Betreuung gesucht für WurzelWerk's


Totenfeier bei den Maori
Wir waren heute bei einem Maori Tangi (Beerdigung), was ein ganz tolles Erlebnis war. Ich will deshalb mal diese Erlebnis mit euch teilen und hoffe, dass es euch interessiert. Wenn nicht, dann bitte einfach nicht weiterlesen.

Wir leben nun seit 15 Jahren in Neuseeland und haben in dieser Zeit viel von Maori gelernt und miterlebt. Aber bei einem Tangi waren wir bisher noch nicht. Nun starb die Frau eines der Mitglieder bei Topis (Organisation von Bio-Bauern) und da dieser Mann, ebenso wie ich, ein Mitglied des geschäftführenden Komitees ist, sind wir zur Beerdigung seiner Frau gegangen. Ich habe selten so tiefe Gefühle erlebt und habe gleichzeitig schon lange nicht mehr so gelacht.


Aber eins nach dem anderen
Die Maori haben ein Versammlungshaus, in dem allen wichtigen Ereignisse stattfinden. Es heißt Marae. Die Verstorbenen werden dort bis zur Beerdigung aufgebahrt, also 3 Tage. Während dieser Zeit wird der Tote niemals allein gelassen. Da die Maori riesige Familien haben und meist auch ebenso viele Freunde, ist ein reges Kommen und Gehen. 20-30 Leute sind fast immer anwesend. Auch während der Nacht sind immer reichlich Leute da, man schläft mit dem Toten im Marae, auf Matratzen. Es geht während dieser Zeit nicht immer nur ernst zu, es wird auch gelacht und es werden Geschichten erzählt. Besonders die Abende und die Nächte sollen ein sehr starkes Erlebnis sein, aber wir waren noch nicht dabei über Nacht.
Wenn der Tag der Beisetzung ist, dann kommen alle Freunde und Verwandten gleichzeitig. In diesem Falle waren es mehr als 200 Leute. Aber 100 Personen ist fast schon das Mindeste, was bei einem Tangi kommt. Vor dem Marae werden nun von den Ältesten viele Reden gehalten, mindestens eine halbe oder auch eine ganze Stunde. Dann wird im Marae der Sarg geschlossen. Dabei klagen die Frauen herzzerreißend, dass es über das ganze Gelände schallt. Dann wird der Sarg ins Auto gebracht und die nächsten Angehörigen, in diesem Falle der Mann und die erwachsenen Kinder fahren im gleichen Auto (Kleinbus) mit. Immer noch wird der Tote nicht allein gelassen.

Auf dem Sarg liegt ein heiliger Umhang (Cloak). Dieser ist aus Pflanzenfasern gewoben und viele bunte Vogelfedern sind hineingewoben. Dieser Cloak gehört zum Marae, ist also der Besitz des ganzen Stammes (meist ist es ein Sub-Tribe, nicht der ganze Stamm, denn die Stämme haben oft Tausende von Mitgliedern). Mit diesem Cloak hat es eine besondere Bewandtnis, auf die ich gleich noch zu sprechen komme.
Man fährt nun in langer Wagenkolonne hinter dem Sarg her, zum Friedhof. Das hält den gesamten Verkehr auf für fast eine Viertelstunde. Am Friedhof ist nun eine interessante Zeremonie. Vom Eingang des Friedhofs an bis zur Grabstätte stehen die Willkommensfrauen, in schwarz gekleidet und mit Kränzen von immergrünen Zweigen auf dem Haupt und mit Zweigen in der Hand. Wenn der Sarg hereingetragen wird, singt jede der Frauen, so wie der Sarg an ihr vorbeizieht, den Willkommensgruß. Diese schwarzen Frauen sind das Sinnbild für Hine-nui-de-Po (die Frau der großen Nacht). Der Tote wird von ihnen also im Reich der großen Nacht begrüßt. Das geht ziemlich unter die Haut.
Wenn der Sarg im Grab liegt, kommen die Angehörigen und dann später alle anderen zum offenen Grab und werfen etwas Erde hinein, genauso wie bei uns auch. Aber es wird lange am Grab verweilt, viele sagen etwas, auch einige singen. Insbesondere die näheren Angehörigen, z.B. die Enkel. Es wird viel geweint, auch die Männer weinen oft und viel, man nimmt sich in den Arm (auch die Männer) und tröstet sich. Bei diesen vielen Menschen dauert das alles sehr lang. In unserem Falle hat es bis dahin schon 3 Stunden gedauert.

Aber nun zu dem Cloak. Bevor der Sarg in die Erde gesenkt wird, nimmt man den Cloak vom Sarg und der nächste Nachkomme übernimmt ihn, bzw. er hängt sich ihn über. Während der ganzen Zeremonie trägt nun dieser Angehörige diesen Cloak. Der Spirit des Verstorbenen ist in diesem Kleidungsstück.

Der private Teil
Bis zu diesem Punkt der Feier, also mit Ende der eigentlich Beisetzung, kann jeder kommen. Für den folgenden Teil muß man eingeladen werden, denn dieser Teil ist sehr intim. Wir fühlten uns sehr geehrt, eingeladen zu werden. Wir waren die einzigen Pakeha (Weißen) unter all den vielen Maori! Auch ein Erlebnis besonderer Art!
Nach Beisetzung geht (bzw. fährt man) wieder zum Marae. Dort wird wieder die Begrüßung gemacht (die Frauen heißen die Gäste willkommen mit einem Gesang) und man betritt nun das Marae und setzt sich an den Wänden entlang hin. Die Frau mit dem Cloak hat nun den Spirit der Verstorbenen ins Marae zurückgebracht. Begleitet von anderen nahen Angehörigen geht sie nun auf die Ältesten zu, kniet nieder und legt den Cloak wieder ab. Der Älteste nimmt den Spirit der Toten mit Gebeten von ihr. Die junge Frau, die den Cloak getragen hatte, war wie im Trance. Sie konnte kaum gehen, so hat sie das Erlebnis gepackt. Der Cloak wird nun wieder im Marae aufbewahrt. Die Tote ist nun in die Reihe der Ahnen aufgenommen.

Das Marae wird auch Whare tipuna genannt (Haus der Ahnen), denn es versinnbildlicht die Vorfahren. Die Ständer sind die Rippen, der First ist die Wirbelsäule. Die Türe ist die Scheide, durch die man zu den Vorfahren eintritt. Deshalb dürfen auch nur Frauen das Willkommen singen. Ohne das Willkommen darf man das Marae nicht betreten. Früher hatte jedes Marae viele Schnitzereien, welche die Vorfahren darstellte. Heute hängt man ein Foto der Verstorbenen auf. Schade! Die Kirche hat diese alten Sitten vernichtet und als heidnisch abgetan. Einige sehr reiche Maraes gibt es noch und auch die neuen werden wieder in alter Weise gebaut, also mit Schnitzereien der Vorfahren anstelle der Fotos.

Nun gibt es wieder viele Reden der Ältesten, die von den nächsten Familienmitgliedern beantwortet werden. Bis dahin war alles noch sehr würdig. Inzwischen ist es ca. 13.30 Uhr geworden (der Beginn war um zehn Uhr). Auf einmal schlägt die Stimmung um.
Es kommt eine Sing- und Tanzgruppe und es werden lustige Lieder gesungen. Zwischendurch wieder eine kleine Rede, leider alles Maori, sodass wir kaum folgen konnten. Aber man konnte daraus schließen, dass es Schalkreden waren, denn es wird viel gelacht. Und dann hat einer der Ältesten unseren Freund Joe, also den Witwer, zum Zweikampf aufgefordert. Diese Art des „Kampfes“ ist eine Art Spiel. Es ist ähnlich wie das bei uns bekannte Knobeln mit Papier, Schere und Stein. Die Gegner versuchen hier allerdings auf sehr dramatische Weise ihren Gegner zu verwirren oder zu beeinträchtigen durch viel Geschrei, drohende Gesten und Gebärden, aber alles ohne sich gegenseitig zu berühren. Auf ein Kommando hin wird dann das Symbol gezeigt und es gibt einen Gewinner und einen Verlierer. Dieses Spiel ist unheimlich lustig, denn es wird mit viel Temperament gespielt. Je mehr man sich hineinsteigert, umso mehr Gelächter erzielt man. Der eigentlich Gewinner ist also der, welcher am imposantesten Gestikulieren kann und der die Leute am meisten zum Lachen bringt. Auf die Stimmung kommt es also an, nicht auf das Gewinnen. Am Schluss nehmen sich beide in den Arm und alle freuen sich.


Selten so gelacht
Als nächstes kam das, wovon ich vorher sagte, ich hätte schon lange nicht mehr so gelacht. Zwei junge Mädchen kamen singend und tanzend in die Mitte des Saales. Es gab keine Zweifel, es war ein sehr aufreizender und sinnlicher Tanz. Aber dann kamen noch zwei ältere Frauen dazu, so um die 60, die mitmachten, ihre Beine zeigten, mit dem Hintern wackelten. Das alleine war schon eine Schau für sich. Aber dann tänzelten sie auf den Witwer los, holten ihn in die Mitte und alle vier Frauen umgarnten ihn nach einer Art und Weise, die einer Sexshow in nichts nachstand. Zwar immer noch halbwegs „anständig“, aber schon sehr deutlich. Der Witwer machte natürlich mit und all das hat größte Heiterkeit hervorgerufen. Der Sinn des ganzen ist klar: Komm zurück zum Leben, das Leben geht weiter.
Für uns kaum glaublich, noch vor einer Stunde tiefste Trauer, viel Tränen, echte Tränen, nicht gespielt! Und dann dieser Umschwung. So ging es weiter mit lustigen Liedern und Tänzen. Schließlich ein gemeinsames Mahl und dann ging es sicher noch lange weiter bis in den Abend hinein. Wir verabschiedeten uns dann allerdings, denn wir hatten noch eine Stunde Heimfahrt vor uns und wir waren auch müde geworden.

Eine Trauerfeiert dauert also tatsächlich 3 Tage und Nächte ohne Unterbrechung. Der Verstorbene wird ehrenvoll verabschiedet. Aber auch die Hinterbliebenen werden mit viel Liebe und Gespür wieder ins normale Leben zurückgeführt, nachdem man ausführlich getrauert hat. Dieses Erlebnis hat uns sehr tief berührt. Wie arm sind doch wir im Gegensatz hierzu mit unseren steifen Feiern! Jedenfalls habe ich das so empfunden.


Werner


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