Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett   Teil IV

Beide sind wir ja nun schon so einige Zeit in dem unterwegs, was mensch landläufig so als "HeidenSzene" betiteln könnte und was wir uns so drüber denken, wollen wir Euch hier in diesem Interview zugänglich machen.

Ist Gemeinschaft für Euch etwas Sinnvolles oder Hinderliches?

Anufa: Weder noch oder sowohl als auch – es kommt auf den Blickwinkel an, aus dem ich Gemeinschaft betrachte und definiere.
Wenn ich unter Gemeinschaft ein Konstrukt verstehe, wie Sati es erklären wird, dann ist sie sicher sinnvoll. Leider entsprechen die wenigsten Gemeinschaften dieser Definition und sind (aus meiner Warte) eher hinderlich – beides auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick ist die Gemeinschaft für mich auch der Spiegel des einzelnen Menschen. Natürlich ist gerade Gemeinschaft durch Sozialisation, Lebensverhältnisse, etc. mitgeformt, aber das ist der Alleingänger auch. Gerade in der Gruppe kann ich gut erkennen was in mir selber auch rumort oder noch schlummert, weil es mir die anderen um die Ohren hauen. So mag es mehr als unangenehm sein, wenn die eigene Blauäugigkeit auf die Gruppenrealität stößt. Es ist auch sehr hilfreich zu sehen, dass es auch andere gibt, die … Es ist beruhigend einen Abgleich zu haben, beobachten zu können, wie dieses oder jenes Verhalten, Denken und Leben, von außen betrachtet, aussieht, sich anfühlt und welche Auswirkungen es hat. Kurz gesagt, Selbst- und Fremdbild können sich oftmals sehr unterscheiden und für mich ist es entwicklungsnotwendig diese Bilder abzugleichen.
Damit wäre ich wieder beim „Sinn“: Durch und in Gemeinschaft habe ich die Möglichkeit mich selber besser kennen zu lernen. Das ginge allein durchaus auch, aber eben anders und ich selber fände es wesentlich mühsamer das ausschließlich allein zu erarbeiten und von einigen Ecken bin ich mir sicher, dass ich die allein nie kennengelernt hätte.
Sofern sich aber Gemeinschaft vornehmlich dadurch auszeichnet, dass mensch „anders“ ist als „die anderen“ oder „besser“ als „die anderen“ oder „die anderen die Bösen“ sind – solange sehe ich da keinen Sinn darin. Das kann ein Anfang sein, aber imho sollte sich eine Gemeinschaft schnellst möglich in eine Richtung bewegen, in der es darum geht heraus zu finden, wo mensch mit sich (und der Gemeinschaft) hin will und darauf auch hinzuarbeiten. Oder eben die Fähigkeit zu entwickeln, diese Fragen überhaupt stellen zu können.

Im Schneckenhaus copyright Sandra
Im Schneckenhaus copyright Sandra

Sati: Eine Gemeinschaft im eigentlichen Sinne, die funktioniert, weil alle ungefähr die gleichen Visionen und Ziele haben und bereits sind sich selbst ein bisschen dafür zurückzunehmen, sind was großartiges. Dann kann vieles gemeinsam geschafft werden, was allein unmöglich ist. Dann können Prozesse sinnvoll aufgeteilt werden, der Einzelne dennoch aufgefangen werden und Erfahrungen kollektiv vielschichtiger und tiefer gemacht werden. Gerade gemeinsame Rituale sind z.B. eine sehr effektive und nützliche Art das jenseits des Erklärbaren als Gemeinschaft zu teilen und damit auch für den Einzelnen (er)tragbarer zu machen. Spiritualität und Religion beinhaltet ja nun mal auch den Umgang mit dem Unfassbaren und Unerklärlichen und das teilen zu können - und ich meine wirklich innerhalb einer wohlwollenden und konstanten Gemeinschaft und nicht in einem zusammengewürfelten Haufen von Selbstdarstellern, sozial Gestrandeten und lethargischen Mitläufern - kann definitiv eine sehr lohnende und tiefe Erfahrung sein.


Was denkt Ihr, wo driftet die Szene in Zukunft hin?

Sati: Es gibt immer Generationswechsel innerhalb von sozialen Kategorien. Wenn ich die deutsche Heidenszene mit der riesigen US Heidenszene vergleiche, dann könnte ich mir eine ähnliche Entwicklung vorstellen. Sie wird vielleicht größer werden, zersplitterte, extreme Hardcore-Heiden, werden neben Wochenende-Paganen koexistieren, die Rekonstruktionisten werden sich hinter ihren Büchern verkrümeln und vielleicht im Internet fachsimpeln.

Anufa: Im Unterschied zu Sati, sehe ich die Szene in Österreich und auch in Deutschland, als viel zu klein an. Die Frage ist für mich so sehr schwierig zu beantworten, weil das massiv davon abhängt, wie die Gesamtgesellschaft sich weiterentwickeln wird.
Manchmal tendiere ich eher dahin, dass die Spiritualität, wie sie in diesem Bereich praktiziert wird, eine „Luxuserscheinung“ ist. Sobald es also wieder um die „existentiellen Bedürfnisse“ (wie auch immer mensch die definieren mag, vom Smartphone bis tatsächlich zum blanken Überleben …) flüchten viele wieder in die Denkmuster der Kindheit. Damit schätze ich, wird nicht sozial verankerte Spiritualität unwichtiger, weil sie sich einfach nicht genügend lohnt, nicht die Befriedigung/Zufriedenheit bringt, die gesucht wird.
Manchmal sehe ich doch eine gewisse Verwurzelung in den Systemen, die gewählt wurden – stelle trotzdem aber deren Haltbarkeit in Frage. Vielleicht verstehe ich nur einfach nicht, was Gatherings, Festivals oder „Healing Art Events“ dauerhaft bewirken können? Für mich waren sie immer Vehikel um einen Einstieg zu ermöglichen oder neuen Input zu bekommen, wären mir als Selbstzweck jedoch viel zu wenig gewesen. Mich erinnert das immer an Drogenkonsum. Eine Woche voll drauf und dann auf Entzug bis zum nächsten Event.
Damit wird eine Szene noch weniger tragfähig, was zum Beispiel die letzten paar Jahre an wenig besuchten Stammtischen oder offenen Ritualen beobachtbar ist.

Eine Beobachtung finde ich noch interessant.
So sehr es für mich auch erfreulich ist, dass die Demarkationslinien zwischen unterschiedlichen Religionen, Traditionen und Richtungen langsam aufweichen, so nachdenklich macht mich das, was ich ich als Metrospiritualität bezeichne (dabei denke ich sowohl an den Gastrogroßmarkt als auch an die "Metrosexualität"). Ich kann mit dem Ansatz nichts anfangen, dass es super ist, einen evangelischen Pfarrer, den mensch zufällig kennt, um ein Ritual zur Taufe zu bitten und wenn der keine Zeit hat, dann halt einen Bekannten, der sich als Schamane sieht und wenn der nicht kann, dann den Lebens- und Sozialberater (den einer kennt, den mensch kennt, weil der hat das für einen anderen Bekannten so schön keltisch gemacht vor ein paar Monaten). Das ist für mich der Kreisschluss zum Phasenheiden vom Anfang und die Verdeutlichung dessen, was ich unter „nicht verwurzelt“ schon angesprochen habe.


Was wünscht Ihr Euch, für die Zukunft der Heidenszene?

Den Frosch küssen copyright Sandra
Den Frosch küssen copyright Sandra

Anufa: Ich wünsche mir für die Menschen, die sich dieser Szene als zugehörig betrachten, vieles aber etwas ist in meinen Augen besonders wichtig – nämlich dass dieses „Wir“ einen anderen Stellenwert und eine andere Definition bekommt. Gerade eben habe ich ein Gespräch gelesen …

A: … aber jedes quentchen an "wir-gefühl" ist diesbezüglich und momentan fast schon unbezahlbar!

B: ...das "wir-Gefühl", etwas gegen das Establishment durchgesetzt zu haben, egal was?

Vielleicht wäre es an der Zeit dieses „Wir“ nicht mehr über „Wir sind wir, weil wir gegen XY sind“ zu definieren sondern über … ja - was sonst???
Also wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen sich diese Frage selber aus ihrer tiefen Überzeugung beantworten können. Damit wäre die Chance gegeben, dass sich tatsächlich Einzelwesen zu einem Gruppenwesen zusammen finden. Menschen, die zumindest ihre Überzeugungen teilen und wenn die dann noch ein gemeinsames Ziel finden, dann wäre das eine gute Basis für eine stabilere Szene und vielfältig wäre sie auch noch. Also mein ewig stehender Satz seit 2001 - „das hatten wir mit dem WurzelWerk eigentlich vorgehabt“. Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass das auch von mehr als 5 Heiden und länger als 3 Jahre tatsächlich gelebt funktioniert. Allerdings sehe ich das (bei allem Optimismus) als eher unwahrscheinlich an, weil es ja schon im täglichen Leben der "Normalos" nicht klappt, wo es eigentlich um viel mehr geht als um Befindlichkeitsprobleme.

Sati: Um ehrlich zu sein nichts mehr. Ich hab mich damit arrangiert wie sie ist, habe meine Ideale und Wunschvorstellungen vollständig verloren oder freiwillig abgelegt. Und viel Hoffnung verloren, wobei das nicht einmal was schlechtes ist. Für mich ist mein soziales Leben dadurch leichter geworden, vielleicht funktioniere ich im Alleingang wirklich besser. Dennoch denke ich, dass es in meinem Leben andere Gruppen gibt, die mit meinem sozialen Engagement mehr und besseres anfangen können.


Anufa & Sat-Ma´at


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