In memoriam Madame Mim::
Der Hirsch und der Wald
Nach langem Überlegen hatte ich mich entschlossen, nicht mit dem Thema "Die Symbolik und der Mythos des Gehörnten Gottes" zu beginnen, und tat es anscheinend letztendlich doch. Aber, das aktuelle ökologische Thema unserer Zeit lautet wohl auch: Wohin hat uns die sogenannte männlich lineare Denkweise geführt?

Männer - Zerstörer oder Bewahrer?
Nachdem ich mich ja gerne auf die aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft beziehe: Es scheint erwiesen, dass Männer "geradliniger" denken. Und? Der Vorteil ist mal wohl, dass das nach "zielorientiert" klingt. Klar, urmenschlich gesprochen, wenn die Wildsau vor dir auftaucht, heisst´s reagieren. Aber andererseits ist das doch ein "aus dem Bauch heraus" agieren und klingt wohl nicht so rational/männlich... Das Problem liegt wohl eher an der Zielorientiertheit und der daraus resultierenden Gefahr der Kurzsichtigkeit. Ich stelle mal in den Raum, dass Frauen dezentrierter, umfassender wahrnehmen und daher Zusammenhänge besser erkennen können.

Ist es aber zulässig, die fast wahnwitzige Expansion des Menschen auf diesem Planeten dem männlich/besitzergreifenden Denken zuzuordnen? Worauf ich hinaus will, ist der Vergleich zwischen dem Hirschgott, der der Hüter und Bewahrer der Natur, des Waldes war und ist und dem Männerbild unserer Zeit. Was macht "den Mann" denn aus? Gibt´s da nicht auch ein Urbild des Beschützers von Frau und Kind? Und auch des Ernährers? Oft genug, wenn wir Rollenbilder betrachten, fliessen sie ineinander, nicht nur heute...


Aber wie ist das mit dem Wächter des Waldes?
Wir pflanzen Bäume in Reihen, wir denaturieren die Natur und bauen uns eine Kunstwelt auf. Auf Kosten der Lebendigkeit, auch in uns selbst. Aber wir beginnen ja zu begreifen, bauen begradigte Bäche zurück, geben der Natur - und wie ich glaube, auch unserer eigenen inneren Natur zugleich - wieder Raum: Der Gott des Waldes und seine Wesen können langsam zurückkehren. Das gilt auch für unsere Seelen. Hohen Bekanntheitsgrad hat der Gehörnte Gott bei uns, doch in nordischen Ländern und vor allem auch auf den Britischen Inseln ist er der Green Man, ein Vegetationsgott und so ganz offensichtlich Hüter der Natur und ihrer Wesen.


Doch jeder weiss, die Hörner machen erst mal Angst
Wirken bedrohlich oder sogar teuflisch. Aber von welcher Warte aus? Was hat der Hirsch wohl vor mit seinem Geweih? Die Gemeinschaft, seine Sippe, seine Herde schützen. Und ist das diabolisch? Wir alle haben eine lange Zeit der Verunglimpfung von Symbolen der Kraft und der Macht hinter uns, kein Wunder. Hörner sind eines der eindringlichsten Symbole dafür - allerdings: der Hirsch jagt nicht, der Hirsch tötet nicht, sie sind Pflanzenfresser.
Heutzutage sind wohl eher Löwen und Tiger "in" als Symbole von Macht und Kraft.

Es ist kein Wunder, dass heute in vielen Religionen und Kulturen gehörnte Wesen Figuren des Bösen darstellen. Sie erinnern uns an die Macht unseres archaischen Unterbewusstseins, das wir alle so gar nicht wahrhaben wollen. Der Versuch, das Menschliche hervorzuheben, obwohl wir alle noch so tierisch sind... Im Gegensatz zu alten Kulturen, wo gehörnte Götterbilder weit verbreitet waren, man denke nur an den Minotaurus. In spanischen Landen werden sie interessanterwseise sogar noch heute rituell getötet.
Das Bild (und die Gegenwart) des Gehörnten erinnert mich daran, dass ich kein von der Natur getrennter Teil bin, ganz im Gegenteil. Und ich fühle mich gern als Teil dieser vielfältigen und grandiosen Schöpfung auf diesem Planeten. So fühle ich mich als Mensch auch den Tieren zugehörig. Wer etwas über Menschen lernen will, der schaue den Schimpansen zu... Und das, was "Mensch sein" heute so bedeutet, würde ich noch lange nicht als "Krone der Schöfung" bezeichnen. Im Moment sieht das für mich eher wie ein selber aufgesetzter rostiger Eimer aus, diese Krone...

Auch der Wald ist ein wunderbares Symbol des Unterbewusstseins mit seiner Dunkelheit und Unerforschlichkeit. Es gibt auch lichte Wälder, aber ich bin gestern erst an einem Wäldchen vorbeigekommen, das in seiner Undurchdringlichkeit und Dunkelheit einem Urwald in nichts nachgestanden ist. Ich wäre ohne Kratzer keinen Meter vorwärts gekommen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass zur Zeit unserer frühen Vorfahren Europa nahezu von Wald bedeckt war. Unsere Vorfahren waren Waldmenschen! Und der Hirsch und das Reh und die Wildsau waren ihre Nahrung, ihre Existenz.

So war es sicher auch die Hauptaufgabe früher Priester und Schamanen, die Hirsche zu beschwören, eins mit ihnen zu werden, um den Jagdzauber zu vollenden. Und die heiligste Handlung war wohl - inmitten des magischen Kreises in der Maske des Hirschs, des Anführers seiner Herde - die Herde zum Stamm und zum Menschen zu führen, damit die Jäger Beute machen konnten. Wir alle wissen, dass es nicht leicht ist, im Wald Hirschen oder Rehen zu begegnen, da konnte es auch damals schon mal eines "magischen Zufalls" bedurft haben. Es ist anzunehmen, dass unsere Vorfahren damals noch etwas mehr geruchsmäßig "menschelten" als wir heute.
Nicht weniger wichtig war es unseren Vorfahren wohl, dem Hirsch zu danken. Er hatte eines seiner Wesen geopfert, um die Menschen zu nähren. Es wurde in manchen Legenden erzählt, dass einzelne Tiere einfach ins Dorf kamen und sich erlegen ließen.


Aber zurück zur Symbolik des Waldes
Und jetzt kommt´s: Das ist es, was in meinen Augen eine Hexe ausmacht, also jene, die´s auch wirklich sein wollen und sich nicht nur so nennen: Sie werden nicht umhinkommen, sich die dunklen Seiten ihrer Seele anzuschauen, den Wald zu durchschreiten. Wir alle leben in der christlichen Gesellschaft einer "Licht-Religion". Es ist ok, zum Licht zu streben, das machen uns schon die Pflanzen vor, Licht ist eine Form von und ein Symbol für Energie. Aber was folgt daraus? Statt sinngemäß zu sagen: "Licht ist gut - kein Licht ist nicht gut", pflegen wir zu sagen: Kein Licht ist gleich Dunkelheit, ist böse - wir erfinden die Dualität: das Böse, den Teufel. Und wer sollte das sein, ausser dem Wesen, das "im Dunkel des Waldes" lebt... lichtscheu...
Wölfe sind auch so böse, müssen genauso für die Gruselfilme herhalten. Wölfe sind ein weiteres Wald-Wesen und wen wundert´s, dass die Menschen Angst hatten: Es war in der Tat früher lebensgefährlich, in den Wald zu gehen. Die Wissenschaft hat uns nachgewiesen, dass Wölfe den Menschen meiden, aber da gab´s ja auch noch Bären, und jeder weiß aus dem Fernsehen, geschwächte Tiere machen gerne leichte Beute. Also war der Wald an sich bedrohlich, Wildnis, man konnte sich auch darin verirren. So wie in den Abgründen unserer Seele halt, deren Wildnis und natürliche Wildheit wir gar nicht erkennen wollen. Nicht anerkennen wollen und können, nach Jahrtausenden von "du sollst so und so sein" und daher auch gar nicht mehr ausleben können. Bis sie sich bei einzelnen auf destruktive Weise oftmals Bahn bricht...


Und was war verständlicher in einer Religion, die aufkam, als die Wälder gelichtet wurden, zu verkünden: "Macht euch die Erde Untertan.", "Rodet die Wälder und macht Äcker draus." Und aus der Dunkelheit und Unbewusstheit des Waldes wurde letztendlich die Aufklärung. Und die moderne Welt.

Kein Platz mehr für Wälder oder Hirsche.
Oder doch?


Gwynnin


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