Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett   Teil III

Beide sind wir ja nun schon so einige Zeit in dem unterwegs, was mensch landläufig so als "HeidenSzene" betiteln könnte und was wir uns so drüber denken, wollen wir Euch hier in diesem Interview zugänglich machen.
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Was war das peinlichste Erlebnis?

Sati: Das wohl peinlichste Erlebnis war für mich als ich in einem großen deutschen Paganforum aktiv war und ein User (der recht gern provozierte und Leute aufzumischen pflegte) aus Wut und Verachtung für mich sämtliche Inhalte von zuvor geführten recht persönlichen Telefonaten und Mailwechseln, die plötzlich öffentlich in das Forum stellte. Wir waren uns zunächst recht nah gekommen und es war auch beiderseits eine sehr emotionale Angelegenheit und ich war dummerweise zu schnell zu offen. Mich hat dann seine zunehmend manipulative und verletzende Art mit diesen sensiblen Informationen umzugehen sehr irritiert, so dass ich mich erschrocken zurückzog. Das muss er wiederum als massive Ablehnung erlebt haben und war dementsprechend sauer. Ich weiß nicht einmal was mich dann mehr geschockt hat: sein Verhalten oder die Lethargie der anderen Forenuser die das natürlich ALLE gelesen hatten und sich heimlich an diesem sehr intimen Einblick in mein Seelenleben ergötzt haben (wie ich später noch oft zu spüren bekam). Ich glaube, IHM konnte ich das Ganze noch als Wutausbruch verzeihen. Ich meine, man flippt schon mal aus und tut dann irgendwas Dummes. Aber für diese lähmende und doch irgendwie sensationslüsterne Passivität finde ich dann so leicht doch keine angemessene Entschuldigung.

Ich kam mir wirklich vor wie eine Hexe, die zum Scheiterhaufen geführt wird und mir wurde damals einiges über die sog. "heidnische Community" klar, nämlich vor allem, dass es sie nicht wirklich gibt und jeder sich selbst der nächste ist. Es herrscht eher eine "Wolfsmentalität" und Hackordnung, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage sucht man vergeblich. Ich stand im ersten Moment vollkommen unter Schock. Einer meiner nächsten Gedanken war dann "Jetzt hast Du nichts mehr zu verlieren, schlimmer als das kann's nicht werden." Ich glaube, das war das so ziemlich das letzte Mal, dass ich versucht hatte zu irgendjemand außerordentlich freundlich zu sein, mich zu erklären oder es jemandem recht zu machen. In gewisser Weise hat mich das rückblickend ziemlich stark und unberührbar gemacht. Ich habe immer noch eine Menge Feinde, aber es ist mir mittlerweile egal.

Anufa: Mein peinlichstes Erlebnis war, dass ich dachte mit einem traditionellen Coven zugange zu sein und mir dann jemand steckte, dass dort mit ziemlicher Sicherheit niemand traditionell eingeweiht worden war (und wenn unwahrscheinlicher Weise doch irgendwie, der dann ganz sicher keine sinnvolle Ausbildung erhalten hatte). Damit stellte sich meine neophytische Loyalität retrospektiv als eher lächerlich heraus. Peinlich war für mich besonders, dass ich meinen eigenen Gefühlen nicht vertraut habe (weil ich dachte, dass das "böse Vorurteile" wären, warum ich manchmal Dinge heftiger hinterfragt hätte wollen) und doch über drei Jahre verzweifelt damit bemüht war mir (und darauf folgend natürlich auch anderen) Fakten schön zu reden.


Was war das traurigste Erlebnis?

Anufa: Wenn Gruppen oder Projekte scheiterten oder einfach versumpften, das war und ist für mich immer sehr traurig. Genauso wie ich es extrem schmerzvoll finde, Menschen zu beobachten, die Illusionen nachjagen, sie dann nach immensem Aufwand als solche enttarnen und an Körper, Geist und Seele krank zurück bleiben. Am traurigsten macht mich bewusst oder unbewusst angerichteter Schaden und ich habe mit den Jahren einige Menschen ziemlich leiden sehen.

Sati: Das für mich traurigste Erlebnis war als die kleine deutsche kemetische Gemeinschaft zerfiel, der ich mich ungefähr ein Jahr lang zugehörig fühlte. Ich musste feststellen, dass mich mein damaliger Freund, den ich auch als meinen Priester ansah, einfach von vorn bis hinten angelogen hat. Natürlich bin ich von vielen Seiten vor ihm gewarnt worden, doch ich entschied mich dafür ihm zu vertrauen. Selbst seine Lügen waren noch nicht einmal das Schlimmste, das Traurigste war eigentlich, dass er - als alles aufflog - nicht die Größe besaß das zuzugeben und das zu retten, was uns zwischenmenschlich verband, sondern mich lieber kurzerhand aus seinem Lügengebilde ausstieß um sein Gesicht zu wahren.

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Regenbogen © Brighid


Was war das schönste Erlebnis?

Sati: Ich glaube meine schönsten Erlebnisse hatte ich immer allein. Das waren besondere spirituelle Momente in der Natur oder wenn mir die Götter nah waren. Ganz früher hatte ich eine Freundin mit der ich oft die Jahreskreisfeste irgendwo im Wald feierte. Wir haben zusammen gesungen, geopfert und geräuchert. Das waren wirklich sehr schöne Erlebnisse.

Anufa: Die innige Verbindung mit dem was ich als „Götter“ betrachte ist eines der schönsten Erlebnisse, das ich je hatte. Natürlich gab es immer wieder schöne Erlebnisse mit oder durch Menschen, aber ich hoffe, dass die jeder hat, unabhängig von spiritueller Ausprägung, einfach durch den Umgang mit anderen Menschen.
Was mir am lebendigsten in Erinnerung geblieben ist, war eine kurze spontane Trance in der ich in das Sein eines Fuchses, dessen Schädel ich kurz vorher gefunden hatte, erleben durfte. Daran denke ich sehr, sehr gerne zurück.


Denkt Ihr, dass Ihr die Erfahrungen auch allein hättet machen können?

Anufa: Ganz pragmatisch betrachtet, sicher nicht! Vielen Situationen hätte mich nie und nimmer freiwillig und sehenden Auges ausgesetzt. Da hat es schon ganz vieler Karotten bedurft, denen der Esel hinten nachjagen konnte …

Sati: In puncto Heidenszene und pagane Traditionen, ehrlich gesagt ja, und sogar viel besser. Alles was mich geprägt und geformt hat, wodurch ich mich entwickelt habe und vorangekommen bin, geschah immer dann, wenn ich mich für den Alleingang entschied. Trotzdem hatte ich immer diesen Drang dazu zu gehören und habe mich auch immer sehr darum bemüht und dabei viel Zeit und Energie auf Dinge verschwendet, die mich eher blockiert als weitergebracht haben.


Warum glaubt Ihr an Eure Tradition/Eure Philosophie?

Sati: Wenn man einen Kemetic fragt, was für ihn das wichtigste an seiner Tradition ist, dann werden die meisten mit dem "Erhalt der Ma'at" antworten. Und so sehe ich das auch. Ma'at ist unsere heilige Weltneordnung, die eine individuelle, eine soziale und eine kosmische Dimension hat, viel mit Balance, common sense, Gerechtigkeit und Funktionalität zu tun hat und daran glaube ich. Ich glaube daran, dass das Leben in allen Ebenen nach einer zyklischen Ordnung funktioniert deren lebendiger und mitschöpfender Bestandteil wir Menschen zusammen mit den Göttern und allen anderen Wesen sind. Ich glaube nicht an ein Prinzip der statischen Vollkommenheit, die es anzustreben gilt, sondern für mich hat Leben weitaus mehr mit Funktionieren zu tun und das ist ein höchst dynamischer Prozess in dem Perfektion und Idealismus wenig Relevanz hat dafür aber Kontinuität, Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit. Das macht für mich sehr viel Sinn.

Anufa: Daran glauben ist für mich nicht das passende Wort … das wäre ungefähr so, als ob ich an das Leben glauben würde oder an den Postler. Ich lebe es täglich und damit stellt sich mir dieses Frage nicht so wirklich. Mein Ansatz ist da wahrscheinlich ein eher pragmatischer.
Ich gehe schlichtweg davon aus, dass „all das hier“ - also das Leben als solches – einen Sinn macht, ergo liegt es an mir, diesen für mich zu entdecken. Damit reihe ich mich von außen betrachtet zwar in die Reihe der Sinnsucher ein, sehe mich selber aber als Finder nicht als Sucher, weil ich ja diesen Sinn täglich immer wieder finde und nicht "mir wünsche, dass ich einen finden täte".

In meiner Tradition fühle ich mich zu Hause, weil ich jeden Tag aufs Neue feststelle, dass sie meine Welt grundlegend erklären und Dinge die mir begegnen, für mich ausreichend strukturieren kann. Sie lässt mir genügend Freiraum Neues zu entdecken (sowohl in mir als auch in der Welt), ermöglicht mir Verwurzelung und verleiht trotzdem Flügel - die ich brauche um mir meine Welt und mich darin auch mal von oben und außen anschauen zu können.


Ende Teil III

 


Anufa & Sat-Ma´at


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