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Wie positives Denken verblödet (und wie Du das verhinderst)

Meine provokativ zugespitzte These ist:
Fast alle Formen positiven Denkens führen zu Verblödung, im Sinne der Verflachung des Menschen auf ein Bündel narzisstischer Fixierungen, welches jede Form der Unterscheidungsbildung und differenzierten Denkens verlernt hat.

Der Philosoph Nietzsche nannte dies den “letzten Menschen”, der sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht hat:

”Wir haben das Glück erfunden” – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

So mancher Prediger des positiven Denkens behauptet Ähnliches. Die letzten Menschen blinzeln, weil sie vor lauter Selbstbetrug niemandem mehr geradeheraus in die Augen schauen können und das Licht der Klarheit nicht ertragen.
Ich möchte im folgenden Beitrag etwas mehr Klarheit bringen in das, was als Extremform positiven Denkens sehr populär ist und massenweise verbreitet wird.
Dabei konzentriere ich mich auf 4 Aspekte, welches  die “positiven Denker” quasi zum religiösen Kanon erhoben haben:
Die Unsinnigkeit des Sich-Sorgen-Machens, Die Abschaffung negativer Gefühle, Das Paradigma des Perfektionismus und Die Ideologie des Opfertums.


Die Unsinnigkeit des Sich-Sorgen-Machens

“Sorge dich nicht, lebe” lautet der Titel des populären Klassikers von Dale Carnegie. Und Heerscharen von Epigonen wiederholen gebetsmühlenartig, wie dumm es doch sei, sich unnötig Sorgen zu machen.Sicher – wer den ganzen Tag nichts anders tut als sich Sorgen zu machen, wird kaum den Kopf frei haben, um seine Lebenssituation zu verbessern. Eine Umfokussierung auf Lösungen und das, was machbar und möglich ist, um die Situation zu verbessern, ist dann eventuell hilfreich.
Was die Predigt vom “Hör auf, dir Sorgen zu machen” jedoch übersieht, ist: Dass Sorge einen Sinn hat.
Wer sich über die Zukunft sorgt, nimmt mögliche negative Ereignisse vorweg und kann sich so auf die Auseinandersetzung damit vorbereiten.
Negative Vorbereitung ist nicht nur wichtig, sondern ein essentieller Erfolgsfaktor: Wer Negatives antizipiert und im Vorhinein Lösungen entwirft, wird mit eventuellen Rückschlägen besser umgehen können als ein naiver positiver Denker, der bei Rückschlägen nicht weiss, wie ihm geschieht.
Sorge, in menschlicher Dosis, hat in diesem Sinne durchaus positive Aspekte – die all denen, die zwanghaft positiv denken (wollen) verloren gehen.
Statt Sorgen abzuschaffen ist es nützlicher, sich ihnen zu stellen, deine eigenen “Worst-Case-Szenarien” bewusst durchzuspielen und so Lösungen und Perspektiven entwickeln zu können, die dein Leben spürbar bereichern.


Die Abschaffung negativer Gefühle

Die populären Bücher von Esther und Jerry Hicks, welche angeblich eine höhere Wesenheit mit dem Namen Abraham “channeln” (und “Abraham” ist, nebenbei bemerkt, ein verdammt guter Marketer und Verkäufer), verbreiten vor allem eine Botschaft:
Negative Gefühle sind schlecht, nur gute Gefühle sind gut.
Die eindimensionale Argumentation folgt dem Muster, dass negative Gefühle nur dazu dienen, dich darauf aufmerksam zu machen, dass Du etwas denkst, was nicht gut für dich ist und es nun darauf ankommt, möglichst schnell an etwas anderes zu denken, das sich besser anfühlt:
“Angst, Schuld, Bedauern etc. – weg damit! Und schnell an etwas anderes denken.”
Was wirklich Sorge macht ist, wie viele Menschen bereit sind, eine solche Botschaft fraglos zu akzeptieren – übrigens auch, wenn sie es über Jahre nicht schaffen, sich nur gut zu fühlen und nur positiv zu denken.
Das marketingtechnisch Geniale an der Lehre von der Abschaffung guter Gefühle ist, dass sie sich nicht widerlegen lässt.
Wer sich trotz allem noch immer nicht gut fühlt, noch nicht immer positiv denkt und noch nicht das “angezogen” (gemäß des “Gesetzes der Anziehung”), was er in seinem Leben wirklich will – nun, der muss halt öfter positiv denken, solange bis es klappt und am besten mit Untertützung der neuen Produkte von “Abraham”…
Auf diese Art und Weise bleibt das Denkmodell unangreifbar – und das Konto der Prediger des Modells voll.
Doch was viel besorgniserregender ist:
Wer negative Gefühle abschaffen will, verflacht in seinem MenschSein. Denn nagative Gefühle haben eben nicht nur den Sinn, dich daruaf aufmerksam zu machen, an etwas anders zu denken.
Auch schlechte Gefühle können eine sinnvolle Botschaft haben:
Schuld z.B.kann dich daruf aufmerksam machen, dass Du falsch gehandelt hast. Dann gilt es nicht, an etwas anders zu denken (das ist die Strtegie von Verbrechern), sondern anders zu handeln und etwas zu tun, um den entstandenen Schaden wiedergutzumachen.
Bedauern kann dich auf Fehlentscheidungen in deiner Vergangenheit aufmerksam machen und so zu besseren Entscheidungen in der Zukunft führen.
Die Fähigkeit des Bedauerns ist nicht eine Aufforderung zu “Denk an etwas anderes”, sondern ein Zeichen von Intelligenz und Reflexionsbereitschaft. (Letzteres ist eine Kategorie, die es für “Abraham” übrigens nicht zu geben scheint).
Trauer kann dich den Wert des Verlorenen spüren lassen und so zu einer höeren Wertschätzung des Lebens führen.
Negative Gefühle sind Teil eines gelingendem MenschSeins und Miteinanderseins, Katalysatoren unserer Entwicklung und sinnvolle Feedbackmechanismen.
Wer negative Gefühle zwanghaft wegzudenken versucht, endet als herzloser Flachkopf.
Stattdessen gilt es, negative Gefühle anzunehmen, ihre Botschaft zu entschlüsseln und sie als Anstösse zu tieferem MenschlichSein und ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen.


Das Paradigma des Perfektionismus

Das wirkliche destruktive Grundelement vieler Schulen des positiven Denkens ist der ihnen innewohnende implizite oder explizite totale Perfektionsimus.
Direkt oder indirekt wird postuliert, dass ein perfektes, sorgenfreies Leben in allen Bereichen möglich sei – ein Leben ohne Schmerz, ohne Leid, ohne Stress, ohne Probleme.
Willkommen in der “Schönen Neuen Welt”! ;-)Was daran so destruktiv ist, ist, dass es eine unerfüllbare Erwartung weckt.
Das Versprechen, dass alles in deinem Leben perfekt sein kann – und zwar “nur” dadurch, dass Du dein Denken veränderst, aber sonst ganz ohne Tun und Anstrengung. – führt letzten Endes immer zu Enttäuschung, da diese Perfektion nie ganz erreicht werden kann.
Statt auf die kleinen Schritte, zu fokussieren, die das Leben täglich etwas besser machen können, werden die Anhänger positiven Denkens mit totalitären Lebensvisionen denk- und handlunsgunfähig gemacht – und so abhängig von noch mehr Lebensverbesserungs-Produkten:
Schliesslich muss es an dir liegen, dass es nicht funktioniert, denn die “Methode” ist ja leicht verständlich… (die BILD-Zeitung übrigens auch…)
Vielen Trainern in der Selbsthilfeszene, der ich in gewisser Weise selbst angehöre, ist all dies übrigens vollkommen klar.
Es gibt kaum ein Feld, in dem man soviel Zynismus antrifft wie hinter den Kulissen der Selbsthilfeszene, nach dem Motto: “Wir wissen, dass es nicht funktioniert – aber es lässt sich besser verkaufen als die Wahrheit.”
Werner Erhard, einer der Gründungsväter der modernen Selbsthilfeszene, formulierte das unnachahmlich präzise:
“Wir verkaufen Freiheit und wir verursachen Abhängigkeit”.
Statt einem perfektionistischen Phantasma anzuhängen, ist es deutlich gesünder und erfüllender, sich täglich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren, die Du verändern kannst – und die auf lange Sicht einen großen Unterschied machen.
Die Ideologie des Opfertums

Es gibt innerhalb der Gemeinschaft positiver Denker so etwas wie die Verachtung des Opferbewusstseins. (Natürlich ist “Verachtung” nicht positiv genug formuliert…)
Vor allem unter Anhängern der absoluten Extremform positiven Denkens, des Gesetzes der Anziehung, gibt es so etwas wie die Stigmatisierung der Opfer:
Schließlich müssen sie eine lange Zeit äusserst negativ gedacht haben um ihr leidvolles Schicksal zu verdienen – Verzeihung: “angezogen” zu haben.
Du hast Krebs? Zuviel negatives Denken, zu wenig Selbstliebe.
Du bist pleite? Zuviele negative Glaubenssätze.
Dein Mann ist mit dem Flugzeug abgestürzt? Er hatte eine unbewusste Programmierung, die das angezogen hat.
Beliebt ist in Zirkeln positiver Denker daher der Rat, sich von negativen Menschen fernzuhalten.
Mit gesundem Menschenverstand betrachtet ist das manchmal eine gute Idee, im Wahn positiven Denkens wird das in der Praxis jedoch oft zu angewandter Mitgefühlsslosigkeit.
In ihrem missionarischen Eifer sagen die positiven Denker zu dem Depressiven: Denke bessere Gedanken. (Und denken: Der ist ja selbst schuld.)
Jeder, der nur ein klein wenig differenziertes Denkvermögen hat, weiss, dass ein solcher Ratschlag nur tiefere Depressionen auslöst.
Es lässt sich deutlich menschlicher leben, wenn man unterscheiden kann zwischen Opfer und Opferbewusstsein – etwas, das vielen positiven Denkern leider abgeht.
Auf den Hinweis, dass es natürlich sei, über den Tod eines geliebten Menschen zu trauern, erhielt ich z.B. von einer radikalen positiven Denkerin den Rat, dass ich aus dem Opferbewusstsein aussteigen solle…
Wer soviel Unmenschlichkeit nicht besorgniserregend findet, gehört zu Nietzsches “letzten Menschen”.
Ja, es ist richtig, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben statt im Opferbewusstsein zu verharren.
Und es ist auch richtig, dass uns Dinge zustossen können, deren Opfer wir sind. Damit umgehen zu können, allein und gemeinsam, macht uns zu MENSCHEN.


Ausgewogenes DENKEN vs. Positives Denken

Was ich vorschlage ist eine Unterscheidung zwischen ausgewogenem DENKEN und positivem Denken.
Positives Denken in seiner extremen Anwendung ist per Definition dumm, weil es den anderen Pol auschliessen will.
Ausgewogenes DENKEN dagegen ist in der Lage, beide Pole des Lebens voll anzuerkennen und zu erleben – und die Gleichzeitigkeit beider Pole wahrzunehmen, also das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten zu erkennen.
Was wir brauchen sind nicht noch mehr differenzierungsunfähige positive Denker, die süchtig nach guten Gefühlen sind wie der Fixer nach der Droge – was wir brauchen sind MENSCHEN, die DENKEN können und die volle Bandbreite menschlicher Gefühle und Erfahrungen dankbar annehmen.


Nils Koschoreck


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