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3.065 Kilometer - Pilgerritt nach Santiago de Compostela   Teil II
Acht Frauen und acht Männer machten sich im Jahr 2000 auf, um 3.065 km zu Pferde zurückzulegen. Start: Oberösterreich, Ziel: Santiago de Compostela
 
 
 
 
 

Die Reiter und Pferde legten täglich durchschnittlich 35 - 45 km zurück. Im ebenen Gelände werden sie mehr schaffen, an anderen Tagen, z.B. in den Pyrenäen deutlich weniger.
Der überlieferte Jacobsweg wurde so genau wie möglich verfolgt. Da sie nie wussten, wie weit sie täglich kommen würden, mussten sie sich täglich um neue Übernachtungsmöglichkeiten für Mensch und Tier kümmern. Für die Übernachtung wurde für die Pferde Ställe gesucht, oder nachts mittels eines tragbaren Elektrozaunes eingezäunt. Ein Begleitfahrzeug transportierte Futter und stand bereit, falls sich ein Pferd oder Reiter verletzen sollte.

Eines stand fest - der Pilgerritt ist eine Reise mit einem Austieg aus Raum und Zeit um einen unbekannten Weg zu folgen…

Die Natur mit all ihrer Schönheit und Herausforderungen wird einem näher sein als einem lieb ist.
Hitze, Kälte, Schmerz, Schweiss, Ungewissheit und Anstrengung wird Mensch und Tier an die Grenzen der scheinbaren Belastbarkeit führen, kann ein eingespieltes Team bringen dass gemeinsam durch dick und dünn geht oder sie zu genervten Gegnern machen. Eines ist klar: die 3.065 kmhaben das Leben jedes einzelnen verändert…


Was sollte eine Pilgerreise bringen?

Wieder zu sich selbst zu finden, den Sinn des Lebens zu hinterfragen. Die Seele „freilegen“ – von jeglicher Einwirkung und Vernebelung unseres Alltags zu befreien. Die Umgebung, und vor allem sich selbst zu erfahren– wie ein nacktes Neugeborenes.


Start der Reise: 20. März 2000


Draussen ist es bitterkalt, Wind und Schneeregen luden nicht gerade dazu ein, sich aufs Pferd zu schwingen und schwungvoll in ein Abenteuer zu reiten. Neun Stunden waren sie im Schnitt am Tag unterwegs, einen Großteil davon legt man zu Fuß zurück, nicht nur um die Pferde zu schonen.
Die kommenden Tage wurde das Wetter besser, doch die Nächte waren noch immer kalt. Die verwöhnten Städter mussten sich erst an Schlafsack und Heuboden gewöhnen. Geschlafen wird dort, wo man Quartier findet… Mühsam und steinig sind die Wege. Mit Karte und Kompaß wurde gewandert, denn erst in Frankreich und Spanien gibt es offizielle Wege. Die Gruppe freute sich über gastfreundliche Pferdefreunde, die das Badezimmer zur Verfügung stellten und ihre Küche zu einem Gasthof machten. Die Pilger waren auch froh über leere Holzhütten, auch wenn diese keine Türen oder Fenster hatten.

Am 25. 03. überquerte man die Grenze zu Deutschland. Es waren erst fünf Tage vergangen, und doch kam es jeden viel länger vor… Langsam wurde der Ritt zum Alltag. Man freut sich über die Sonne, ärgert sich nicht mehr wenn der Weg auf einmal zu Ende ist, und findet es normal über Böschungen zu rutschen, die einem Tage zuvor noch viel zu gefährlich erschienen sind.

Am 15. 4. überschritt die Gruppe die Grenze zu Frankreich. Man lebt wie in einer eigenen Welt. Der Kontakt zur anderen Welt reißt manchmal ab wenn das Handy nicht funktioniert. Es werden Konflikte ausgetragen, die vorher noch nicht möglich waren. Oft kommt es vor, dass einer für zwei Tage verschwindet, zurückkehrt und einiges über sich selbst gelernt hat.
Man beginnt sich über jedes Essen zu freuen, überwindet vom Wind zerstörte Wälder, fällt umgeknickte Bäume die ein weiterkommen unmöglich machen mit der Säge eines Taschenmesser-Sets und ist glücklich, wenn sich ein Gruppenmitglied samt Pferd wieder aus einem Sumpfloch befreien kann (ja, so allesverschlingende Sumpflöcher gibt es auch in unseren Gegenden) Nach 1.500 km spielt die Zeit keine Rolle mehr, es ist normal in der Früh aufs Pferd zu steigen und abends irgendwo anzukommen.


Persönlicher Erfahrungsbericht
von Edith Renner


Geld spielt keine Rolle… man kommt immer durch – das habe ich in den drei Monaten gelernt. Wenn man einmal so einen Ritt dieser Dimension hinter sich hat, will man mit dem Pferd nur mehr raus in die Natur. Da lernt man, was im Leben wichtig ist. Du brauchst keine Markenbekleidung mehr, du bist froh über praktische Kleidung, ordentliche Schuhe.
Die Rückkehr in den Alltag war sehr schwer, funktionierte fast überhaupt nicht. Mein Mann glaubte ich sei übergeschnappt. Ich wollte nichts erzählen, nichts reden. Ich wollte in der Hängematte draussen schlafen und die Sterne sehen, das Wetter war egal. Die Enge des Schlafzimmers war unerträglich und noch heute wach ich auf, und glaube ich muss aufs Pferd. Für meinen Mann war das ein großer Schock… wenn man 20 Jahre „funktioniert“ hat, und plötzlich ist man ein eigenständiger Mensch, dem die Werte für Geld und Äußerlichkeiten abhanden gekommen sind.
Ungefähr auf der Hälfte des Weges bin ich „frei“ geworden, habe den Bezug zur Zeit verloren. War auf einmal frei von Ängsten, konnte Gefühle zeigen. Konnte Menschen umarmen, die ich vorher nicht kannte. Ich habe keine ängstlichen Gedanken mehr an die Zukunft, ich weiß ich brauche einfach nur zu leben.


Ende Teil I


Cinis


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