In memoriam Madame Mim::
Religion/Spiritualität - Zerwas brauch ich das?!

Im neuheidnischen Bereich gibt es einige Fragen, die selten bis nie gestellt werden – würden sie das, schaute das Neuheidentum wahrscheinlich um einiges anders aus.

Eine dieser Fragen ist die nach dem „Wozu“

Also wozu wird jemand Neuheide? Dafür möchte ich aber ein wenig ausholen, nämlich in den weiteren Bereich der Religion. Wozu braucht der Mensch überhaupt Religion, Ritual, Spiritualität?

Indischer Premier
am Welt-Yoga-Tag

Für mich persönlich hat funktionierende Religion ganz viele Aspekte, darunter auch den sozialen, den lebensverbessernden, den persönlichkeitsentwickelnden, den gesellschaftsordnenden Anteil. Deshalb verwendet ich auch für all diese Themen gerne den Ausdruck „Religion“ und werde das somit auch hier tun. Also auch wenn – gerade – viele Neuheiden allein bei diesem Wort schon das Gruseln kriegen, ich verwende ihn bewusst und gerne. Generell bin ich davon überzeugt, dass jegliche Strategie, jeglicher Plan ge- aber auch missbraucht werden kann. So auch Religion und die damit verbundenen Themenkomplexe!! Die Geschichte liefert uns Unmengen an Beispielen, dieses Ge- und auch Missbrauches und die Lösung ist in meinen Augen sicher nicht, die Abschaffung von Religionen im Allgemeinen.

Baum des Lebens

Religion bedeutet für mich: ein bestimmtest Glaubensgebäude zu haben, ein definiertes Weltbild und das auf allen Ebenen. Angefangen bei „wo komme ich her“ bis zu „wo werde ich einmal enden“ und dem ganzen Leben dazwischen mit all den Herausforderungen, die sich einem Menschen so stellen (können). Das bedeutet dass ich mich als Mensch erfahren kann, mich als Teil einer Gemeinschaft, mich als Teil der Welt und schlussendlich des ganzen Seins wahrnehmen und verorten kann. Das wäre mein „Wozu“.
Dadurch ist auch ersichtlich, dass jedes System, das das zu leisten im Stande ist für mich gleich valide ist – ob es sich selbst als Religion verorten würde oder nicht.
Die Anregung zu diesem Artikel stammt aus einer Diskussion auf facebook zum Thema „Wozu schamanische Praxis?“ und diese Diskussion bestätigt so einiges, was ich persönlich über die Jahre aus dem neuheidnischen Bereich gelesen habe.


Heilung als Schlagwort

Das Schlagwort „Heilung“ ist eines, das immer wieder fällt. Allerdings fällt das in schamanischen oder hexenorientierten Kreisen öfter als in den rein „magischen“ Ecken. Als Hauptmotivation empfinde ich dieses Ansinnen als nicht wirklich geeignet.
Sofern sich das auf den einzelnen Praktizierenden bezieht, also im Sinne von „Selbstheilung“ sehe ich darin noch kein großes Problem. Schwierig wird es dort, wo dann auch andere Menschen „geheilt“ werden sollen. Da wären wir eigentlich im Bereich des Gesundheitswesen, das ländertypische Voraussetzungen verlangt, die dann entweder gegeben sind oder auch nicht.

Mein persönlicher Zugang für die Arbeit mit anderen wäre – egal wie auch immer die aussehen mag – die vom Gesundheitssystem ortsüblich verlangten Voraussetzungen zu erlangen und erst dann die eigenen spirituellen Erfahrungen in diese Arbeit einfließen zu lassen. Gerade bei neu dazugekommenen Heiden ist diese Verzögerung vielfach mehr als gesund, weil der Anfängerenthusiasmus schon abgeebbt sein sollte, wenn dann schlussendlich die rechtlichen Fragen zufriedenstellend erledigt sind. Aus meiner Erfahrung und Beobachtung heraus kann ich sagen, dass „spirituelle“ Ausbildungen öfter den professionellen Anteil der Arbeit mit anderen vermissen lassen als sie ihn wirklich bieten. Deshalb rate ich hier zu doppelter Aufmerksamkeit und dem Augenmerk auf Eigenverantwortung.
Sollte die Heilung im eigenen Selbst angestrebt sein, ist es sinnvoll auf ein Sicherheitsnetz zusätzlich zu setzen! Sinnvoll wäre es am Anfang heraus zu finden, warum Heilung auf diesem Gebiet gesucht wird und nicht z. B. durch Psychologie. Bei vielen Problemen (die vom Allgemeinmediziner nicht behandelt werden) ist der Psychologe wohl der primäre Ansprechpartner. Meiner Erfahrung nach wird gerade in belasteten Situationen der Beginn eines neuen spirituellen Weges alles andere als einfacher.
Da ein solcher in den allermeisten Fällen mit der Selbsterforschung beginnt (oder beginnen sollte) werden persönliche Probleme noch zusätzlich an die Oberfläche gebracht und sollten bearbeitet werden. Wenn die Ressourcen sowieso schon knapp sind, dann stehen die Chancen dazu nicht so besonders gut. Je gesettelter das Leben sich darstellt, desto besser können die auftauchenden Herausforderungen bewältigt werden.


Dann halt zurück in die
„Schule“?

Es sieht also so aus, als ob eine zertifizierte und offizielle Ausbildung Abhilfe schaffen und Sicherheit bieten könnte, wenn es um Religion geht. Was ich für die Arbeit mit oder an anderen durchaus als notwendig erachte, so unnötig sehe ich das für persönliche spirituelle Praxis an.
Ein Glaubensgebäude, eine Weltsicht lässt sich durch das Leben erlangen oder mensch bekommt es von seinem Lebensumfeld vermittelt. Durch einen Kurs, eine Ausbildung, einen oder mehrere Workshops ist das nicht zu bewerkstelligen.

Es kann Wissen erlangt werden aber dieses muss dann noch in die Tat umgesetzt werden. Das reicht in meinen Augen durchaus für den Broterwerb oder eben um anderen einen Dienst zu tun. Das hat aber keinen zwingenden Einfluss auf den Anwender selber. Sonst gäbe es kaum gestresste Ärzte, straffällige Richter oder oder oder.
Mit seinem Gewicht unglücklich zu sein ist eine Sache (ohne diese Erkenntnis sind Änderungen im Verhalten meiner Erfahrung nach eher fruchtlos bzw werden erst gar nicht angegangen), Diäten zu machen eine andere (dadurch werden keine bleibenden Veränderungen hervor gebracht). Aus der Diäterfahrung heraus Diätberater zu werden wieder etwas anderes (das kann auch mit höherem Gewicht immer noch gut funktionieren, aber die Ernährung und das Leben umzustellen, sodass Gewichtsprobleme kein Thema mehr sind – ist ein ganz andere Sache.


Die Frage ist jetzt real – WOZU ich mich mit Religion beschäftigen will

Will ich Dienstleister für andere sein und damit eventuell auch Geld verdienen? Dann kann ich Wissen im Bereich Ritualleitung erwerben, kann auf dem Gebiet „Selbstfindung und Heilung“ mir Fertigkeiten aneignen, kann künstlerisch tätig sein und Handwerksprodukte anbieten, die in diesem Bereich Verwendung finden.
Will ich einfach irgendwo dazu gehören, Freundschaften finden, eine Ersatzfamilie haben? Dazu gäbe es auch anderweitig genügend Vereine oder Hobbies, die unter Umständen dafür sogar besser geeignet wären.
Habe ich jemanden kennen gelernt, der mich fasziniert hat und möchte „das“ jetzt auch sein/haben/können?
Will ich etwas Besonderes sein/können?

Je ehrlicher und offener ich mir diese Fragen (und vielleicht noch einige mehr!!) beantworte, desto zufriedener und glücklicher werde ich in der Zukunft schlussendlich sein. Das wage ich jetzt einmal aus der Kristallkugel zu lesen ...


Anufa


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