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Wie alles begann ...   Teil III

ist ein Schöpfungsmythos, der in dieser Form  wie ein Märchen für Kinder klingt, aber wie alle Märchen Wahrheiten enthält, welche auch für Erwachsene gültig sind. Er wird auch „Die Geschichte von Sonnenjunge und Mondmädchen“ genannt.

Bruder Wind und Pferd

Die Welt war wieder, wie sie zuvor gewesen war, in ewiges Zwielicht getaucht, ohne Farben. Die Blumen verkümmerten, die Tiere verkrochen sich verängstigt und die Wellen des Meeres bewegten sich kaum mehr. Bruder Wind war verzweifelt. Er musste unbedingt den Sonnenjungen oder das Mondmädchen finden! Wenn die beiden Vater Sonne oder Mutter Mond nur genug baten, dann würden sie schon wieder hervorkommen aus ihrem Himmelswagen!

Aber er konnte Sonnenjunge nicht finden. Die Berge, die ihm vielleicht hätten helfen können, schwiegen geheimnisvoll wie immer. Vielleicht schweigen sie aber auch gar nicht, vielleicht ist ihre Stimme nur zu leise oder viel zu langsam, um von einem wie Bruder Wind gehört zu werden.

Auch Mondmädchen blieb verschwunden und Gras verweigerte trotzig eine Antwort, ganz egal, wie sehr Bruder Wind bat, bettelte und drohte. Da hatte er eine Idee. „Wenn ich dich nicht zum Sprechen bringen kann, dann muss ich jemanden herbeischaffen, der es kann!“ Und er fragte ein Tier nach dem anderen, ob es nicht lieber starkes Steppengras fressen mochte als nur die wilden Kräuter und Gemüse und Blätter und die Früchte, welche von den Pflanzen fielen.

Hase, das Mäulchen voller Karotten, schüttelte nur seine langen Ohren. Kuh zuckte ein wenig mit ihrem Schwanz und fraß lieber weiter milchweißen Klee. Schaf sah ihn bloß verständnislos an und kaute auf einer Distel herum.

Da hustete jemand ganz leise und schüchtern hinter Bruder Wind. „Ich bin Pferd und ich würde gerne Steppengras fressen!“ sagte er. „Ich werde von dem anderen Grünzeugs kaum satt und muss den ganzen lieben langen Tag fressen, fressen, fressen – dabei würde ich doch lieber so schnell wie du über die Steppen laufen! Aber ich trau mich nicht so recht. Das Steppengras ist zwar saftig, aber hart, und es hat scharfe Ränder. Doch ich würde es wohl wagen, wenn ich dir damit helfen kann!“

Bruder Wind wandte sich Pferd zu und betrachtete es lange. Er war klein, mit dünnen Beinchen und einem ganz zarten Maul, das bestenfalls für Gänseblümchen geeignet war. Doch Pferd hatte grosse, wunderschöne, wenn auch traurige Augen. In ihnen spiegelte sich die Weite der Ebenen und die Sehnsucht, mit Bruder Wind um die Wette laufen zu können. Weil er aber so bescheiden und scheu war, hatte er es nie gewagt, Vater Sonne oder Mutter Mond um ein paar kleine Änderungen zu bitten, wie andere Tiere das getan hatten.

Da wusste Bruder Wind, er hatte einen treuen Freund gefunden, und er brachte der Welt ein Opfer, weil er fühlte, dass dann wieder alles seine Ordnung haben würde. Er gab Pferd einen kleinen Teil seiner selbst zu fressen und wartete ab, was geschehen würde.

Pferd schüttelte sich, schlackerte mit den hängenden Ohren, sprang mit allen vier Hufen in die Luft, schlug mit seinem kleinen Schwanz, landete auf den Vorderbeinen und schlug mit den Hinterhufen aus. Bruder Wind dachte schon, Pferd würde sich gar nicht mehr beruhigen, und fürchtete, er hätte etwas Schlimmes getan.

Als Pferd schließlich bebend stehenblieb, sah Bruder Wind zu seiner grossen Erleichterung, dass er plötzlich lange starke Beine hatte, eine prächtige schwarze Mähne und einen Schweif, der beinahe den Boden berührte. Stolz und edel hielt er den Kopf hoch erhoben und als er laut wieherte, sah Bruder Wind die scharfen Zähne, die selbst das harte Gras der Steppe zermalmen konnten.

„Danke, o danke, Bruder Wind!“ Der schwarze Hengst schnaubte laut und schoss davon, schneller als ein Sturmvogel.

Bruder Wind begann schon zu glauben, er habe sich in Pferd getäuscht, da kam der Hengst in vollem Lauf zurück zu ihm. Als er stehenblieb, flogen Erdklumpen hoch in die Luft.

„Bring mich zu dem Steppengras, gemeinsam werden wir schon erfahren, wohin Mondmädchen gegangen ist!“

Und tatsächlich, kaum hatte Pferd die ersten Maulvoll saftiges Steppengras gefressen und ein paar Mal mit seinen Hufen am Boden gescharrt, da rief Gras schon laut: „Mondmädchen, Mondmädchen, komm hervor, sonst frisst dieses Ungetüm noch dein Haar oder es zertrampelt dich am Ende noch!“ Ungläubig sahen Bruder Wind und Pferd, wie sich ein Stück grasbedeckter Boden direkt vor Pferds Hufen aufwölbte und Mondmädchen aus der Höhle von Maulwurf auftauchte.

Wie vom Donner gerührt blieb Pferd stehen. Er schnupperte an Mondmädchen und stupste sie mit seinen weichen Nüstern an. Mondmädchens Augen waren vom vielen Weinen geschwollen und Pferds grosses Herz zersprang beinahe vor Mitleid. Sanft legte er seinen stolzen Kopf auf ihre Schulter und flüsterte leise: „Nicht traurig sein, schönes Mondmädchen, ich bin ja bei dir. Und ich trage dich, wohin du willst. Gemeinsam werden wir den Sonnenjungen schon finden.“ Da legte Mondmädchen die Arme um Pferds Hals und war ein wenig getröstet.

Bruder Wind aber sprach: „Mondmädchen, du musst den Sonnenjungen unbedingt finden. Ich glaube, ihm ist etwas zugestoßen, denn Vater Sonne und Mutter Mond zeigen sich nicht mehr und die Welt ist wieder so traurig wie einst.“

Mondmädchen dachte eine Weile nach und sagte dann: „Ich weiß nicht, warum mein Liebster mich verlassen hat, ich weiß nur, dass ich mit ihm das Licht meiner Tage verloren habe. Ich glaube, Kristallkind hat ihn mit einem bösen Bann belegt, denn sie hat kalte Augen, so hart wie Edelsteine. Sie hat kein Herz und darum will sie seines stehlen. Ich werde ihn suchen und meine Liebe wird ihn finden.“

Sie stieg auf Pferds Rücken, hielt sich an seiner Mähne fest und schloss die Augen. Nach einer kurzen Weile streckte sie ihre Hand aus und wies auf die fernen Berggipfel. „Dorthin müssen wir, Pferd, mein Freund.“

Schweren Herzens blieb Bruder Wind zurück. Er hätte sie so gerne begleitet, aber irgendjemand musste über die Geschöpfe der Welt wachen, solange Vater Sonne und Mutter Mond sich nicht zeigen wollten.


Ende Teil III

 


Crysalgira


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