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Als ich meinen ersten Hahn opferte   Teil II

„Do ut des!“ – „Ich gebe, damit du gibst!“, lautet die lateinische Rechtsformel, die das Verhältnis der Menschen zu den Gottheiten bezeichnet. Dieser Sinn der immerwährenden Gabe und Gegengabe liegt annähernd jeder heidnischen und/oder traditionellen Opferpraxis zugrunde.
Altarbild

Whisky als Trankopferspende
– und zur Beruhigung der Nerven.

Huehner

Die Hühner.

Opfer1

Das Opfer wurde dargebracht.

Opfer2

Ein Hühnerleben für meine Göttin.

Rupfen

Die Hühner müssen Federn lassen.

Huhn

Nach dem Rupfen.

 

Am Sonntag war es dann soweit. Zeitlich in der Früh packte ich meine Ritualgegenstände ein und fuhr zusammen mit einer Freundin mit der Eisenbahn ins Waldviertel zu besagtem Bauernhof. Die drei Hühner waren seit letzter Nacht in einem großen Käfig eingesperrt. Eines davon, einen jungen braunen Hahn, kaufte ich meinen Gastgeber/innen ab. Die zwei Bekannten aus Wien und ich würden das Schlachten übernehmen. Der Gastgeber zeigte uns im Garten, außerhalb des Hauses, wie man das Huhn fachgerecht hält, und wie man am besten mit der Axt zuschlagen sollte. Der „Altar“ für meine Göttinnenstatue war schnell durch Aufstellen derselben neben dem Hackstock errichtet, und so konnte ich noch eine kurze Andacht samt Trankopferspende von Whisky abhalten (der dann auch uns Schlachtenden zugute kam, um die Aufregung zu dämpfen).

Ich war als letzte dran, worüber ich sehr froh war, da ich nun schon ungefähr wusste, was auf mich und das Federvieh zukommen würde. Zusammen mit dem Gastgeber holte ich den jungen Hahn aus dem Käfig. Ich trug das Tier in meinen Armen, streichelte es, um es zu beruhigen (und mich selbst gleich dazu). Kurz präsentierte ich das Tier meiner Göttin, dann half mir der Gastgeber, den Hahn zu halten (was nicht so einfach war). Ich nahm die Axt, sprach den Namen meiner Göttin und schlug zu. War das Tier bis jetzt ruhig geblieben, flatterte es nach dem Schlag auf den Hals hysterisch auf. Ich hatte zwar die Wirbelsäule durchtrennt, aber der Kopf war noch nicht ganz ab. Schnell schlug ich noch einmal zu, und der Kopf fiel mit ein paar Blutstropfen ins Gras. (Tatsächlich bluteten die Hühner nur ganz schwach.)

Dann nahm ich den stark zuckenden kopflosen Hahn in beide Hände und setzte mich mit ihm vor die Statue der Sulis ins Gras. Ich legte ihm die Hand auf, streichelte die warmen, weichen Federn und beruhigte ihn, bis er endgültig seinen Geist aushauchte. Irgendwie waren wir alle der Meinung, dass Hühner einen Teil der Seele offenbar auch im Rückenmark zu haben scheinen, weil sie nach dem Schlachten noch relativ lange weiter“leben“. Ich brachte den Hahn meiner Göttin mit einem Gebet dar.

Meine Gefühle waren eine krasse Mischung aus höchster Dankbarkeit, die mich fast zu Tränen rührte, Ehrfurcht, ein bisschen Mitgefühl mit dem toten Hahn und Erleichterung, dass das Tier nicht allzu viel gelitten hatte. So also fühlte es sich an, wenn man ein Tier schlachtet. Zu meinem Erstaunen hielten sich Gefühle wie Mitleid, Trauer, Ekel oder auch Blutrausch sehr in Grenzen. Ich hatte eher das Gefühl, etwas ganz Normales gemacht zu haben, wie unzählige Menschen vor mir auch schon. Töten um zu essen. Trotzdem war es etwas Besonderes. Auch der Gedanke, dass eine antike Göttin wahrscheinlich nach mehr als 1500 Jahren wieder ein lebendiges Tier als Opfergabe geschenkt bekam, war seltsam und zugleich erhebend. So komisch das klingen mag, aber ich hatte den Eindruck, als ob sich Sulis und auch meine anderen Gottheiten durch das Blut des Hahnes eine Art von außergewöhnlicher Kraft einverleibten. Das Opfer, das die Gottheiten nährt und stärkt und zugleich unser Heil gewährleistet – do ut des.



Nach dem Schlachten begaben wir uns mit unseren Hühnern wieder in den Innenhof des Vierkanters. Den Kopf meines Hahns, das Blut und einige der Innereien sammelte ich als Opfergabe in der mitgebrachten Schale für die Gottheiten. Unsere Gastgeber/innen hatten schon einen großen Topf voll kochenden Wassers gebracht, weiters eine Menge Zeitungspapier, Schneidbretter und Messer. Wir setzten uns um einen großen Weidling, über dem wir die Hühner rupften, nachdem wir diese für einige Sekunden in das kochende Wasser getaucht hatten. Durch diese Methode lassen sich die Federn ganz leicht und schnell ausrupfen.

KopfanKopf

Blut, Kopf und Eingeweide
gehören der Gottheit.

Suppenfertig

Suppe

Ab in den Suppentopf!

Gegrillt

Die Grillhendln werden portioniert.

Hühnerbein

Die beste Suppe der Welt.
Nur das Bein war nicht jedermanns Sache.

Danach wünschte ich mir erstens, dass ich ein Skalpell dabei gehabt hätte und zweitens, dass ich ein Seminar über Hühneranatomie besucht hätte. Die Messer, die wir hatten, waren leider nicht so scharf, wie sie für diesen Job hätten sein sollen, und so dauerte das Ausnehmen der Hühner etwas länger, da wir höllisch darauf achten mussten, nirgendwo hineinzustechen, wo man besser nicht hineinstechen sollte, denn das wäre ziemlich eklig gewesen.

Ich saß also da mit meinem gerupften Hahn in größter Konzentration und studierte sein Innenleben (irgendwie hatte das was von CSI ...), während ich streng nach Anleitung unseres Gastgebers Hals, Kropf und Beine abschnitt und mich danach über die mehr oder weniger fachgerechte Entfernung der Eingeweide machte. Wir waren stolz auf uns, da wir das ohne größere Pannen zuwege brachten.

Als ich endlich fertig war (die anderen beiden waren früher fertig geworden), brachte ich den Hahn und die Kultgegenstände in die große Wohnküche, wo auch schon die anderen Gäste um den Tisch saßen. In den Öfen brieten schon vier Grillhühner (die zwei selbst geschlachteten und zwei gekaufte), und am Herd köchelte das Suppengrün. Ich opferte Blut,  Eingeweide und Hahnenkopf aus der Schale in das Ofenfeuer und warf noch Räucherwerk nach, so ähnlich, wie es auch an antiken Altären üblich gewesen war. Einige Weihrauchkörner streute ich auf die Ofenplatte, worauf die Küche von einem angenehm würzigen Duft erfüllt wurde. Dann wusch ich gründlich meinen Hahn und die Hühnerbeine und gab alles in den großen Suppentopf.

Das Festmahl begann mit den Grillhühnern, erst die gekauften, dann die selbst geschlachteten. Auch wenn letztere noch etwas zäh waren (laut unseren Gastgeber/innen musste man frische Hühner einen Tag im Eiskasten abliegen lassen), waren sie geschmacklich ein Erlebnis. Es waren die besten Grillhendln, die ich je gegessen hatte.

Die Hühnersuppe wurde zum Schluss aufgetragen und übertraf die Grillhendln sogar noch. Wer noch nie eine Hühnersuppe von einem frischen Bio-Huhn gegessen hat, muss das unbedingt einmal probieren. Es ist einfach unbeschreiblich lecker! Meine Speise weihte ich dann auch der Sulis, denn nicht nur Blut und Weihrauch sind den Gottheiten lieb, sondern auch die Speisen selbst.

Wie in China üblich, probierte ich dann auch eines der mitgekochten Hühnerbeine. Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht ganz, warum die Beine des Geflügels dort als Delikatesse gelten. Meine Begeisterung hielt sich jedenfalls in Grenzen. Der Geschmack der Suppe aber wurde durch die mitgekochten Hühnerbeine sicherlich noch verbessert.

Den Nachmittag verbrachten wir mit den Schafen auf der Weide und im Wald beim Schwammerlsuchen. Am Abend, wieder zu Hause, dankbar für diesen intensiven Tag, saß ich vor meinem Hausschrein und sinnierte über das Geschehene nach. Ich würde in Zukunft noch mehr Respekt vor den Tieren haben, die ich esse. Ob ich es schaffen werde, weniger Fleisch zu essen, weiß ich nicht. Ich versprach jedenfalls, mich zu bemühen. Leicht würde es nicht sein, denn Fleisch gehört zu meinen Lieblingsspeisen – der Verzicht fällt mir unendlich schwer. Ob ich noch einmal ein Tier schlachten würde – auf jeden Fall. Denn wenn ich es nicht übers Herz brächte, wäre für mich die einzige ehrliche Konsequenz, vegetarisch zu leben.


Mc Claudia


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