In memoriam Madame Mim::
Heilung und Heilkunst   Teil I

Inspiriert von Anufas Artikel "Religion/Spiritualität – Zerwas brauch ich das?!" möchte ich mich in diesem Artikel dem von ihr angesprochenen Aspekt der Heilung widmen. 

Das Problem mit den Grundbegriffen

Es gibt eine Reihe von Fallgruben, die meiner Ansicht nach jeder Heiler kennen sollte. Ein wichtiger Punkt, der mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft schon an den Grunddefinitionen erheblich mangelt. Wenn ich jemanden heilen will, muss ich mir erstmal Gedanken machen, wie ich eigentlich Begrifflichkeiten wie "Gesundheit", "Heilung", "Lebenskraft" oder "Vitalität" definiere. Ich muss eine genaue Vorstellung von dem haben, was ich bei meinen Patienten oder Klienten erreichen will und sie natürlich auch darüber in Kenntnis setzen.

Die meisten althergebrachten Methoden wie TCM, Homöopathie, Osteopathie usw. haben dafür ihre Konzepte und Definitionen und in der Folge natürlich Techniken um deren Beschaffenheit zu untersuchen und auszuwerten. Ob ich nun von Chi, PRM oder Prana spreche ist letztlich egal, sofern ich ein genaues Bild von dem habe, mit dem ich da arbeiten will bzw. was ich herbeiführen möchte. Erst dann kann ich mir überhaupt Gedanken machen welche Behandlungstechniken ich überhaupt anwende und wo. Und diese Techniken sollten natürlich auch zu meinen Basiskonzepten passen.

von giphy.com


Wissen und Intuition

Sehr häufig jedoch lese ich, dass sich auf "so'n Gefühl" verlassen wird und man sich mit der Definition von diesen Grundbegriffen überhaupt nicht befassen möchte, weil man glaubt, das auch erfühlen zu können. Nichts gegen intuitive Herangehensweisen, aber Intuition sollte idealerweise im Rahmen einer in sich logischen und einigermaßen irrtumssicheren Methodik angewandt werden, sonst ist die Gefahr groß, dass ich mir schlichtweg etwas einbilde und meinem Klienten schade. Viele althergebrachte alternative Heilweisen, die schon seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten praktiziert werden bieten solche Definitionen, die auch einem spirituellen Weltbild kein bisschen widersprechen, es lohnt sich, davon eine auszuwählen und sich ein solides Wissen als Basis anzueigenen und wer gern vielseitig arbeitet mag sich vielleicht auch noch eine zweite oder dritte Methoden ansehen. Abraten möchte ich aber von Patchwork-Konzepten, die auf reinem Schlagzeilenwissen beruhen. Zum erlernen einer Heilmethode gehören auch immer die Inhalte die man langweilig und schwierig findet. Beim Stricken einer Patchworkphilosophie besteht die Gefahr, dass ich mich nur immer wieder selbst bestätige und dabei leider auch meine Irrtümer. Tatsächlich gehört es aber zum Weg eines Heilers dazu gerade die Konzepte zu hinterfragen, die man für selbstverständlich hält und sich auch mal auf jene offen und unvoreingenommen einzulassen, die einem überhaupt nicht gefallen.

Intuition ist normalerweise etwas, das mit der Erfahrung stärker wird, aber selbst die erfahrensten Therapeuten, sollten ein solides Fundament aus den so unbeliebten Definitionen und Konzepten haben auf das sie immer wieder zurückgreifen können. Hinzukommt, dass solche Begrifflichkeiten auch den zu Behandelnden nicht außer Acht lassen dürfen. Welche Vorstellung hat mein Patient/Klient überhaupt von Gesundheit oder Vitalität und wie erlebt er überhaupt den Mangel dieser Dinge? Auch hierüber machen sich leider viele keine Gedanken und glauben Kraft ihrer Visionen und Ahnungen genau zu wissen, was zu tun ist, damit es jemandem besser geht.

"Hypnosis" 1904, Sascha Schneider, Wikimedia Commons


Illusionen der Heiler

Auch wenn ich mit meinem Klienten gut kommuniziere und mir ausschweifende Beschreibungen von deren Gefühlszustand anhöre, wenn mir solche Grundkonzepte und -definitionen fehlen, lauert schon die nächste Fallgrube, nämlich meinen Behandlungserfolg von den Befindlichkeiten des Klienten abhängig zu machen. Sehr oft lese ich, dass Heiler es ganz selbstverständlich als ihren Verdienst ansehen, dass der Patient überglücklich nach der Behandlung war oder heftigen negative Reaktionen durchgemacht hat, die dann als eine Art "Heilkrise" interpretiert werden. Gewiss gibt es Methoden die solche Reaktionen häufig nach sich ziehen, dennoch darf man sich als Heiler auf keinen Fall von solchen Reaktionen abhängig machen und sie schon gar nicht per se als eine geglückte Heilung interpretieren. Befunde müssen in irgendeiner Weise objektivierbar sein und sei es auch nur, dass ich nach meinen persönlichen Definitionen einen Vorher/Nachher-Vergleich anstelle und eine tatsächliche Veränderung erkenne, die eindeutig auf meine Intervention zurückzuführen ist. Manchmal werden Patienten auch TROTZ Behandlung gesund, das heißt ich kann nie genau wissen, was von dem was ich unternommen habe wirklich zur Heilung geführt hat. Man spricht dabei auch von der sogenannten therapeutischen Illusion, wenn von mir unabhängige Dinge eine Heilung bewirkt haben, die ich aber fälschlicherweise als meinen Erfolg verbuche.

In manchen Disziplinen der Osteopathie zB. gilt es sogar als schlampige Arbeit, wenn man heftige emotionale Reaktionen auslöst. Die Rede ist vom sog. Somato Emotional Release ein Konzept, das John Upledger entwickelt hat. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass emotionale Inhalte im Körper in sog. "Zysten" gespeichert sind und durch manuelles Einwirken auf die entsprechenden Körperstellen durch einen Behandler gelöst werden können. Hierbei besteht der Anspruch, dass selbst schwere psychische Traumata auf der Körperebene spürbar und damit auch dort lösbar zu sein haben. Die sichtbare Reaktion davon sollte absolut NICHTS sein. Keine Träne, keine melodramatischen Gefühlsausbrüche, maximal ein leises Seufzen, egal wie schwerwiegend das Trauma ist. Und das hat hinterher eine deutliche Verbesserung aufzuweisen, sonst gilt die Behandlung als erfolglos. Es mag verlockend sein, die Reaktionen des Klienten als Bestätigung für sich selbst heranzuziehen, aber entscheiden sollten klare Befunde im jeweiligen Konzept sein in dem man arbeitet. Das mag den Showeffekt der Heilung erheblich schmälern, aber es senkt auch das Risiko einer Retraumatisierung enorm und ist deutlich angenehmer für den Patienten/Klienten.

Im nächsten Teil werde ich mich weiteren heilerischen Meinungen widmen, die mir verstärkt in der Internetszene auffallen, wie zB. zum Thema "Blockaden", "Energien" oder "Psychosomatik".


Ende Teil II


Sat Ma´at 


Heilung und Heilkunst – Teil 4 14.10.2017
Heilung und Heilkunst - Teil III 07.10.2017
Heilung und Heilkunst - Teil I 23.09.2017
Heilung und Heilkunst - Teil I 16.09.2017
Religion/Spiritualität - Zerwas brauch ich das?! 02.09.2017
Auf den Spuren der Azteken - Moderner Mexica Rekonstruktionismus 15.07.2017
Hausgeister 27.05.2017
Religion und Kultur - Teil III 25.12.2016
Religion und Kultur - Teil II 03.12.2016
Religion und Kultur - Teil I 19.11.2016
Neuheidentum vs. Shinto: Heilige Gegenstände 05.11.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil IV 16.04.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil III 26.03.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil II 12.03.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil I 27.02.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil VI 30.01.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil V 16.01.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil IV 02.01.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil III 12.12.2015
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil II 06.12.2015
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil I 28.11.2015
Spiritueller Burnout? 31.10.2015
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Niemand, der böse ist, ist dabei wirklich glücklich… - Teil I 17.10.2015
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Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen - Teil III 27.06.2015
Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen - Teil II 13.06.2015
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Pflanzen, Magie, Intuition und menschenfressende Tiger 15.11.2014
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Kultureller Aberglaube 26.07.2014
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Gibt es ein richtiges Leben im falschen? 02.11.2013
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Gesunde Skepsis 01.06.2013
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Die "andere Welt" - Teil II 19.05.2012
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Weihnachten durch die Kulturen - Teil II 08.01.2011
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Wer hat dich, du deutscher Wald? - Teil I 15.12.2007
Der Heilige Gral 24.11.2007
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Leben von und mit dem Land 25.08.2007
Bericht aus Amerika - Teil II 07.07.2007
Bericht aus Amerika - Teil I 30.06.2007
Mein Frühling 07.04.2007
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Die Rauhnächte 23.12.2006
Ninpo - Philosophie der Krieger - Teil II 16.09.2006
Ninpo - Philosophie der Krieger - Teil I 09.09.2006
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Die Figur des Teufels in Kunst und Kultur - Teil I 17.06.2006
Yoruba-Religion - Lukumi - Teil IV 13.05.2006
Yoruba-Religion - Lukumi - Teil III 06.05.2006
Yoruba-Religion - Lukumi - Teil II 15.04.2006
Yoruba-Religion - Lukumi - Teil I 11.04.2006
Weiterentwicklung 07.01.2006
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Anknüpfungspunkte - Teil I 10.12.2005
„Gott ist tot“ 17.09.2005
Das Schwarzzelt 25.06.2005
Naturwissenschaft und Naturreligion - Teil III 16.04.2005
Naturwissenschaft und Naturreligion - Teil II 09.04.2005
Naturwissenschaft und Naturreligion - Teil I 02.04.2005
Einige Bemerkungen zur Realität 29.01.2005
Diskordia... 06.11.2004
Amduat - das erste Unterweltsbuch der Ägypter 04.09.2004
Die Religion der Ägypter 10.07.2004
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Kulturelle Identität - am Beispiel des Konstruktes "Lebensbaum" 13.03.2004
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Die dunkle Jahreszeit - Teil I 26.10.2002
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Gurus, Mit- und Gegenläufer 05.05.2002
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Über die Spiritualität der Maori 06.04.2002
Der weite Weg 29.12.2001
Gespräche mit dem Göttlichen in mir 30.11.2001





               
                   
                   



    

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