In memoriam Madame Mim::
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden   Teil III

Nachdem ich im letzten Mehrteiler auf Entwicklungsstufen eingegangen bin (siehe "Ist Religion wirklich so schlimm?"), haben sich einige Fragen zu spirituellen Methoden ergeben ...

Entwicklung der Zustände

Werden Bewusstseinszustände trainiert, entfalten sie sich üblicherweise in der Reihenfolge wach -> subtil -> kausal -> reiner Zeuge -> non-dual. D.h. auch hier scheint es eine Stufenabfolge zu geben. Und das ist auch so, man kann dazu Zustands-stufen sagen. Allerdings folgen diese anderen Gesetzmäßigkeiten als die Entwicklungsstufen. Es ist z.B. durchaus möglich, eine Gipfelerfahrung in einem höheren Zustand zu haben, was bei Entwicklungsstufen unmöglich ist. Zweitens enthalten Entwicklungsstufen jeweils alle unteren Stufen. Bei Bewusstseinszuständen ist das exklusiv. Und drittens sind Entwicklungsstufen permanent, während Bewusstseinszustände sich ständig ändern.

Entwicklungsstufen
Zustände
Permanent Wechselnd
Stufen umfassen untere Stufen Immer nur ein Zustand möglich
Treten strikt nacheinander auf Treten bei Schulung nacheinander auf,
Gipfelerfahrungen jederzeit möglich
Keine Erfahrung höherer Stufen möglich Gipfelzustände möglich
Können nicht wahrgenommen werden Können unmitellbar wahrgenommen werden

Dazu muss man noch sagen, dass spezifische Methoden auf spezifische Zustände zielen. So zielen die meisten schamanischen Methoden auf den psychischen Zustand ebenso wie Meditation auf eine Form, ein Mantra o.Ä., Kundalini Yoga, Reiki, Aura sehen etc.

Diese Methoden bringen den Ausübenden dann dorthin, sehr oft jedoch nicht weiter in den kausalen Zustand. Dieser Übergang ist üblicherweise mit grossem Leid verbunden, da das ganze Licht, die Wonne und positiven Dinge, die im psychischen/subtilen erlebt wurden aufgegeben werden müssen. Es hat sich die Bezeichnung “Dunkle Nacht der Seele” von Johannes vom Kreuz dafür eingebürgert.

Vor allem formlose Meditationen vie Zazen, Vipassana, Kontemplation usw zielen auf den kausalen Zustand, einige Formen darüber hinaus auf den reinen Zeugen und darüber hinaus. D.h. letztendlich ist man auch ein wenig von der Methode limitiert.

Durch Schulung kann man nun ein samadhi oder satori in jedem Zustand erleben. Sie sehen nur ein bisschen anders aus.

Im psychischen Zustand ist man typischerweise plötzlich eins mit der Natur, die einen umgibt (also konkret z.B. Bäume, Felsen usw). Und man ist buchstäblich eins mit ihnen. Dies kann sich auch auf subtile Erscheinungen wie Kami, Gottheiten, Engel usw erstrecken.

Im subtilen Zustand ist man eins mit etwas, das man als Gott wahrnimmt (der sich oft riesengross anfühlt), das jedoch immer noch gewisse duale Prinzipien hat. Dies entspricht im wesentlichen der Vorstellung einer dialogischen Natur mit einem getrennten Wesen aus dem Christentum, mit dem man plötzlich eins wird.

Im kausalen Zustand ist man dann typischerweise tatsächlich eins mit diesem Gott, man ist dieser Gott und es existiert nichts ausserhalb.

Im nondualen Zustand ist man dann nicht mehr eins mit Gott, es gibt keinen Gott und kein Selbst, es gibt trotzdem noch die Welt der Form und die der Leere, die aber hyper-differenziert und trotzdem eins sind, während man das alles auf einmal ist.


Wie passen Stufen und Zustände zusammen?

Wie genau passen nun Entwicklungsstufen und Bewusstseinszustände zusammen? Dies hat für viel Verwirrung gesorgt.

Auf den ersten Blick sehen beide recht ähnlich aus. Es passiert eine Entwicklung und die führt durch verschiedene Stufen. Betrachtet man ausserdem die Entwicklungsstufen, so sehen die höheren Stufen (Petrol, Türkis und höher) “spiritueller” aus. Im ersten Versuch packte man daher die Zustandsstufen auf die Entwicklungsstufen drauf. Dabei kam es zu zahlreichen Widersprüchen und Paradoxien. Nach einer genauen Betrachtung der Unterschiede, kamen Ken Wilber und Allan Combs letztendlich auf dieselbe Struktur, das sogennanten Wilber-Combs Raster. Dies ist ganz einfach, die Stufen und Zustände bilden eine Matrix, wie im folgenden Bild.WilberCombs_IT_Colors


Was heisst das nun?

Das heisst, dass man (theoretisch) jeden Zustand auf jeder Entwicklungsstufe erleben kann, man wird aber das, was man wahrnimmt unter der Sicht der Entwicklungsstufe interpretieren.

Z.B. kann man auf Infrarot auch alle Zustände erleben (natürlich als wachen, träumen und Tiefschlaf), wobei der nonduale nur theoretisch ist, da dieser nur über Schulung erreicht werden kann.

Und nein, Kinder sind nicht ständig in ach so glorifizierten samadhi-Einssein-Zuständen unterwegs, oder gar das Eine (kausal oder non-dual). Sie sind nur undifferenziert und offener für Zustandswechsel und äußere Wahrnehmungen, das Einssein ist aber kein echtes Einssein, sondern eine chaotische Verschmelzung.

Ein paar Beispiele:

Jemand erlebt z.B. ein intensives Lich in einem subtilen Zustand. Er befindet sich auf Rot und  kommt aus einer christlichen Kultur. Somit schreibt er das Erlebnis Jesus zu und fasst es als allumfassende Bestätigung des christlichen, buchstäblichen Glaubens auf und fühlt sich dadurch veranlasst, das jetzt zu predigen und mit flammendem Schwert durchzusetzen.

Ein Mönch in Tibet, der jahrelang meditiert hat und sogar non-duale Zustände erreicht, somit als Erleuchtet und allwissend angesehen wird, sich aber trotzdem noch auf Bernstein befindet, wird möglicherweise trotzdem homophob sein, ethnozentrisch agieren und keine Ahnung von 7 Nanometer Technologie für Mikrochips haben (sollte er doch, wenn er allwissend ist, oder?).

Jemand auf Orange, der eine intensive Gipfelerfahrung in einem subtilen Zustand hatte, wird das möglicherweise als Täuschung, Illusion oder Fata Morgana abtun. Möglicherweise sogar sich selbst in ernsthaften psychischen Problemen sehen (tatsächlich werden Leute mit solchen Erfahrungen in Orangen Gesellschaften oft psychiatrisch kaserniert)

Jemand, der sich bis auf Türkis hochentwickelt hat, kann trotzdem noch nie ein samadhi oder satori erlebt haben und wird nur durch die natürlichen Formen der Zustände im Traum und Tiefschlaf gehen, ohne auch nur die geringste Ahnung von non-dualen Dingen zu haben.

Man sieht, es sind alle Kombination möglich.


Ende Teil III


Michael Oswald


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