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Interview mit Kate West   Teil II
Ein Interview vom Witchfest 2003, geführt von Lady Purple, transkribiert von Keela und übersetzt von Witch2be

Lady Purple: In Österreich und auch in Deutschland gibt es viele Konkurrenzkämpfe zwischen Wiccas und Nicht-Wiccas. Manche Wiccas meinen, man kann sich nur Wicca nennen, wenn man in direkter Linie initiiert ist und andere wieder sagen: Ich mache das und das und habe dieses Buch geschrieben, deshalb bin ich Wicca.“ Was denkst Du darüber?
Kate: Ich sage immer, es gibt drei Schritte um eine Hexe zu werden. Der erste ist der Glaube, der Glaube einer Hexe. Du glaubst an die Göttin und den Gott. Wenn Du an Göttin und Gott glaubst, gibt es keinen Grund, warum Du Dich nicht Hexe nennen solltest. Wie Du dorthin gekommen bist, ganz alleine oder durch eine bestimmte Tradition, ist egal.
Der zweite Schritt ist, Du musst einen ganzen Jahreskreis erlebt haben, alle Rituale mitgefeiert, Du musst die Natur beobachtet haben, wie sie sich verändert, das dauert natürlich ein Jahr.
Und der dritte Schritt ist, Hexenmagie zu erlernen, zumindest damit anzufangen, weil man nie ausgelernt sein wird. Man kann nie genug lernen. Es gibt immer noch etwas mehr, immer noch etwas anderes herauszufinden.
Das heißt also, ich denke, jeder kann eine Hexe sein, wenn er das sein will. Will man aber eine wirkliche, gute Hexe sein, dann muss man sehr hart arbeiten. Da genügt es nicht Bücher zu lesen. Ich bin sehr gegen Leute, die meinen, man kann keine richtige Hexe sein, weil man nicht von so und so initiiert wurde. Weil hier reden wir über Leute, die einer Tradition seit – WOW! – 50 Jahren folgen. Ich meine, das ist ja nicht wirklich eine lange Zeit. Ich denke, das ist so eine Anschauung, es ist ein bisschen, wie nur den einzig richtigen Weg gehen, aber „einzig richtige Wege“ mag ich überhaupt nicht.


Lady Purple: Es ist so, dass wir oft sagen, dass jede/-r Wicca eine Hexe ist, aber nicht jede Hexe Wicca, weil Wicca die Definition einer speziellen Tradition ist. Was wir aber beobachten ist, dass viele junge Leute nur ein paar Bücher lesen und dann entscheiden, dass sie jetzt Wicca sind, weil Wicca jetzt auch für Hexentum steht. Aber Wiccas sehen das anders. Darum geht es in den Streits zwischen diesen Gruppen. Ist das in England auch so?
Kate: Das ist ein schrecklich kompliziertes Modell. Als ich jung war, gab es die Frage zwischen Substantiv und Adjektiv. Ich bin eine Witch oder eine Wiccan Hohepriesterin. Wiccan ist das Adjectiv, nicht das Substantiv. “Ich bin eine Wiccan” ist kein vollständiger Satz. Naja, das hat sich aber langsam geändert. Manche Leute denken, dass es Witches und Wiccans gibt, und dass das zwei unterschiedliche Dinge sind. Ich verwende das Wort „Wiccan“ eher nicht, weil ich das kontraproduktiv finde. Weil damit eine Diskussion in Gang kommt, was Wicca ist und was der Unterschied zwischen Wicca und Hexentum ist. Das sind keine unterschiedlichen Sachen. Die Überschneidungen sind so enorm, dass man nicht sagen kann, das ist das eine und das das andere und das sind zwei komplett getrennte Wege.
Ich finde das ist schade, dass irgendjemand aus der Craft behauptet „Meines ist besser als Deines. Ich mache es so und das ist richtig, Du machst es so, also muss es falsch sein.“ Wir sollten wirklich zusammenhalten.


Lady Purple: Kannst Du sagen, was Wicca oder das Hexentum im Allgemeinen den Leuten zu bieten hat? Was meinst Du?
Kate: Ich finde, was es bringt und verstärkt ist Selbstverantwortung und als Folge daraus Selbstkontrolle und das gibt Dir viel Macht. Weil wenn Du anfängst zu verstehen wer Du bist und wie Du arbeitest, dann beginnst Du zu verstehen wie die Menschen funktionieren. Wenn Du etwas verstehst, dann beginnen die Bereiche in Deinem Leben einfacher zu werden, weil Du aufhörst zu urteilen, Du nicht mehr sagst, diese Person ist nur schlecht und diese nur gut. Du beginnst Menschen als Individuen zu sehen und das bringt Toleranz. Und etwas, was diese Welt wirklich mehr brauchen könnte ist diese Toleranz.


Lady Purple: Was sind Deine ethischen, moralischen Aspekte des Hexentums? Wenn es welche gibt?
Kate: Das ist die Wiccan Rede – “Tu’ was Du willst, aber schade niemandem”. Aber es muss heißen „schade NIEMANDEM“, und das bedeutet alle Menschen, Du selbst, das Land, die Natur. Es ist unmöglich das zu schaffen, aber es ist ein sehr wertvolles Ziel, nach dem man streben sollte. Ich glaube wenn man den alten Weg geht, dann gibt Dir das viel worauf man hinarbeiten kann, viele Ziele. Aber jeder muss für sich selbst entscheiden, was richtig und was falsch für einen selbst ist – Du weißt schon, ob man heiraten will, oder mit einem Partner zusammenleben oder alleine leben. Das sind persönliche Entscheidungen. Sie sollten getroffen werden mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des Individuums und nicht auf das, was die Umwelt für richtig hält.


Lady Purple: Du stehst ja sehr in der Öffentlichkeit und ich bin sicher, nach all Deinen Büchern fragen Dich viele junge Hexen oder Leute, die gerne Hexen werden wollen, viele Fragen. Was suchen die meisten? Was ist die häufigste Frage?
Kate: Die häufigste Frage ist, und darüber bin ich sehr froh: „Wie kann ich mehr erfahren?“ Das ist beruhigend, weil das heißt, dass die Leute nicht glauben, sie lesen ein Buch, leben dann für immer als Hexe in einem Garten und verwandeln ihre Lehrer in Kröten. Es ist eigentlich fast immer „Wie kann ich mehr erfahren?“ Aber natürlich gibt es auch die anderen Fragen: „Ich brauche einen Liebeszauber“. Ich habe eine Email von einem jungen Mädchen bekommen „Ich brauche einen Liebeszauber“. Und ich habe ihr zurück geschrieben, dass ich ihr davon abrate. Sie hat gesagt: „Ist mir egal ich brauche einen Liebeszauber!“ Da habe ich ihr zurück geschrieben „Nein, du brauchst Manieren! Versuch’ es das nächste Mal mit „Bitte“ und „Danke“.
Aber die meisten sind wirkliche Frage, die nehmen das, was ich sage oder jemand anderes nicht einfach für bare Münze. Und das ist großartig! Das ist genau das was wir brauchen – Hexen, die denken!


Lady Purple: Denkst Du über Dich selbst, dass Du ein Sprecher bist für Hexen oder einen Teil der Hexen? Siehst Du Dich selbst so?
Kate: Ich habe akzeptiert, dass die Leute mich so sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich in der Rolle immer wohl fühle, weil ich nur ich bin. Das ist so wie am Witchfest. Es ist toll, schöne Kleider zu tragen und sich mit allen zu treffen und alle sind schön hergerichtet und so. Aber Du weißt, dass die richtige Kate West abgenützte Jeans, ein T-Shirt und erdige Schuhe trägt und im Garten in der Erde wühlt. Ich gewöhne mich also an die Idee, aber es ist noch immer seltsam für mich.


Lady Purple: Alle Deine Bücher heißen “The real witches handbook”, “The real …..”. Warum denkst Du, dass das das wirkliche ist.
Kate: Es gibt ziemlich viele Einflüsse auf den Titel eines Buches, das hat mich am Anfang, als ich zu schreiben begann ganz schön schockiert. Verleger haben ein großes Mitspracherecht, was den Titel eines Buches betrifft. Wir haben sehr lange diskutiert und sie hatten viele eigenartige Ideen, wir haben uns dann auf „The real witches“ geeinigt, weil es das Hexentum von wirklichen Leuten beschreibt. Es geht nicht um Leute, die finanziell unabhängig sind, die all ihre Zeit damit verbringen sich verwöhnen zu lassen und die einen Tempel im Gästezimmer haben. Hier geht es um das Hexentum von Leuten, die einkaufen müssen und abwaschen, ihren Kindern die Nasen putzen und das Katzenklo säubern. Das ist das Hexentum von wirklichen Leuten, die im wirklichen Leben stehen, mit stressigen Leben und echten Problemen. Das heißt nicht, dass diese Art von Hexentum besser ist als andere. Der „real Witch“ Titel ist hängengeblieben und der Verleger bleibt dabei und ich finde es auch gut, deswegen.


Lady Purple: Welches Deiner Bücher magst Du am liebsten?
Kate: Schwierige Frage! Ich mag sie alle aus verschiedenen Gründen. Das, das ich am öftesten erwähne ist “The real witches kitchen”.
Bei der Zusammenstellung von diesem Buch habe ich viele Nachforschungen angestellt bei älteren Verwandten, älteren Freunden und älteren Verwandten von anderen Hexen. So habe ich viel mündlich überliefertes Wissen bekommen. Den Aspekt mag ich sehr. Und was mir auch gefallen hat, war all die Leute kennen zu lernen während ich Material gesammelt habe. Die anderen Bücher mag ich aus anderen Gründen. Ich mag „The Coven“ weil ich den Humor mag. Ich mag “The Handbook“ weil es mir viele Antworten erspart hat, wenn man mich gefragt hat “ Erzähl mir über Hexen“. Ich habe es einfach auf den Tisch geworfen und gesagt: „Geh’ und lies es!“ Alle haben eine spezielle Bedeutung für mich, aber „ The real witches kitchen“ verwende ich am meisten.


Lady Purple: Welches Buch erscheint als nächstes?
Kate: Das nächste Buch ist “The real witches garden”, was irgendwie am schwersten zu schreiben war, weil ich gerade umgezogen bin und zum ersten Mal in ungefähr 10 Jahren habe ich einen echten Garten, in einer schönen Größe. Es war im Frühling und im Sommer und der Garten war vollkommen ungepflegt und hat nach Arbeit geschrieen, und ich war drinnen eingesperrt, habe aus dem Fenster geschaut und darüber geschrieben, was Du in Deinem Garten machen kannst, statt draußen zu sein und es in meinem Garten zu tun. Das war also wirklich schwierig zu schreiben – ich war auf der falschen Seite der Mauer und wollte lieber draußen sein.


Lady Purple: Die Heiden hier in UK, ist das eine freundliche Gemeinschaft? Sind sie aufgesplittert? Gibt es eine Zusammenarbeit?
Kate: Im Großen und Ganzen ist die Gemeinschaft der heidnischen Gruppen hier freundlich. Es gibt aber immer Leute, denen es Spaß macht… ich sage nicht, dass sie gerne Ärger machen, aber es macht ihnen Spaß Diskussionen zu fördern und sie verursachen Streit. Es gibt immer Leute, die mit anderen nicht zu recht kommen. Genauso unter den Heiden wie überall sonst. Aber im Großen und Ganzen haben wir eine gute Gemeinschaft in U.K und auch in Europa. Ich denke, bis wir alle tolerant gegenüber allen sind, das ist noch ein langer Weg.


Lady Purple: Das Problem ist, als ich in Österreich angefangen habe Leute zu vernetzen, eine heidnische Gemeinschaft zu bilden, da war es das schlimmste für mich, wenn ich mich an bekannte Leute aus Österreich gewandt habe und alles was ich retour bekommen habe, war eine Liste, wie viel ein Workshop kosten würde. Das hat mich wirklich wütend gemacht, weil es so schwer ist, so genannte bekannte Persönlichkeiten für Non-Profit Events zu bekommen. Aber ich glaube, dass es notwendig ist, die Leute zu informieren, wer wir sind und was wir tun. Und darum geht es mir und ich versuche zu vernetzen, in Österreich und Deutschland vor allem, aber auch weltweit. Deshalb bin ich auch hier am Witchfest. Aber ich verstehe diese bekannten Persönlichkeiten nicht, die viel Geld verdienen durch ihre Workshops, Auftritte, ihre Bücher oder was auch immer, die nicht bereit sind eine halbe Stunde gratis zu sprechen. Das kann ich nicht verstehen. Aber ich bin nicht sicher, dass das ein Merkmal der Heidenszene ist, oder vielleicht nur ein Merkmal unserer heutigen Gesellschaft allgemein.
Kate: Ich glaube, dass ist ein Bestandteil des Lebens. Ich meine, ich verkaufe viele Bücher. Aber ich verdiene damit nicht genug Geld um alleine davon zu leben, schon gar nicht meine Familie zu erhalten. Ich habe viele Non-Profit Sachen gemacht, aber irgendwann kommt ein Punkt im Jahr, an dem du dir sagst:“ Okay, sie zahlen zwar meine Reise und Unterkunft, aber ich bekomme kein Honorar.“ Aber ich muss eine Tierpension zahlen für meinen Hund während ich weg bin. Ich muss mich um einen Babysitter für meinen Sohn kümmern und ich muss ihm Bestechungsgeschenke machen, damit er sich gut benimmt. Und, wenn ich unterwegs bin kann ich gleichzeitig kein Geld mit etwas anderem verdienen. Und wenn man mehr in der Öffentlichkeit steht, früher oder später kommen wir an eine Grenze, wo man sagen muss: “Ich kann nur eine bestimmte Menge an Non-Profit Dingen pro Jahr machen.“ Und dann muss man sagen: “Vielleicht nächstes Jahr, vielleicht ein anderes Mal.“ Weil es einfach nicht genug Tage im Jahr gibt um alles zu machen. Und eines, was ich nicht möchte ist, dass der Coven darunter leidet, weil dass heißt, dass es sich in den persönlichen Bereich negativ auswirkt. Es ist also ein Balanceakt und manche schaffen es und manche nicht.


Lady Purple: Es gab eine Frage aus Österreich: Arbeitest Du mir einem speziellen Pantheon von Göttern oder Göttinnen oder nimmst Du einfach die, die Du gerade möchtest? Oder gibt es eine spezielle Göttin, mit der Du am liebsten arbeitest?
Kate: Eine Schutzgöttin?
Lady Purple: Ja.
Kate: Für den Coven und den Tochtercoven ist das Hekate. Vor allem wegen ihren Eigenschaften, die griechischen Einflüsse als Göttin der Reisenden, die Göttin der Besucher, gleichzeitig aber auch die Göttin des Herdes und des Heimes. Sie verbindet alle Einflüsse meines Lebens sehr gut, weil wir viel reisen und ein Zuhause haben. Deshalb ist sie, wenn Du willst, unsere Schutzgöttin. Aber wenn wir arbeiten, sind wir ziemlich eklektisch. Hier arbeiten wir mit Götteraspekten, die am besten zu dem passen, was wir brauchen oder was den Leuten am besten liegt für die wir arbeiten. Das kann also sehr eklektisch sein. Wir sind Individualisten.


Lady Purple: Was sind Deine Zukunftspläne im Moment?
Kate: Hmm, ich hoffe, dass ich mich mit den Verlegern bald einige, was das nächste Buch sein wird. Ich bin erst vor kurzem in den Elternverein von Talis Schule gewählt worden. Also werde ich in der lokalen Gemeinde aktiv. Und die Schule weiß, dass ich – sie wissen wer ich bin, dass ich Bücher über Hexen schreibe und sie akzeptieren das. Auf diesem Weg hoffe ich, das Profil von Hexen auf praktischem Weg zu verbessern. Du kannst weltweit Artikeln schreiben, aber es ist viel besser, wenn Dich jemand dabei sieht, wie Du etwas Positives zum Gemeinwohl machst. Das sind so ungefähr die Pläne für das nächste Jahr. Tali ist jetzt auch in einem Alter, in dem er ein stabiles zu Hause braucht, aber dafür weniger Betreuung im Alltag. Er braucht nur jemanden, der zu Hause ist. Deswegen versuche ich meine Reisen möglichst einzuschränken.


Lady Purple: Wie alt ist er?
Kate: Er ist jetzt sechs. Also, ja, er ist sich bewusst, was um ihn herum passiert. Als er drei war konnte ich ihn ins Auto setzen und auf eine Konferenz fahren. Jetzt ist er sechs. Du weißt, das ist ein langer Tag, wenn Du sechs bist und es gibt keinen Fernseher, kein Video, kein Spielzeug und Du bist irgendwo eingesperrt. Deshalb muss ich aufpassen eine gute Balance zwischen Reisen und Zeit zu Hause zu finden, vielleicht ein bisschen mehr als in den letzten Jahren.


Lady Purple: Die letzte schwere Frage ist: Wenn Du irgendetwas in der Welt ändern könntest, was wäre das?
Kate: Die Liste ist so lang von Dingen, die ich auf dieser Welt gerne ändern würde. Es ist ein bisschen eine Schönheitswettbewerbfrage, oder? Weil natürlich wünsche ich mir Weltfrieden und keinen Hunger mehr. Wenn es aber ein Ding gäbe, dass ich ändern könnte, würde ich meinen Zauberstab schwingen und Toleranz schaffen. Weil das ist, ich glaube, für mich der Schlüssel damit die Welt besser funktioniert.


Lady Purple: Okay, vielen Dank für das Interview!
Kate: Danke schön.


Lady Purple


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