Die Welt der Maori
Natürlich leben wir alle in derselben Welt! Aber man sagt doch wohl so: „In der oder jener Welt leben“. Man meint natürlich damit die Umstände, die Art und Weise, wie man lebt.

Dass die Maori anders leben als wir, dürfte wohl jedem klar sein. Jedes Volk lebt ein wenig anders. Ja, ein wenig anders! Aber die Maori leben ganz anders! Ich will euch das mal an einem Beispiel deutlich machen.
Ich arbeite in einer Maori-Organisation mit, in der es um biologische Landwirtschaft geht. Jeden Monat ist ein Treffen, in dem wir uns austauschen und planen. Und ein oder zweimal im Jahr ist ein größeres Treffen, bei dem es dann auch um Maori-Kultur geht, wo gesungen wird, wo man gemeinsam an einem Projekt arbeitet und dergleichen mehr. Dieses Wochenende war so ein Treffen. Von Freitag 18.00 Uhr bis Sonntag Mittag. Mit Übernachtung im Gemeinschaftshaus des einladenden Stammes. Es gibt ein Programm, in dem genau der gesamte Ablauf beschrieben ist und das jeder Teilnehmer zugeschickt bekam.


Das Fest
Wir fahren also hin, um 18.00 Uhr soll es losgehen. Da wir wissen, dass es immer ein wenig später wird, kommen wir erst um 20.00 Uhr an. Die Zeit passt genau, man versammelt sich gerade vor dem Haus und bald wird’s losgehen. Natürlich geht’s auch tatsächlich sofort los. Es wird zu Tisch gebeten.
Weil das Essen ja ein wichtiger Teil des Lebens ist, hat man keine Eile. Es ist ohnehin noch recht früh, nämlich erst 20.30 Uhr! Man isst also in aller Ruhe, unterhält sich, lernt neue Mitglieder kennen und freut sich, wieder einmal so richtig gemütlich beisammen sein zu können. Dann wird gemeinsam das Essen weggeräumt, der Abwasch gemacht und so wird es allmählich fast 22.00 Uhr. Wir nehmen verstohlen unser Programm heraus, denn wir wollen uns vergewissern, was da heute noch auf der Tagesordnung steht. Es soll nämlich, so weit wir uns erinnern können, noch einiges an „Arbeit“ erfolgen.
Der Vorsitzende sieht, dass wir das Programm studieren. „Ach, gut, dass ihr das Programm dabei habt!“ sagt er. „Lasst mich doch schnell einen Blick hinein werfen, damit ich weiß, was wir heute eigentlich noch alles tun sollten!“ Aha, es wären eigentlich noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen! Aber die Sitzung ist ja noch gar nicht eröffnet und die Begrüßung (die offizielle, nach strengem Maori-Protokoll) ist noch nicht einmal erfolgt. Also jetzt wird’s Zeit.

„Wir müssen anfangen!“ Der Ruf des Vorsitzenden klingt durch den Raum.
Wir werden nun in das „Haus der Vorfahren“ (Versammlungshaus des Stammes) geleitet, ihn dem das offizielle Treffen stattfindet. Nun läuft das strenge Protokoll ab. Eine der Kuia (Älteste) singt die Begrüßung, wir treten in das Haus ein, ehren die Vorfahren und nehmen Platz. Der Älteste spricht nun ein Gebet. Nun kommen die Reden der Gastgeber. Diesmal nur zwei Reden, meistens sind es drei. Jeder macht es so kurz wie möglich und spricht kaum länger als zehn Minuten. Dann müssen mindestens zwei Redner der Gäste auf die Begrüßung antworten. Auch ich, als Vertreter der Weißen, muss ein paar Worte sagen. Dabei ist es immer wichtig, dass man jeweils wenigstens kurz auf die Vorredner eingeht. Nach jeder Rede singen die Frauen. Ohne diesen Gesang wäre die Rede der Männer nichts wert.
Nach all den Reden (die übrigens niemals langweilig sind!) und den Gesängen kommt nun die offizielle Begrüßung. Selbst wenn wir vorher zusammen gegessen haben und uns alle kennen, muss dies erfolgen. Denn im Haus der Vorfahren sind wir in einer anderen Welt. Ohne Begrüßung würden die Gäste nicht Teil der großen Familie sein. Jeder macht Hongi mit jedem (Hongi ist die Berührung der Nase und der Stirn). Nun sind wir alle vereint und die Arbeitssitzung kann beginnen. Da es inzwischen fast Mitternacht ist, denkt natürlich heute niemand mehr ans Arbeiten. Die Matratzen werden aus dem Nebenraum geholt und wir legen uns schlafen.


Strikt nach Programm?!
Ich kann nun nicht den gesamten Ablauf dieses denkwürdigen Wochenendes erzählen. Jedoch geht es in dieser zeitlosen Dimension weiter. Wenn man meint, es sei Zeit zum Essen, dann wird gegessen. Kaum jemand hat eine Uhr dabei. Die Zeit spielt keine Rolle. Die Maori sagen: Es ist immer die richtige Zeit! Auch stellt sich heraus, dass nur wir ein Programm dabei haben. Es ist auch nicht wichtig, denn alles läuft so ab, wie es sich ergibt. Eine ganze Menge der Programmpunkte findet überhaupt nicht statt. Dafür andere interessante Dinge. Und wann was geschieht, das ist auch total dem Fluss des Geschehens überlassen.
Wir hatten einmal den Fehler gemacht, dass wir an so einem Treffen nur zu einem bestimmten Thema dabei sein wollten. Wir kamen pünktlich zu der angebebenen Zeit und fanden überhaupt niemanden anwesend. Alle waren schnell ein wenig an den Strand gegangen, weil es sich gerade so ergeben hatte und weil man ein bestimmtes Strandgras, das zum Weben verwendet wird, herzeigen wollte. Das Thema, für das wir gekommen waren, fand dann am Abend um 22 Uhr statt (es hätte nachmittags um 16 Uhr sein sollen!). Aber daran stört sich niemand.
Es läuft alles organisch im Fluss des Lebens in der Maori-Welt. Man kann zwar ein wenig planen, aber dieses Planen ist nur eine vage Vorstellung. Das Leben tut alles ohnehin anders. Nicht der Mensch, der plant. Projekte wachsen aus der Gemeinsamkeit und der Intuition. Manches wird nicht erledigt. Anderes wird erledigt, das gar nicht geplant war. Und ja, man macht sogar Pläne für die nächsten Treffen. Ob sie eingehalten werden, das ist ein anderes Thema!


Gleich und doch nicht gleich
Wenn ich unser deutsches Leben mit dem Leben der Maori vergleiche, dann kann es fast keine größeren Unterschiede geben. Welches Leben ist besser? Unser geplantes und wohl organisiertes Dasein, das Pünktlichkeit auf die Minute fordert, oder das Leben der Maori, die sich nahezu ohne jede Planung, ohne Zeitgefühl und ohne Zwang dem Fluss des Lebens hingeben?
Diese Frage kann man eigentlich gar nicht beantworten. So, wie sich unser europäisches Leben entwickelt hat, könnte ein Maori nicht leben. Und so, wie die Maori leben, so könnten wir in Europa nicht leben, denn es würde das reine Chaos dabei herauskommen. Also, jedem das Seine!
Aber vielleicht könnte man kleine Kompromisse machen. Vielleicht könnte man von der jeweiligen anderen Lebensart ein klein wenig annehmen. Zumindest der Gedanke daran wäre es doch wohl wert!


Werner


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