In memoriam Madame Mim::
Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen   Teil I

Schöpfungsmythen sagen viel aus über die jeweiligen Werte und Mentalitäten der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Sie begründen in besonderem Maße eine Weltordnung und unantastbare gesellschaftliche Institutionen. In dieser Serie möchte ich den pelasgischen, den indoeuropäischen und den christlichen Schöpfungsmythos sowie die häufig damit verbundenen Erzählungen von der Erschaffung der Menschen vergleichen.

Der pelasgische Schöpfungsmythos (rekonstruiert)

Vorwort

Der im Folgenden nacherzählte pelasgische Schöpfungsmythos und der Mythos vom goldenen Zeitalter stammen aus dem Buch Griechische Mythologie von Robert von Ranke-Graves. Ich habe sie teilweise gekürzt und insbesondere in der Darstellung des silbernen Zeitalters etwas zur Verdeutlichung eingefügt. Das ist dann selbstverständlich meine Interpretation dieser Geschichte.

Die Erschaffung der Welt

Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos. Aber sie fand nichts festes, darauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen. Sie tanzte gen Süden und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eigenes zu sein, mit dem sie das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und erfasste diesen Nordwind und rieb ihn zwischen ihren Händen. Und, siehe da! Es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, wild und immer wilder, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte. So ward Eurynome vom Nordwind, der auch Boreas genannt wird, schwanger.

Dann nahm Eurynome die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte zu ihrer Zeit das Weltenei. Aus diesem Ei fielen alle Dinge, die da sind: Sonne, Mond, Planeten, Sterne, die Erde (Gaia) mit ihren Bergen und Flüssen, ihren Bäumen und Kräutern und lebenden Wesen (Ranke-Graves 1994, S. 22ff).

Erschaffung der Menschen und die Sage vom goldenen Zeitalter

Gaia, die Tochter der Eurynome, gebar nur aus sich heraus die ersten Menschen, die entweder in Attika oder in der Nähe des Kopais-Sees in Böotien gelebt haben sollen.

Diese ersten Menschen waren die Goldene Rasse. Sie lebten ohne Sorge und Arbeit; sie aßen nur Eicheln, wilde Früchte und Honig, der von den Bäumen tropfte und tranken die Milch der Schafe und Ziegen. Sie alterten nie und tanzten und lachten viel; für sie war der Tod ebensowenig ein Schrecken wie der Schlaf. Sie alle sind nicht mehr. Aber ihre Seelen überlebten als Geister glücklicher, ländlicher Zufluchtsorte, als Spender von Glück und als Hüter der Gerechtigkeit.

Als nächstes kam eine silberne Rasse, die sich vom Brot ernährte. Auch sie war eine Schöpfung der Götter, von Gaia und Kronos. Die Sippen wurden von den angesehensten Frauen angeführt. Sie verehrten ihre Göttinnen, wie Gaia, die Großen Göttin, aber sie opferten keinen männlichen Gottheiten. Die Menschen der silbernen Rasse lebten friedlich zusammen und bekämpften einander nicht, allerdings mussten sie länger für ihren Lebensunterhalt arbeiten, als die goldene Rasse. Zeus vernichtete sie alle.

Danach kam die bronzene Rasse, die wie Früchte von der Esche fielen. Sie trugen Bronzewaffen, aßen sowohl Fleisch als auch Brot und fanden Freude am Krieg: Sie waren dreist und mitleidlos. Der schwarze Tod raffte sie alle hinweg.

Die vierte Rasse war ebenfalls bronzen, aber edler und großzügiger, da sie von den Göttern mit sterblichen Müttern gezeugt worden waren. Sie kämpften bei der Belagerung von Theben, auf der Argonautenfahrt und im Trojanischen Krieg. Sie sind Heroen und bewohnen die elysischen Gefilde.

Die fünfte Rasse ist die Eisenrasse unserer Tage, wertlose Abkömmlinge der vierten Rasse. Sie ist entartet, grausam, ungerecht, böswillig, verräterisch und ohne Achtung vor den Eltern (Ranke-Graves 1994, S. 29ff).

Kommentar / Interpretation

Als Pelasger bezeichneten die eindringenden Indoeuropäer die matriarchalen UreinwohnerInnen Griechenlands. Wie sie sich selbst nannten, ist unbekannt.

Im antiken Griechenland konnte sich kein einzelner Schöpfungsmythos durchsetzen, vielmehr existieren mehrere Schöpfungsgeschichten nebeneinander. Auffällig aber ist, dass viele in der einen oder anderen Weise die Schöpfung in Analogie zum Geburtsvorgang beschreiben. Beispiele sind der homerische, der orphische, Hesiods und der olympische Schöpfungsmythos, die in der Griechischen Mythologie zusätzlich zum pelasgischen Schöpfungsmythos dargestellt werden. Auch Karl Keryani beschreibt in seinem Buch Die Mythologie der Griechen mehrere dieser Schöpfungsmythen. Dies deutet auf großen Einfluss der matriarchalen Pelasger auf Kult und Mythos der frühen Griechen hin und entspricht so gar nicht dem indoeuropäischen Schöpfungsmythos (siehe unten), den wir hier eigentlich erwarten würden.

Im pelasgischen Schöpfungsmythos wird die Entstehung der Welt als Geburtsakt beschrieben. Das ist eine typisch matriarchale Vorstellung und auf jeden Fall logisch nachvollziehbarer als eine Schöpfung allein durch Gedankenkraft. Eurynome erschuf hier die Welt in Gestalt einer Taube. Dies erinnert an die Darstellungen der alteuropäischen Vogelgöttin, die Marija Gimbutas beschrieben hat.

Robert von Ranke-Graves hat den pelasgischen Schöpfungsmythos aus zerstreuten Bemerkungen antiker Autoren und aus den orphischen Mysterien rekonstruiert. In dieser Form, wie hier dargestellt, ist er nicht mehr überliefert worden.

Es gibt in der griechischen Mythologie ebenfalls mehrere Darstellungen von der Erschaffung der Menschen. Der hier wiedergegebene Mythos vom Goldenen Zeitalter stammt aus Hesiods Werke und Tage, ergänzt durch Scholien, also antike Kommentare zu diesem Buch.

Nach neuern Forschungen soll die Idee der Metallzeitalter auf babylonische Ursprünge zurückgehen. Es kann jedoch nicht übersehen werden, dass die Abfolge dieser Zeitalter im Wesentlichen der realen Entwicklung der Menschheit im östlichen Mittelmeerraum entspricht. Die Metalle Gold und Silber gelten den Menschen als besonders wertvoll und beschreiben deshalb die ersten beiden glücklichen Zeitalter. Sie beziehen sich nicht darauf, dass die Menschen diese Metalle auch nutzen würden. Demgegenüber betont Hesiod ausdrücklich, dass die Menschen der bronzenen Rasse auch Waffen aus diesem Metall trugen. Wie ja allgemein bekannt ist, folgt in Griechenland auf die mykenische Bronzezeit die dorische Eisenzeit. Die Abfolge der bronzenen und eisernen Rasse entspricht demnach der tatsächlichen historischen Entwicklung.

Das Goldene Zeitalter wäre dann das Zeitalter der Jäger und Sammlerinnen, das H.P. Duerr ja als erste Überflussgesellschaft bezeichnete und in dem der Nahrungserwerb nach seiner Auffassung relativ wenig Zeit in Anspruch nahm. Andere AutorInnen betonen wiederum, dass die Menschen dieser Zeit sehr häufig an Nahrungsmittelknappheit und Hunger litten. Das hängt sicherlich auch von der jeweiligen Region ab. Die potentielle natürliche Vegetation der griechischen Ägäis ist der Ölbaum-Pistazien-Hartlaubwald, der mit dem Ölbaum (Olea europaea) und dem Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua) zwei Bäume enthielt, deren Früchte zur menschlichen Ernährung geeignet sind (Horvat, Glavac, Ellenberg 1974, S. 87). Es ist bekannt, dass Menschen bereits vor 9.000 Jahren wilde Oliven sammelten, um sie zu verzehren. Möglicherweise war an der Ägäis das Überleben von WildbeuterInnen besonders einfach. Inzwischen ist allerdings diese Vegetation auf den ägäischen Inseln durch jahrtausendelange Überweidung fast völlig verschwunden.

Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen haben die in Europa lebenden Menschen den Ackerbau um 6000 v.u.Z. vor allem durch Nachahmung übernommen, während vor der Invasion der Indoeuropäer Völkerwanderungen nur eine geringe Rolle gespielt haben (vgl. Haarmann 2011, S. 15ff). Deshalb wäre es möglich, dass die alteuropäische Bevölkerung noch verschwommene Erinnerungen an ihre frühere Lebensweise als WildbeuterInnen bewahrt hat. Über die alteuropäischen Frauen, die die eindringenden Indoeuropäer mehr oder weniger gewaltsam in ihre patriarchalen Familien eingliederten, können entsprechende Erzählungen auch in die indoeuropäisch-griechische Mythologie gelangt sein.

Das Silberne Zeitalter wäre dann das Zeitalter der ersten AckerbäuerInnen Alteuropas, die im Matriarchat lebten und deren Kultur von den patriarchalen indoeuropäischen Invasoren vernichtet wurde. Darauf bezieht sich wohl die Aussage „Zeus vernichtete sie alle“ und zwar deshalb, weil sie weder ihn, noch andere männliche Götter verehrten. Die Aussage, „sie waren streitsüchtig und unwissend“ bei Hesiod habe ich weggelassen. „Streitsüchtig“ passt nicht so recht zu „sie bekämpften einander nicht“. Dieser Satz wurde wohl eingeführt, um den Abstand zur Goldenen Rasse größer zu machen und insbesondere zu rechtfertigen, warum Zeus sie vernichtete. Der wirkliche „Abstieg“ lag wohl eher darin, dass die Menschen jetzt zwar größere Nahrungsmittelsicherheit hatten, aber dafür länger arbeiten mussten. „Unwissend“ bezieht sich wohl darauf, dass sie die männlichen, patriarchalen Götter nicht kannten.

Die indoeuropäischen Invasoren waren die bronzene Rasse, die als dreist und mitleidslos beschrieben wurden und von denen gesagt wurde, sie hätte Freude am Krieg. Offensichtlich ist der Schrecken dieser Invasion auch nach Jahrhunderten noch nicht völlig vergessen worden.

Es ist auffällig, dass gesagt wurde, dass ausgerechnet die bronzene Rasse wie Früchte von einer Esche fiel und dass diese Menschen demnach gerade keine Kinder der Gaia sind. Wie die Geschichte von Ask und Embla zeigte, wird auch in der germanischen Mythologie ausgesagt, dass der erste Mann von einer Esche, die erste Frau dagegen von einer Ulme abstammt. Möglicherweise ist zumindest die Abstammung des Menschen von einer Esche indoeuropäisches Gemeingut und stützt die Identifizierung der bronzenen Rasse mit den Indoeuropäern. Die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) ist in Russland mit Ausnahme der Steppengebiete und dem Norden und im Kaukasus verbreitet. Die Indoeuropäer können also bereits in ihrer Urheimat diesen mächtigen, auffälligen Baum gekannt haben. Eine ähnliche Verbreitung hat die Bergulme (Ulmus glabra).

Die Vorstellung von der Weltenesche Yggdrasil in der germanischen Mythologie macht es durchaus wahrscheinlich, dass diese Baumart bereits bei den Indoeuropäern eine mythologische Bedeutung hatte. Neuerdings wird der Weltenbaum Yggdrasil von der Wissenschaft allerdings als Eibe bezeichnet, so in der Wikipedia. Dies kann aber daran liegen, dass wirklich alte Eschen den heutigen Menschen kaum noch bekannt sind. Diese gehören mit bis zu 48 m zu den höchsten Bäumen der sommergrünen Laubwälder Mitteleuropas. Deshalb ist es plausibel anzunehmen, dass sich die Indoeuropäer den Weltenbaum Yggdrasil in Analogie zu der höchsten ihnen bekannten Baumart vorgestellt haben.

Die vierte Rasse sind ebenfalls die Indoeuropäer, deren ultrapatriarchale Gesellschaftsordnung nach einigen Jahren durch Vermischung mit den eingeborenen Pelasgerinnen („von Götter mit sterblichen Müttern gezeugt“) etwas gemäßigt wurde. Dafür spricht, dass beide „Rassen“ als kriegerisch bezeichnet wurden, das allein kann also nicht den Unterschied ausmachen. Die vierte Rasse kann dann als die mykenische Kultur identifiziert werden.

Die Eisenrasse beschreibt die klassische antike Sklavenhaltergesellschaft, auf die alle genannten Merkmale zutreffen. Diese Rasse kann mit den dorischen Griechen gleichgesetzt werden. Dazu passt, dass in Griechenland die Eisenzeit in der Tat mit dem Untergang der mykenischen Kultur und der dorischen Einwanderung begann.


Literatur

Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen, München 2010
Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011
Ivo Horvat, Vjekoslav Glavac, Heinz Ellenberg: Vegetation Südosteuropas, Stuttgart 1974

Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen, Band 1: Die Götter- und Menschheitsgeschichten, München 1994 (Erstveröffentlichung 1966)
Robert von Ranke-Graves: Griechische Mythologie, Reinbeck bei Hamburg 1994 (Erstveröffentlichung 1955)

In zweiten Teil wird der indoeuropäische Schöpfungsmythos beschrieben.


Mara


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