Wie alles begann ...   Teil II

ist ein Schöpfungsmythos, der in dieser Form  wie ein Märchen für Kinder klingt, aber wie alle Märchen Wahrheiten enthält, welche auch für Erwachsene gültig sind. Er wird auch „Die Geschichte von Sonnenjunge und Mondmädchen“ genannt.

Sonnenjunge und Mondmädchen kommen in die Welt

Viele Male kam die „Nacht der Sterne“ und die Geschöpfe der Welt hatten sich daran gewöhnt, da geschah auf einmal etwas völlig Neues. Drei Nächte lang war Mutter Mond verschwunden und Bruder Wind fand in dieser Zeit keinen Schlaf und keine Ruhe, denn ständig musste er allen versichern, dass sie bestimmt zurückkommen würde.

Als Mutter Mond sich in der nächsten Nacht wieder zeigte, war sie viel, viel rundlicher als zuvor und sie strahlte so schön wie noch nie. Bruder Wind, der neugierige Geselle, hielt es nicht aus.

„Mutter Mond, Mutter Mond, was ist denn mit dir geschehen? So sag mir doch, was los ist!“ Mutter Mond aber lächelte geheimnisvoll. „Warte bis zur Morgendämmerung!“ sagte sie.

Als Vater Sonne sich am Himmel erhob, da erwachten auf der Welt zwei Geschöpfe, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Im ersten Augenblick flohen die Tiere in heller Panik, aber als die beiden Wesen einfach still saßen und mit grossen Augen die Wunder der Welt bestaunten, da wagten sie sich  wieder hervor.

Hase, Sturmvogel und Pfeilfisch wurden ausgeschickt, um Bruder Wind zu suchen. Er, der Klügste von allen, wusste bestimmt, was zu tun war.

Schnell kam Bruder Wind herbeigebraust und so ungestüm war er, dass die Haare der beiden Wesen wild flogen und das Kleinere, ein Mädchen, sich an das Größere, einen Jungen, klammerte, um nicht fortgeweht zu werden. Doch sie fürchtete sich nicht, silberhell klang ihr Lachen. „Wer bist denn du?“ rief sie. „Willst du uns zurückblasen in den Himmelswagen?“ fragte der Junge und hielt sich an Weidenbaum fest.

„Ich bin Bruder Wind und wer seid ihr?“

„Sonnenjunge und Mondmädchen! Und wir freuen uns, dich zu sehen, denn Mutter Mond hat uns gesagt, dass du viel über die Welt weißt. Du wirst uns doch alles zeigen und unser Freund sein?“

Bruder Wind lächelte geschmeichelt und stolz. „Selbstverständlich!“ pfiff er laut und rüttelte in seiner wilden Freude so sehr an Weidenbaum, dass diese beleidigt knarrte. Vater Sonne aber lächelte glücklich herab und an diesem Abend schuf er ein ganz besonderes Geschenk. In den glühendsten Farben malte er die Wolken an und ließ das Meer golden aufleuchten. Seine Geschöpfe freuten sich so sehr an diesem wunderbaren Anblick, dass er beschloss, in Zukunft immer einen letzten Gruß über der Welt leuchten zu lassen.


Kristallkind erwacht

Während Mondmädchen und Sonnenjunge mit Bruder Wind durch die Welt liefen, erwachte in einer Höhle tief drinnen unter den Wurzeln der höchsten Berge ein weiteres Geschöpf. Dunkelrot wie Granat war sein Haar. Grün wie Smaragd waren seine Augen und rot wie Rubin seine Lippen. Die Haut war so zart und durchsichtig wie Alabaster. Kristallkind, die Tochter der Steine, war geboren. Wie das Strahlen von Vater Sonne und Mutter Mond den Sonnenjungen und das Mondmädchen hervorgebracht hatte, so hatte das Leuchten der Edelsteine Kristallkind gezeugt. Doch weil auch die Edelsteine nur Kinder der Schöpfung sind, vermögen sie nicht, neues Leben zu schenken und so hatte Kristallkind keine Seele und ihr Herz war ein riesengrosser Diamant. Irgendetwas fehlte ihr und es hielt sie nicht in der Höhle, in welcher sie erwacht war. Unruhig streifte sie durch die geheimnisvollen Kammern der Berge, sprach mit den seltsamen Geschöpfen, welche dort wohnen. Immer näher kam sie auf ihren Wanderungen einem Ausgang aus dem Berg, wo die Wellen des Meeres die letzte trennende Felsschicht zur Außenwelt durchbrochen hatten. Viele Male stand sie davor, aber das gleißende Licht von Vater Sonne entsetzte sie zu sehr.

Doch eines Nachts, da nur Mutter Mond hoch am Himmel stand, wagte sie es, den schützenden Berg zu verlassen. Furchtsam stand sie am Strand und blickte zu dem grossen weißen Licht am Himmel empor. Als Mutter Mond sie sah, erschrak sie. Sie hatte geglaubt, alle ihre Geschöpfe zu kennen, aber dieses Wesen war ihr fremd.

Laut rief sie nach Bruder Wind und dieser kam folgsam herbeigeeilt. Er sah das fremde Geschöpf und wurde schnell zu einem zarten Lüftchen, um es nicht zu verängstigen.

„Ich bin Bruder Wind und wer bist du?“

„Kristallkind heiße ich, in einer Höhle tief im Berg bin ich erwacht. Ich suche nach etwas.“

„Wonach denn? Ich weiß viel über die Welt, das hat Mutter Mond da oben selbst gesagt! Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Ich weiß nicht, wonach ich suche. Ich weiß nur, dass ich es finden muss, weil ich sonst nicht leben kann.“

Bruder Wind erschrak. Hilfesuchend sah er zu Mutter Mond auf, doch sie hatte sich hinter den Wolken verborgen .....

„Komm erst einmal mit mir, ich bringe dich zu meinen Freunden Sonnenjunge und Mondmädchen. Von allen Geschöpfen der Welt sind die beiden dir am ähnlichsten. Vielleicht wissen sie, was du suchst.“


Sonnenjunge geht fort

Als Mondmädchen und Sonnenjunge am nächsten Morgen erwachten, da saß ein fremdes Mädchen mit Bruder Wind unter dem Weidenbaum. Vater Sonne sandte gerade seine ersten Strahlen über die Welt und Sonnenjunge schien es, als hätte er nie ein schöneres Wesen gesehen als diese Fremde. Geschwind stand er auf, ging zu ihr und hielt ihr seine Hand hin. Kristallkind sah ihm in die Augen, erhob sich aus dem Gras, nahm seine Hand und sprach: „Ich glaube, jetzt weiß ich, wonach ich gesucht habe.“ Hand in Hand gingen die beiden davon, ohne ein Wort für die arme Mondmädchen. Bruder Wind rief ihnen nach und wollte sie aufhalten, doch die beiden hörten ihn scheinbar nicht.

Den ganzen Tag warteten Bruder Wind und Mondmädchen, dass die beiden zurückkämen. Mondmädchen weinte stumm und Bruder Wind machte sich bittere Vorwürfe. Er eilte zu Vater Sonne und fragte ihn, was Sonnenjunges Verhalten denn bloß bedeuten sollte. Doch Vater Sonne gab keine Antwort und verbarg sich hinter den Wolken, wie Mutter Mond zuvor.

Als Bruder Wind zur alten Weide zurückkehrte, da war auch Mondmädchen verschwunden. Weide wusste nicht, wohin sie gegangen war. „Ich bin nur ein wenig eingenickt und auf einmal war sie weg“, sagte der Baum. „Frag doch Gras!“ Doch Gras rauschte nur und wollte keine Antwort geben. Bruder Wind zauste und schüttelte es eine Weile, aber dann hatte er genug. „Sollen sie doch sehen, wie sie alle ohne mich zurechtkommen!“ rief er empört. „Ich gehe mit den Wellen spielen, die benehmen sich wenigstens noch vernünftig!“

Als Vater Sonne an diesem Abend zur Ruhe ging, da gab es keinen bunten Himmel als Abschiedsgruß. Und Mutter Mond zeigte sich erst gar nicht. Die Geschöpfe der Welt flüsterten aufgeregt miteinander und Bruder Wind, der sich inzwischen ein wenig beruhigt hatte, begann sich zu wundern. Nur Gras war auffallend still.

Sonnenjunge und Kristallkind aber waren weit gewandert. Sonnenjunge hatte gar nicht gemerkt, wie schnell der Tag vergangen war. Müde ließ er sich in einem kleinen Bergtal nieder, um zu rasten, doch Kristallkind wollte noch weitergehen. „Ich möchte dir den Ort zeigen, von dem ich gekommen bin“, sagte sie. „Dort können wir schlafen.“ Da stand Sonnenjunge noch einmal von seinem Ruhefelsen auf und folgte Kristallkind in den Berg.

Unruhig lief Bruder Wind auf und ab und zählte die Stunden bis zur Dämmerung. Aber die Dämmerung wollte nicht kommen. Da machte er sich auf den Weg zum Himmelswagen, doch der war verschlossen. Und so sehr er auch rief und rüttelte und schüttelte, niemand antwortete ihm, nur die Sterne leuchteten kalt herab, so kalt wie Kristallkinds Augen.


Ende Teil II


Crysalgira


Von bösen Wölfen, Rosinen und Weltuntergängen 03.06.2017
Beltane Afterglow und Nachdenklichkeiten 20.05.2017
Betrachtungen zu den Erntedankfesten 05.11.2016
Fluch, Segen und der Gesang der "Social Sirens" 20.08.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil IV 16.07.2016
Das Mariendilemma 02.07.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil III 14.05.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil II 30.04.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil I 09.04.2016
Enttäuschung 19.03.2016
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil V 13.02.2016
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil IV 09.01.2016
Ein Blick nach innen 12.12.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil III 29.08.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil II 12.07.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil I 13.06.2015
Meinung oder Haltung? Und was genau ist eigentlich Verantwortung? 25.04.2015
Kritische Gedanken zur Weihnacht 10.01.2015
Intuition und Wachheit 31.08.2014
Das Problem mit der Figur - Teil II 31.05.2014
Das Problem mit der Figur - Teil I 19.04.2014
Ich erzähl´ dir was von mir und aus meinem Leben - Teil I 25.01.2014
Meinung ist nicht Wissen 28.09.2013
Anders sein 29.06.2013
UPG, Doxa oder "Aber für MICH ist das so…" 30.03.2013
Schublade auf und rein mit dir! 05.01.2013
Wir sind immer noch am heidnischen Kinderspielplatz, also lasst uns spielen! 22.09.2012
Leben in Gemeinschaft 04.08.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil IV 09.06.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil III 19.05.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil II 05.05.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil I 28.04.2012
Wie positives Denken verblödet (und wie Du das verhinderst) 28.01.2012
Es endet das Jahr und noch so Einiges... 05.11.2011
Wie alles begann ... - Teil IV 09.07.2011
Wie alles begann ... - Teil III 02.07.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil III 04.06.2011
Wie alles begann ... - Teil II 28.05.2011
Wie alles begann ... - Teil I 14.05.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil II 26.03.2011
Lass uns drüber reden! - Teil II 19.02.2011
Lass uns drüber reden! - Teil I 05.02.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil I 23.01.2011
Mein Heidentum - Teil II 30.10.2010
Mein Heidentum - Teil I 09.10.2010
Pagan Federation Austria: Die Anfänge 2002 – 2007 19.06.2010
Als ich meinen ersten Hahn opferte - Teil II 13.03.2010
Als ich meinen ersten Hahn opferte - Teil I 06.03.2010
Mara 12.12.2009
Ein Blick zurück: das Neuheidentum im Realitätscheck 12.09.2009
Die Anderswelt 17.05.2009
Darf Bildung Spaß machen? 07.03.2009
Auf der Suche nach dem heiligen Gral - Teil II 13.12.2008
Auf der Suche nach dem heiligen Gral - Teil I 29.11.2008
Die Hexen von der Blockheide 09.08.2008
Die ewige Stadt - Teil II 09.02.2008
Die ewige Stadt - Teil I 19.01.2008
Ebriosi - Teil II 11.08.2007
Ebriosi - Teil I 04.08.2007
Lapis Serpentis stellt sich vor 12.05.2007
2012 geht die Welt unter 31.03.2007
„Erinnerung“ oder „Woher komme ich" 17.03.2007
3.065 Kilometer - Pilgerritt nach Santiago de Compostela - Teil II 09.12.2006
3.065 Kilometer - Pilgerritt nach Santiago de Compostela - Teil I 02.12.2006
Die Liebesringe 04.11.2006
Lilythias BBnC Tagebuch - Teil II 19.08.2006
Lilythias BBnC Tagebuch - Teil I 12.08.2006
Wer war Ötzi? 15.04.2006
Das WurzelWerk im Naturhistorischen Museum 11.02.2006
Mitterkirchen 10.09.2005
Interview mit Kate West - Teil II 21.05.2005
Interview mit Kate West - Teil I 14.05.2005
Vor der Flut 2004 in Indien 05.02.2005
Transformation… Metamorphosen… Schwellen… 08.01.2005
Die Dunkelheit 30.10.2004
Die Welt der Maori 25.09.2004
Tut Ankh Amun – das goldene Jenseits 15.05.2004
BBnC 17.04.2004
Totenfeier bei den Maori 20.03.2004
Ein Tag in Neunkirchen 07.02.2004
Von Ostara nach Mabon - oder: Wohin die Gezeiten dich tragen 04.10.2003
Nihon 23.08.2003
Ostara auf Gran Canaria 21.06.2003
Das Abenteuer «Staatliche Anerkennung» 26.04.2003
Silberwolf - mein Weg 08.03.2003
Samhain in Neuseeland 09.11.2002
Unser Sommer-Sonnwendfest in Neuseeland 14.07.2002
Wenn Hexen in den Wald gehen 18.05.2002
Land- oder Stadthexe?! 11.05.2002
Wie wir in Neuseeland Beltane feiern 19.03.2002
Die Anfertigung traditioneller Maori-Flöten 09.03.2002
Otro buon dia en paraiso 17.02.2002
Ein keltischer Traum - Teil III 27.01.2002
Ein keltischer Traum - Teil II 27.01.2002
Ein keltischer Traum - Teil I 27.01.2002
Wie der Tarot in meine Welt kam 14.12.2001
Ich hab Wurzeln! Namasté! 23.11.2001
Meine ersten Erlebnisse mit Runen 13.10.2001
Ein spiritueller Lebensweg 30.08.2001
Duke Meyer - Heidnischer Glaube in der Kunst - Teil II 28.08.2001
Duke Meyer - Heidnischer Glaube in der Kunst - Teil I 28.08.2001





               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017