Als ich meinen ersten Hahn opferte   Teil I

„Do ut des!“ – „Ich gebe, damit du gibst!“, lautet die lateinische Rechtsformel, die das Verhältnis der Menschen zu den Gottheiten bezeichnet. Dieser Sinn der immerwährenden Gabe und Gegengabe liegt annähernd jeder heidnischen und/oder traditionellen Opferpraxis zugrunde.

Das Opfer verbindet Gottheiten und Menschen. Das Opfer kann sich in vielen Variationen ausdrücken. Eine der ursprünglichsten, würde ich meinen, ist das Opfern von Speis und Trank. Neben Atmen ist Essen und Trinken überlebensnotwendig, und was liegt da näher, als das, was uns nährt, mit denen zu teilen, von denen polytheistische Menschen annehmen, dass es von Ihnen kommt?

Eine besondere Form des Speiseopfers ist das Tieropfer. Besonders ist es deshalb, weil Blut fließt, weil ein fühlendes Wesen ins Jenseits befördert wird, damit man selbst etwas Nährendes zu beißen bekommt. Tieropfer sind ohne Fleischgenuss nicht denkbar oder zumindest ziemlich absurd. Tatsächlich dürfte es in rein vegetarischen Kulturen und Religionen keine Tieropfer geben. So spendeten die antiken Orphiker zum Beispiel den Gottheiten ausschließlich Räucherwerk (und wandten sich damit absichtlich gegen die übliche Tieropferpraxis), und viele Hindus geben den Unsterblichen nur vegetarische Speisen. (Blutopfer gelten hierbei sogar als unrein.)

TrajansaeuleBild links: Prozession zum Altar mit geschmückten Opferstieren. Die Schlächter (Opferdiener) tragen die Äxte mit sich, mit denen sie den Stieren den Schädel einschlagen. (Trajansäule, Abguss im Museo Della Civilta Romana, Rom)

In der Logik der klassischen Antike zum Beispiel durfte man Tieren nur während der Weihehandlung das Leben nehmen, denn im Normalfall war Töten tabu, da man so die Grenze zum Heiligen (dem Leben) verletzen würde. Die Opferzeremonie war sozusagen das von den Gottheiten erlaubte Töten. Größere Tiere wurden ausschließlich während der Opferfeiern für bestimmte Gottheiten vor deren Tempeln geschlachtet. Das Blut (Träger des Lebens) sowie ungenießbare Teile gehörten den Gottheiten und wurden oft am Altar verbrannt (meist zusammen mit Räucherwerk, damit sich der Gestank in Grenzen hielt). Das Fleisch wurde zubereitet und im Rahmen eines Festmahls an die Gemeinde verteilt. Arme Menschen kamen so regelmäßig zu ihren Fleischportionen. Denn opfern heißt teilen, nicht nur mit den Gottheiten sondern auch mit den Mitmenschen.

Trajansaeule2

 

Ausgehend von der antiken Version fand ich (durch Lektüre und TV-Dokus) quer über dem Erdball immer wieder ähnliche Vorstellungen bei Religionen, deren Kulte Tieropfer beinhalten. Herausragend ist für mich hier die Voodoo-Religion. Auch dort gilt das Blut als Lebenssaft, der den Loas oder Orishas gehört. Während im alten Griechenland die Blutfontäne aus dem Hals des geopferten Stieres gen Himmel spritzen sollte, um die olympischen Gottheiten zu erfreuen, wird das Blut des Schlachttieres im Voodoo oft direkt auf die Götterstatuen gegossen. Hierbei sei noch einmal an den Gedanken erinnert, der nicht nur im Rigveda maßgeblich ist: nämlich dass nicht nur die Menschen von den Gottheiten, sondern auch die Gottheiten von den Menschen abhängig sind. Erst das Opfer verleiht den Gottheiten Ihre Kraft!

Bild rechts: Weihehandlungen am Altar. Der geschlachtete Stier liegt am Boden, über ihm der Opferdiener. (Trajansäule, Abguss im Museo Della Civilta Romana, Rom)

Neben dem Festmahl, dem reglementierten Töten und dem Blut als Nahrung für die Gottheiten gibt es, je nach Glauben, noch weitere Gründe für das Tieropfer: So ist es oft üblich, dem Tier ein Gebet mitzugeben, das es dann als Vermittler den Unsterblichen überbringen soll. Auch der Wert des Opfers kann eine Rolle spielen. Reiche Römer spendeten tadellose, sündteure Stiere für die Zeremonien, um so ihr Ansehen beim Volk zu mehren. Die richtige Farbe des Tieres und das passende Tier oder sogar die richtige Tötungsart waren und sind in vielen Opferkulten auch ein wichtiges Thema. So ist es oft üblich, helle Tiere den himmlischen Mächten und dunkle Tiere den Unterirdischen darzubringen. Inwieweit Tieropfer als Ersatz für ehemalige Menschenopfer dienten, weiß ich nicht. Denn auch dort, wo Menschen für die Unsterblichen getötet wurden, waren für gewöhnlich gleichzeitig Tieropfer üblich. Es könnte aber sein, dass nach Aufgabe der Menschenopfer das Tieropfer zusätzlich als Ersatzopfer angesehen wurde.

Soweit zu anderen Kulturen und anderen Zeiten. Und hier und heute? Als Fleischgenießerin bin ich fast jeden Tag mit Leichenteilen meiner gefiederten oder behuften Mitwesen konfrontiert. Zugegeben, die Leichenteile schauen im Supermarkt oder auf dem Teller lecker aus, riechen lecker und schmecken meist sehr gut. Kein Grund sich zu ekeln, kein Grund, an das Tier zu denken, das etwas anders aussah, bevor es zum Steak oder zum knusprigen Hendlhaxn wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Fleisch essenden Freund/innen, denen Anblick, Geruch und Verzehr des Endprodukts Fleisch durchaus reicht, wollte ich schon längere Zeit mehr erfahren über das Tiere-Töten und -Verarbeiten. Luisa Francia schrieb in irgendeinem Buch, das ich vor Jahren einmal gelesen hatte, dass jede Frau, die gerne Fleisch isst, einmal einen Hahn schlachten sollte, um sich mit dem Tier, das gegessen würde, auseinanderzusetzen. Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, eine Begegnung mit dem Voodoo-König vom Benin sowie auch mein neuheidnischer Glaube, der das „do ut des“-Prinzip beinhaltet, haben in mir den Wunsch, einmal selbst ein Tier zu schlachten, ja den Gottheiten zu opfern, immer mehr reifen lassen.

Dass dieser ungewöhnliche Wunsch nicht allzu leicht zu erfüllen ist, wenn man in einer kleinen Wohnung in der Stadt wohnt, ist klar. Vor kurzem aber bekam ich die Gelegenheit, mein lang gehegtes Ansinnen in die Tat umzusetzen. Ein befreundetes Paar, das einen kleinen Vierkant-Bauernhof mit glücklichen Schafen und Hühnern bewohnt, lud mich ein, an einem Sonntagsessen teilzunehmen, und zusammen mit zwei Bekannten, die denselben ungewöhnlichen Wunsch hatten, drei Hühner für das Festmahl zu schlachten und zuzubereiten. Ich nahm die Einladung dankend an.

Die Tage davor setzte ich mich mit dem Töten auseinander. Ich malte mir immer wieder aus, wie ich dem Huhn mit einem gezielten Streich den Kopf abschlug, sodass es möglichst nicht leiden müsste. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass Hühner nach dem Schlachten oft noch zuckten und herumliefen. Ich befragte Sulis (eine Form der keltischen Minerva), meine Lieblingsgöttin, mittels Orakel, ob Ihr das Opfer genehm war. (Das Orakel war positiv.)

Ende Teil I

 


Mc Claudia


Beltane Afterglow und Nachdenklichkeiten 20.05.2017
Betrachtungen zu den Erntedankfesten 05.11.2016
Fluch, Segen und der Gesang der "Social Sirens" 20.08.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil IV 16.07.2016
Das Mariendilemma 02.07.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil III 14.05.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil II 30.04.2016
Ein Blick auf die Heidenszene ... im Duett - Teil I 09.04.2016
Enttäuschung 19.03.2016
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil V 13.02.2016
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil IV 09.01.2016
Ein Blick nach innen 12.12.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil III 29.08.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil II 12.07.2015
Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes - Teil I 13.06.2015
Meinung oder Haltung? Und was genau ist eigentlich Verantwortung? 25.04.2015
Kritische Gedanken zur Weihnacht 10.01.2015
Intuition und Wachheit 31.08.2014
Das Problem mit der Figur - Teil II 31.05.2014
Das Problem mit der Figur - Teil I 19.04.2014
Ich erzähl´ dir was von mir und aus meinem Leben - Teil I 25.01.2014
Meinung ist nicht Wissen 28.09.2013
Anders sein 29.06.2013
UPG, Doxa oder "Aber für MICH ist das so…" 30.03.2013
Schublade auf und rein mit dir! 05.01.2013
Wir sind immer noch am heidnischen Kinderspielplatz, also lasst uns spielen! 22.09.2012
Leben in Gemeinschaft 04.08.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil IV 09.06.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil III 19.05.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil II 05.05.2012
Ressourcen und deren Verschwendung - Teil I 28.04.2012
Wie positives Denken verblödet (und wie Du das verhinderst) 28.01.2012
Es endet das Jahr und noch so Einiges... 05.11.2011
Wie alles begann ... - Teil IV 09.07.2011
Wie alles begann ... - Teil III 02.07.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil III 04.06.2011
Wie alles begann ... - Teil II 28.05.2011
Wie alles begann ... - Teil I 14.05.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil II 26.03.2011
Lass uns drüber reden! - Teil II 19.02.2011
Lass uns drüber reden! - Teil I 05.02.2011
Grundlagen des Gruppenbewusstseins - Teil I 23.01.2011
Mein Heidentum - Teil II 30.10.2010
Mein Heidentum - Teil I 09.10.2010
Pagan Federation Austria: Die Anfänge 2002 – 2007 19.06.2010
Als ich meinen ersten Hahn opferte - Teil II 13.03.2010
Als ich meinen ersten Hahn opferte - Teil I 06.03.2010
Mara 12.12.2009
Ein Blick zurück: das Neuheidentum im Realitätscheck 12.09.2009
Die Anderswelt 17.05.2009
Darf Bildung Spaß machen? 07.03.2009
Auf der Suche nach dem heiligen Gral - Teil II 13.12.2008
Auf der Suche nach dem heiligen Gral - Teil I 29.11.2008
Die Hexen von der Blockheide 09.08.2008
Die ewige Stadt - Teil II 09.02.2008
Die ewige Stadt - Teil I 19.01.2008
Ebriosi - Teil II 11.08.2007
Ebriosi - Teil I 04.08.2007
Lapis Serpentis stellt sich vor 12.05.2007
2012 geht die Welt unter 31.03.2007
„Erinnerung“ oder „Woher komme ich" 17.03.2007
3.065 Kilometer - Pilgerritt nach Santiago de Compostela - Teil II 09.12.2006
3.065 Kilometer - Pilgerritt nach Santiago de Compostela - Teil I 02.12.2006
Die Liebesringe 04.11.2006
Lilythias BBnC Tagebuch - Teil II 19.08.2006
Lilythias BBnC Tagebuch - Teil I 12.08.2006
Wer war Ötzi? 15.04.2006
Das WurzelWerk im Naturhistorischen Museum 11.02.2006
Mitterkirchen 10.09.2005
Interview mit Kate West - Teil II 21.05.2005
Interview mit Kate West - Teil I 14.05.2005
Vor der Flut 2004 in Indien 05.02.2005
Transformation… Metamorphosen… Schwellen… 08.01.2005
Die Dunkelheit 30.10.2004
Die Welt der Maori 25.09.2004
Tut Ankh Amun – das goldene Jenseits 15.05.2004
BBnC 17.04.2004
Totenfeier bei den Maori 20.03.2004
Ein Tag in Neunkirchen 07.02.2004
Von Ostara nach Mabon - oder: Wohin die Gezeiten dich tragen 04.10.2003
Nihon 23.08.2003
Ostara auf Gran Canaria 21.06.2003
Das Abenteuer «Staatliche Anerkennung» 26.04.2003
Silberwolf - mein Weg 08.03.2003
Samhain in Neuseeland 09.11.2002
Unser Sommer-Sonnwendfest in Neuseeland 14.07.2002
Wenn Hexen in den Wald gehen 18.05.2002
Land- oder Stadthexe?! 11.05.2002
Wie wir in Neuseeland Beltane feiern 19.03.2002
Die Anfertigung traditioneller Maori-Flöten 09.03.2002
Otro buon dia en paraiso 17.02.2002
Ein keltischer Traum - Teil II 27.01.2002
Ein keltischer Traum - Teil III 27.01.2002
Ein keltischer Traum - Teil I 27.01.2002
Wie der Tarot in meine Welt kam 14.12.2001
Ich hab Wurzeln! Namasté! 23.11.2001
Meine ersten Erlebnisse mit Runen 13.10.2001
Ein spiritueller Lebensweg 30.08.2001
Duke Meyer - Heidnischer Glaube in der Kunst - Teil II 28.08.2001
Duke Meyer - Heidnischer Glaube in der Kunst - Teil I 28.08.2001



               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017