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Wie alles begann ...   Teil I

ist ein Schöpfungsmythos, der in dieser Form  wie ein Märchen für Kinder klingt, aber wie alle Märchen Wahrheiten enthält, welche auch für Erwachsene gültig sind. Er wird auch „Die Geschichte von Sonnenjunge und Mondmädchen“ genannt.

Die Schöpfung

Als es noch keine Zeit gab, damals, als gerade erst die Pflanzen und Tiere erwacht waren, da herrschte ewiges Zwielicht über der Welt. Es gab keinen Tag und keine Nacht, keinen hellen Sonnenschein und kein von weißem Mondlicht erfülltes Dunkel. Denn Vater Sonne und Mutter Mond wohnten gemeinsam in ihrem Himmelswagen, der zwischen den Sternen seine Bahn zog.
Aber die Bäume und die Tiere flüsterten miteinander, die Fische sprachen zu den Wellen des Meeres, die Blätter raunten den Wolken ihre Sehnsüchte zu. In ihren Träumen war die Welt bunt. Doch ihre Stimmen waren zu leise, Mutter Mond und Vater Sonne konnten sie nicht hören. Ermüdet waren sie eingeschlafen, nachdem sie die Schöpfung geordnet hatten.

Bruder Wind, der unermüdlich über die Welt strich, ältestes und weisestes der Kinder von Sonne und Mond,  hörte und sah alles, wenn er mit den Wolken spielte, wenn er auf den Wellen des Meeres tanzte, wenn er über das Gras der endlosen Ebenen strich. Und ihn dauerten die Geschöpfe, welche im immer gleichen Zwielicht leben mussten. So erzählte er ihnen von den funkelnden Sternen, vom Tanz der Kometen, vom weißen Schimmern der Himmelsstraße. Und er überlegte, wie er helfen konnte. Er strich durch die Blätter, bis sie laut rauschten. Er sprang auf den Wellen hin und her, bis sie donnernd an die Küsten schlugen. Er pfiff um die hohen Felsen der Gebirge, bis die Luft erfüllt war von seinem Gesang. Immer stärker und stärker wirbelte er um die Welt und solch ein Getöse veranstaltete er, dass Mutter Mond und Vater Sonne in ihrem Himmelswagen erwachten.

„Bruder Wind, was ist, was hast du, warum machst du solchen Lärm?“ fragte Mutter Mond. „Weißt du nicht, dass wir noch müde sind  und uns ausruhen müssen von der Schöpfung?“ grollte Vater Sonne. „Geh auch schlafen!“
„Mutter Mond, Vater Sonne, so hört mich doch an! Die Bäume, das Gras, die Tiere, selbst die Wolken sind traurig! Natürlich sind sie euch dankbar, dass ihr sie geschaffen habt, aber warum taucht ihr die Welt in ewiges Zwielicht? Warum zeigt ihr euch euren Geschöpfen nicht endlich? Soooo müde könnt ihr nicht mehr sein!“
Mutter Mond lachte und Vater Sonne lächelte wenigstens ein bisschen. „Vielleicht hat Bruder Wind ja recht.“ So standen sie auf aus ihrem Himmelswagen und blendendes, grellweißes Licht ergoß sich über die Welt. Erschreckt schrien da die Geschöpfe auf, die Blätter der Bäume rollten sich zusammen, die Fische tauchten in die Tiefen des Meeres und die Wolken verbargen sich  in engen Bergschluchten. Zu hell, zu heiß war das ungewohnte Strahlen.
„Also, so geht das nicht!“ schrie Bruder Wind. „Irgend etwas macht ihr nicht richtig! Was nützt es euren Geschöpfen, wenn ihr da am Himmel steht, aber niemand es wagen kann, euch anzusehen?“
Da stieg Vater Sonne zurück in den Himmelswagen und meinte: „Was soll’s, ich bin immer noch müde genug, ich schlafe noch ein Weilchen.“ Mutter Mond aber blieb am Himmel und ihr sanftes silbriges Leuchten beruhigte die verängstigten Wesen. Vorsichtig öffneten sie ihre Augen wieder, die Blätter rollten sich auf, die Fische kamen zur Oberfläche der Wasser hinauf und die Wolken liefen ganz schnell zu Mutter Mond und ließen sich im Kreis um sie nieder.
Mutter Mond sprach: „So ist es gut. Während Vater Sonne schläft, werde ich über euch wachen. Und wenn ich müde werde, dann wird er euch sein Licht schenken.“ Nun legte sich auch Bruder Wind beruhigt nieder - sein Toben hatte ihn ganz schön erschöpft. Die Blätter raschelten noch ein bisschen, die Tiere gähnten, die Fische knabberten noch ein wenig Tang und dann schliefen sie alle ein. Mutter Mond aber hütete ihren Schlaf.
Die erste Nacht war geboren und mit ihr die Zeit.
Denn irgendwann wurde auch Mutter Mond müde. Sie kletterte zurück in den Himmelswagen, wo Vater Sonne schon ungeduldig wartete. Er wollte endlich ihre gemeinsame Schöpfung betrachten. Vielleicht gab es ja noch etwas zu verbessern ...


Warum es den Neumond gibt

So ging es nun viele Nächte und Tage lang, doch irgendwann wurde Mutter Mond traurig. Sie sah Vater Sonne ja kaum noch! Die kurzen Stunden der Dämmerung waren immer viel zu schnell vorbei. Ihre Liebe hatte sie bewogen, die Welt zu schaffen, und nun hatten sie keine Zeit mehr für einander.
Eines Nachts, als Mutter Mond wieder ganz alleine am Himmel stand, da weinte sie. Ihre Tränen rannen durch die Wolken auf die Welt hinab und weckten Bruder Wind aus seinem Schlaf.
„Mutter Mond, was ist dir? Warum bist du traurig? Sieh doch, die Welt ist jetzt viel schöner geworden - die Bäume und das Gras können wachsen, die Tiere vermehren sich, bunte Blumen blühen, der Himmel ist blau und der Regenbogen leuchtet in wunderbaren Farben!“
„Ach, Bruder Wind, du hast ja recht, aber ich vermisse Vater Sonnes Gesellschaft so sehr! Weißt du mir denn keinen Rat?“
Bruder Wind dachte nach. „Hmmm, ich glaube schon. Sieh mal, wenn deine Geschöpfe wissen, dass du wieder zu ihnen zurückkehrst, dann werden sie es schon ein, zwei Nächte ohne dich aushalten. Nimm dir doch einfach frei!“

Und so geschah es. Als Vater Sonne am nächsten Abend in den Himmelswagen stieg, da blieb Mutter Mond bei ihm und die beiden liebten sich wie damals, als es die Zeit noch nicht gab.
Die Geschöpfe der Welt aber, von Bruder Wind auf das Ereignis vorbereitet, sahen zum ersten Mal die Sterne in all ihrer Pracht und sie vermissten Mutter Mond nur ein ganz kleines Bisschen.


Ende Teil I


Crysalgira


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