In memoriam Madame Mim::
Naturreligionen oder Pagan-Religions
Der Versuch einer Definition und eines Brückenschlages

Eine immer wieder beliebte Frage, auch in der Hexen- und Heidenszene selbst - ist diese: Sind Naturwissenschaft und Naturreligion miteinander vereinbar oder schließen sie einander gegenseitig aus?

Eine Umfrage, wie religiös eigentlich Wissenschaftler im christlichen Kontext sind, hat gezeigt, das ca. 60 % nicht religiös sind. Da ich nicht aus dem hohlen Bauch argumentieren möchte, bedarf es zunächst mal einer Definition, was Naturreligion im weitesten Sinne sein könnte.
Es gibt innerhalb der Gesellschaft natürlich bestimmte Definitionen von "-mus", äh, sorry, Glaubensstrukturen, die jedoch leider Göttin, immer nur auf den christlichen Kontext bezug nehmen. Das macht aber erst mal nichts, denn die Prinzipien, die hinter diesen Definitionen stecken, sind für die folgenden Überlegungen wichtig:

Agnostizismus - stellt die Frage nach der Existenz Gottes erst gar nicht. Es ist die Definition für ein Glaubenssystem, welches die Erkennbarkeit eines Gottes für den Menschen in Frage stellt, nicht aber seine Existenz.
Atheismus - leugnet die Existenz einer wie auch immer gearteten göttlichen Weltordnung. Was aber durchaus bedeuteten kann, einen bestimmten Glauben zu haben.
Deismus - ist die Lehre von einem Gott, der nach der Schöpfung keinen Einfluss mehr auf die Welt nimmt und auch keine Verbindung zu den Menschen hat.
Theismus - Gott ist eine Person, welche die Welt erhält, lenkt und mit dem Menschen, seiner Geschichte und der Schöpfung Verbindung hat.
Kreationismus - ist die Lehre von der wörtlichen und dogmatischen Auslegung des biblischen Schöpfungsmythos. Die Lehren der Evolutionstheorie werden als unbeweisbar abgelehnt.
Pantheismus - identifiziert Gott mit der Welt. Da somit alles göttlich ist, kann auch Gott in sich selbst und in der Natur als solcher Erfahren werden.
Theodizee - Rechtfertigt alles Übel und Schlechte auf der Welt, trotz der Güte und Allmacht Gottes.

Aber zurück zum Thema. Wenn jetzt jede/r von euch eine Definition für seine Art der Naturreligion finden wollte und sich an den obigen Definitionen orientieren würde... Also ich komme da schon ins Grübeln, und verstehe meinerseits, warum Paganismus in Deutschland so problematisch ist:
Da ist zum einen der Atheismus - es gibt für mich keinen göttlichen Plan oder eine Weltordnung; auf der anderen Seite ist für mich das gesamte Universum ein Experimentierfeld des Gött(in)lichen, also auch nicht planlos. Dann der Theismus, den ich für mich als Polytheismus definiere - aber auch die Tatsache, dass sich diese Personifizierung - zunächst - nur auf mich als Individuum beziehen kann. Natürlich ist auch parallel dazu der Pantheismus für mich von Bedeutung, wobei ich den Begriff der Welt für mich auf das Universum erweitere und ihm ein weibliches Prinzip unterstelle. Um mit den Begriffen der christlich geprägten Definitionen zu sprechen, handelt es sich also bei meiner Definition von Paganismus um einen "Individuellen, polytheistisch-pantheistischen Pseudo-Atheismus" Was für´n Quatsch!
Also, so geht es anscheinend nicht, was mich - ehrlich gesagt - auch nicht verwundert, wie sollte auch ein auf christlichen Dogmen gewachsenes Definitionssystem Naturreligionen definieren können.

Also noch mal von vorne! Was wäre der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Naturreligion oder Pagani einigen könnten? Ich denke, dass dies der Begriff der Göttlichkeit und eine Definition desselben, mit der alle leben könnten, leisten kann.
Zunächst mal sind wir uns, denke ich, alle einig, wenn wir die christliche oder moslemische Definition des Begriffs Göttlichkeit völlig außer acht lassen können. Ebenfalls können wir davon ausgehen, das es ebenso viele Pagans gibt, die entweder an eine personifizierte Göttin, an ein Götterpaar oder eine unpersonifizierte Göttlichkeit glauben - oder irgendetwas dazwischen. Gewährleistet sein muss auf jeden Fall die Aufnahme eines Kontaktes zu dieser Göttlichkeit, (in welcher Form auch immer an sie geglaubt wird) und eine Art des Austausches zwischen Mensch und Göttlichem, dieser Austausch ist ebenfalls individuell geprägt.
Diese Göttlichkeit muss auch eine Beeinflussungsmöglichkeit besitzen, die es ihr erlaubt, dass sie innerhalb der Strukturen des Universums frei agieren kann. Eine derartige mögliche Beeinflussung ist als wertfrei anzusehen und muss sowohl in konstruktiver als auch destruktiver Form stattfinden können - frei von christlich definierten Begrifflichkeiten wie "Sünde" oder "Böse".

Meine Definition einer "Pagan-Religion"
Es existiert in den Naturreligionen / Pagan-Religionen ein universales, wertfreies göttliches Prinzip, welches sich sowohl in der Zerstörung als auch in der Fruchtbarkeit offenbart und durch den Menschen individuell erfahren werden kann. In welcher Form diese Göttlichkeit erfahren wird oder eine Wechselwirkung stattfindet, kann für jeden Menschen verschieden sein.

Ich glaube, das jehex und jeheid mit dieser Definition was anfangen kann und sich auch selbst darin wiederfindet. Sie lässt auch persönliche Definitionen zu, wie etwa bei manchen Dianischen Coven, in deren religiösem Kontext kein männliches Prinzip vorkommt oder Pagans, die die Göttin nicht als Person, sondern als das Universum sehen und mit personifizierten "Untereinheiten" (Entitäten) Umgang pflegen. Ebenfalls können hier alle Ahnen, Geister und Familiarien ihren Platz finden (meine jedenfalls haben sich über meine Definition recht amüsiert gezeigt, aber wohlwollend mit den jeweiligen Äquivalenten eines Kopfes genickt).
Was ich bei der ganzen Definitionskiste bemerkt habe und euch sicher auch aufgefallen ist, wo der eigentliche Haken bei der scheinbaren Unvereinbarkeit von Religion und Naturwissenschaft liegt. Naturwissenschaftler sind nämlich nicht nur Fachidioten! Die erste Frage, die sie meistens Stellen, wenn man sie nach ihrer Gläubigkeit fragt, ist die: Wenn es einen allmächtigen und gütigen Gott gibt, warum lässt es dann all das Leid auf der Welt zu?! Die Erklärung mit der Theodizee ist Banane, denn das ribbelt sich wie ein morsches Band auf.
Bei einer Definition von Gläubigkeit oder Göttlichkeit, der Pagan-Religions oder Naturreligionen, stellt sich diese Frage nicht, weil dieses "Leid" von Menschen gemacht wird, und nur der Mensch dafür verantwortlich ist. Es stellt sich auch nicht die Frage nach einem - ebenfalls christlich ausgelegten - göttlichen Plan; also Schöpfung, Leidenszeit und Armageddon. Nein, der Plan ist vielmehr das ganze Universum und alle möglichen Wahrscheinlichkeiten, die dieses Universum und alle anderen beherbergen. Es ist völlig egal, ob ich eine explodierende Supernova betrachte oder unter dem Mikroskop eine Zellteilung, beides ist neutral - nur der menschliche Betrachter gibt dem Ereignis eine Wertung (aber das ist sein persönliches Problem!).

Vielleicht sollten wir mal etwas ausprobieren! Sollten sich die Heiden, Hexen oder Pagans auf diese oder eine ähnliche Definition der Pagan-Religions oder der Naturreligionen einigen, dann sollten wir mal genau diese Definition Naturwissenschaftlern vorlegen - und sie dann noch mal fragen, ob sie religiös sind.

Es grüßt euch
Magister Botanicus


Magister Botanicus


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