In memoriam Madame Mim::
Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen   Teil II

Schöpfungsmythen sagen viel aus über die jeweiligen Werte und Mentalitäten der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Sie begründen in besonderem Maße eine Weltordnung und unantastbare gesellschaftliche Institutionen. In dieser Serie möchte ich den pelasgischen, den indoeuropäischen und den christlichen Schöpfungsmythos sowie die häufig damit verbundenen Erzählungen von der Erschaffung der Menschen vergleichen.

Der indoeuropäische Schöpfungsmythos (rekonstruiert)

Nachdem in ersten Teil der matriarchale pelasgische Schöpfungsmythos dargestellt wurde, folgt nun der Schöpfungsmythos der patriarchalen Indoeuropäer.

Die Erschaffung der Welt und der Menschen

Typisch Indoeuropäisch ist die Vorstellung von einem Abgrund oder einer Leere am Beginn der Welt (Ginnungagap), wie er in der Edda beschrieben wird: „In uralten Zeiten, da gab es nichts, weder Sand noch Meer, noch nasskalte Wellen. Erde war nirgends und kein Himmel oberhalb davon, nur gähnender Abgrund.“

Dieser Abgrund war der Ursprung allen Seins, denn aus ihm entstand der Kosmos. Die Edda sagt: „Und der gähnende Abgrund wurde dort so warm wie die windlose Luft. Und wo sich der Reif und der heiße Luftzug begegneten, da taute und tropfte es. Und aus diesen Gischttropfen entstand Leben.“

Es entstanden zwei Brüder, Manu (=Mann oder Mensch) und Yemo (germanisch Ymir, was Zwilling oder der Andere bedeutet). Sie streiften durch den Kosmos und ernährten sich von der der Milch der Urkuh, die in der germanischen Mythologie Audhumla genannt wird.

Schließlich entschieden sich Manu und Yemo, die Welt zu erschaffen, die wir bewohnen. Zu diesem Zweck tötete Manu seinen Zwilling und schuf aus seinem gigantischen Körper mit Hilfe der Himmelsgötter – des Himmelsvaters von Typ Zeus oder Jupiter, des Sturmgottes des Krieges von Typ Thor und der göttlichen Zwillinge, die bei den Römern Castor und Pollux genannt wurden – die Sonne, den Mond, das Meer, die Erde und alle möglichen Geschöpfe. Manu wurde der erste Priester, der Schöpfer des Opferrituals, der Grundlage der Weltordnung.

Nachdem die Welt erschaffen wurde, schenkten die Himmelsgötter dem dritten Mann, Trito zahlreiches Vieh. Aber dieses Vieh wurde von einer hundertköpfigen Schlange namens Ningwhi (=Negation) gestohlen. Der Dritte Mann konnte das Vieh mit Hilfe des Sturmgottes wiedergewinnen. Sie gingen zur Höhle des Monsters, töteten es und brachten das Vieh zurück, wo es u.a. als Opfer für die Götter diente. Trito wurde der erste Krieger, der den Wohlstand des Volkes sichert und es ihm ermöglicht, durch Opfer das Wohlwollen der Götter zu erhalten. (vgl. Anthony 2007, S. 134)

Ob die Erschaffung der Menschen aus Bäumen, insbesondere des Mannes aus der Esche typisch indoeuropäisch ist oder abgeleitet, ist unbekannt.

Interpretation

Die indoeuropäische Kultur entstand um 5500 v.u.Z. in den Steppen Südrusslands, an den Flüssen Dnjepr, Don und Wolga. Wie Ausgrabungen ergaben, gingen die Protoindoeuropäer direkt vom Stadium der WildbeuterInnen des Mesolithikums zur Wirtschaftsform nomadisierender Viehzüchter über. Ackerbau betrieben sie kaum. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Indoeuropäer im völligen Gegensatz zu den sie umgebenden Kulturen seit ihrer Auswanderung in die Steppen patriarchal waren. In drei Wellen (4400-4300, um 3500, 3000-2200 v.u.Z.) stießen die Indoeuropäer dann in die Balkanregion, nach Griechenland, nach Mittel-, Nord- und Westeuropa vor, wobei sie die hochstehende „Zivilisation der Göttin“ (Marija Gimbutas) zerstörten und überall gewaltsam das Patriarchat etablierten. Im Zuge dieser Expansion entwickelte sich auch die einheitliche indoeuropäische Sprache auseinander und es entstanden die heute bekannten indoeuropäischen Sprachen und Sprachgruppen, wie Griechisch, Latein, keltische Sprachen, germanische Sprachen etc. In unterschiedlichem Ausmaß wurden alle diese Sprachen von den einheimischen alteuropäischen bzw. den finno-ugrischen Sprachen beeinflusst und verändert (vgl. Haarmann 2010, S. 152).

Genauso wurde auch die indoeuropäische Mythologie modifiziert, die als solche in Reinform nicht erhalten ist. WissenschaftlerInnen haben versucht, die Schöpfungsgeschichte der Indoeuropäer aus den gemeinsamen Elementen der Mythologien der indoeuropäischen Völker, insbesondere der indischen, der germanischen, der griechischen, teilweise auch noch der römischen und der baltischen Mythologien, zu rekonstruieren. Dieser Versuch muss in Teilen spekulativ bleiben. Die hier dargestellte Version stammt hauptsächlich vom Archäologen David W. Anthony. Wie der Versuch von Kurt Oerthel vom Eldaring zeigt, sind auch etwas andere Lösungen möglich.

Die Geschichte von der Opferung des Zwillings findet sich in zahlreichen indoeuropäischen Mythologien so in der germanischen (Ymir), der römischen (Remus), der persischen (Yima) und der indischen (Purusa, vgl. Rigveda 10,90).

Die indoeuropäische Schöpfungsgeschichte zeigt ein selbstbewusstes Patriarchat, Frauen kommen hier überhaupt nicht mehr vor. Am Ursprung der Welt steht keine Geburt oder eine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Zergliederung eines riesigen Wesens, also das genau entgegengesetzte Prinzip. Während der biblische Schöpfungsbericht noch einige Mühe aufbringen musste, um plausibel zu machen, dass der männliche Gott Jahwe die Welt genauso gut erschaffen kann, wie diverse Göttinnen in seiner Umgebung (siehe unten), ist das hier gar nicht mehr nötig.

Die Schöpfung basiert hier quasi auf einem Menschenopfer und erklärt die Notwendigkeit der ersten beiden Stände der indoeuropäischen Gesellschaft, also der Priester und Krieger. Aufgabe der Priester ist die richtige Darbringung der Opfer an die Götter. Die Opferung Yemos durch Manu war die Voraussetzung für die Erschaffung der Welt überhaupt genauso wie aktuelle Opfer ihren Fortbestand garantieren.

Möglicherweise spielen in der Darstellung der Zerstückelung Yemos auch noch alte, nicht mehr ganz verstandene schamanische Traditionen eine Rolle.

Trito ist der erste Krieger und er schafft mit seiner „Wiedergewinnung“ des Viehs die Grundlage für den Wohlstand der ersten Menschen, genauso wie die indoeuropäischen Krieger zu ihrer Zeit mit ihren Vieh-Raubzügen den aktuellen Wohlstand garantierten.

Der Mythos von Trito rechtfertigt den Viehraub von den benachbarten matriarchalen Völkern Alteuropas. Denn er besagt eindeutig, dass die Götter nur denjenigen Menschen Vieh zugestehen, die ihnen mit den richtigen Ritualen opfern. Da die Menschen Alteuropas dies nicht taten sondern vielmehr die Große Göttin verehrten, waren sie Freiwild, die das Vieh unrechtmäßig besaßen, das eigentlich den Indoeuropäern zustand und das ihnen deshalb weggenommen werden musste, genauso wie Trito das Vieh von der hundertköpfigen Schlange Ningwhi zurückgewann und sie schließlich tötete.

Hinzu kommt, dass die indoeuropäischen Initiationsriten vorsahen, dass männliche Jugendliche sich zu einer Gruppe von Kriegern zusammenschließen mussten, um Feinde zu überfallen und zu töten (Männerbünde). Erst wenn sie dieses Stadium überlebt hatten, wurden sie zu richtigen Menschen und bekamen Sitz und Stimme im Stammesrat. Frauen und Mädchen konnten dieses Stadium nie erreichen und waren demnach per Definitionem keine richtigen Menschen, genauso wenig wie die Angehörigen anderer Völker, solange sie nicht die indoeuropäische Religion und Sitten annahmen, also vor allem „richtig“ opferten.

Da die Indoeuropäer auf Pferden ritten, konnten sie sich sehr schnell über hunderte von Kilometern bewegen und das Vieh schnell davon treiben, wenn der Widerstand zu stark wurde. Aus diesen Viehdiebstählen entwickelte sich ein endemischer Kriegszustand, der die hochentwickelte Zivilisation Alteuropas im Donautal zerstörte. (vgl. Anthony 2007, S. 239)

Literatur
David W. Anthony: The Horse, the Wheel and Language, Princeton and Oxford 2007
Kurt Oertel: Die germanische Religion vor ihrem indo-europäischen Hintergrund, 2002, im Internet: http://www.eldaring.de/pages/germanisches-heidentum/die-germanische-religion-vor-ihrem-indo-europaeischen-hintergrund.php
In den folgenden Teilen Drei und Vier wird der christliche Schöpfungsmythos, die Paradieserzählung und der Mythos vom Sündenfall dargestellt und interpretiert.


Ende Teil II


Mara


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