern nur daran, sinnvolle ethische Werte gegen die Trends der pluralistischen Freizeitgesellschaft anzuwenden. Es geht also keinesfalls um Politik, sondern um Anwendung der Religion im Alltag.


Weitere Informationen
Es gibt leider wenig deutschsprachiges Material, weder gedruckt noch im Web, zu empfehlen sind aber (auf englisch) diese allgemeine Information sowie diese Artikel sowie die österreichische Yahoo-Group .


Aku


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