Von Ostara nach Mabon - oder: Wohin die Gezeiten dich tragen
Seit ich den letzten Artikel ich für das Lagerfeuer geschrieben habe, ist fast ein halbes Jahr vergangen. Es war ein Bericht über mein erstes Ostarafest hier auf Gran Canaria.
Nun hocke ich mich wieder hin, um Euch von Mabon zu erzählen.

Erneut befinden wir uns in der Zeit der Tagundnachtgleiche...
Gerade haben wir hier die "Mareas del Pino" hinter uns: Die stärksten Gezeiten des Jahres, die immer zum Septembervollmond eintreten - geweiht der Jungfrau der Pinie, der Inselmutter. Das Meer ist sehr aufgebracht, an vielen Stränden macht es das Schwimmen unmöglich und viele Canarios sagen auch, dass um diese Zeit baden gehen oder fischen nicht ratsam sei, weil das Meer einige Tage nur der Mutter des Meeres gehören sollte. Doch fallen in diese Zeit viele Fischereifeste, und lange und bunte Bootsprozessionen verwandeln die Küsten in einen bunten Teppich aus Booten, Blumen und Menschen - zu Ehre der Meeresmutter.

Es sind die ersten Erntefeste, in denen für das gute Fischereijahr gedankt und für weiteren guten Fischfang gebeten wird. Der Atlantik ist nun schon kühler geworden und abends zaubert der kalte Wind dicke weiße Kronen auf die vor kurzem noch sommerlich weichen Wellen. Die Feigen, Trauben und Äpfel hängen schwer an den schon trockenen Bäumen und jetzt heißt es flink sein und alles ernten, bevor die Herbststürme alles zu Boden werfen...

Ich habe Mabon dieses Jahr ein paar Tage früher gefeiert. Das mag vielleicht sehr seltsam anmuten, aber das ist gestern Abend sehr spontan entstanden und ich konnte einfach nicht anders.
Die Tage sind auch hier bereits um einiges kürzer geworden. Es herrscht immer noch das sommerliche Treiben, aber es mischt sich etwas wie ein wehmütiger Beigeschmack unter. Die sommerlich ausgelassenen Partys, die endlosen Tage am Strand, die feurigen Tänze der Dorffeste, die so wunderbar riechenden auf heimischen Hölzern gegrillten Fische im Kreise der Familie und die ekstatischen Nächte mit dem Geliebten - all das ist ein bisschen weiter entfernt als es gerade eben noch war. Der Wunsch nach Festhalten der sommerlichen Wonne taucht auf, aber der kühle Wind ruft zum Weiterziehen, so wie die Gesetze der Natur es jedes Jahr aufs Neue wollen und einfordern.
Der Herbst ist immer meine Zeit, in dem sich alles auf den Kopf stellt. Die Zeit der Veränderung ist für mich immer Mabon gewesen. Das, was sich in den Monaten seit Imbolc vorbereitet hat, gehegt und gepflegt wurde, ist nun reif zur Ernte. Dass die Sense bei der Ernte auch manchmal weh tut ist der unabänderliche Kreislauf des Lebens, und auch Felder müssen gerodet werden, damit im nächsten Jahr frisches Korn darauf wachsen kann. Und wirklich, die wenigen Felder hier, werden erst jetzt gerodet, was eigentlich recht spät im Jahr ist!

Ich habe mich gerade von einem anfangs vielversprechenden Job getrennt, hab mich zu zweihundert Prozent dafür verausgabt, denn wie gerne hätte ich ein einiges Büro für Shipping gehabt. Leider hatte das ganze wenig Substanz und mit dieser Erkenntnis habe ich mich nach 4 langen Monaten wieder verabschiedet. Und wie immer wäre mir im Endspurt fast die Kraft ausgegangen, weil ich ja immer alles mit zweihundert Prozent Hingabe machen muss, da schlägt der Löwe in mir wieder durch. Des weiteren habe einen neuen Partner gefunden, der ganz anders ist als alles bisher Gekannte und der mich auf einer neuen und sehr erdigen Ebene herausfordert.

Ich habe mich, und das ist das Wichtigste, hier gut auf der Insel eingerichtet und lebe jetzt hier. Immer mehr vergesse ich mein "Anders-Sein", es hat sich in ein "Verschieden-Sein" gewandelt, das immer weniger aneckt, es hat keine Wertigkeit von besser oder schlechter - es ist in der Waage, so, wie das Licht und der Schatten dieser Tage. Ich bin Österreicherin hier auf Gran Canaria, aber ich werde hier akzeptiert und akzeptiere!
Im Moment bin ich auf "Urlaub bei mir zu Hause". Das heißt, ich bin für zwei Wochen fast nur in unserem Fischerdorf. Ich genieße die Ruhe, putze, organisiere und ordne. Meine Wohnung, meine Angelegenheiten und auch mein Leben. Gut so!
Im Herbst bekomme ich normalerweise immer die große Reiselust, Lust mein Leben zu verändern, meinen Wohnsitz, ja alles nur erdenklich mögliche. Auch heuer verspürte ich so nach Lammas mal den großen Wunsch, nach Österreich zu kommen, die Kornfelder zu schnuppern, durch die bunten raschelnden Blätter unter meinen Füßen zu spüren. Aber nein, dieses Jahr beschloss ich, auf meinem unruhigen Herbsthintern sitzen bleiben - so nennen sie mich wirklich hier - "culo inquieto" - unruhiger Hintern.


Von der Ernte zur Jagd

Ich hatte mir vorgenommen, alles, was nach außen ausbrechen wollte, ganz tief nach innen zu wenden und die ganze Kraft der Zeit für innere Umbrüche zu nutzen und nicht einen Ortswechsel als anderweitiges Ventil zu benutzen. So sitze ich also hier auf meiner Klippe, bewaffnet mit Angelrute und versuche, wie beinahe jeden Abend nach den Mareas del Pino, mein Abendessen zu jagen.
Ich bin dabei ganz erfolgreich, zumindest ein pfannengroßes Fischchen ist mir jeden Abend sicher. Unter den alten Seebären des Dorfes habe ich mir damit halbwegs Respekt verschafft, da ich zumindest jeden Abend irgendwas fange. Das ist wohl meiner mir etwas fremden Bescheidenheit zu verdanken, da ich es bevorzuge, kleine Haken und Köder zu benutzen. Ich will schließlich ein Abendessen fangen - Blue Merlin, Säge- und Schwertfisch überlasse ich meinen einheimischen Kollegen. Ich will nur meinen Abendessen-Fisch und finde damit jeden Tag mein Auslangen.
Die Sonne steht schon tief, die Flut rollt langsam heran. Wie gebannt starre ich auf meinen Schwimmer, einer der besten Zentrierungstechniken, die ich kenne. Ich fühle mich rundherum wohl, eingemummelt in meinen dicken Umhang, mit Kopftuch und meinem Jausenbrot in der Tasche.

Die Dämmerung bricht an. Die Flut füllt die ersten kleinen Schwimmbecken der felsigen Küste. Auch mich überkommt ein Gefühl des Ausgefüllt-Seins, des Ich hab's geschafft. Ich fühle mich wirklich wie eine Maus im Speck, ich habe keine anderen Worte dafür. Mich erfüllt eine tiefe Dankbarkeit. Zu allererst für die Erde, die mich damals zu Ostara aufgenommen und die mich immer wieder so sicher aufgefangen hatte, wenn es wieder mal nach unten ging.
Dann für all die Menschen, die immer da waren, für mich, meine Probleme, meine anfänglichen Schwierigkeiten, mich hier zurecht zu finden. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich Teil einer Familie hier bin und jetzt ernten wir alle gemeinsam, was wir uns in den letzten Monaten gemeinsam und auch alleine erarbeitet hatten.

Gewisse Erfolge im Leben lassen sich nicht alleine erreichen, sondern brauchen die Kraft und die Liebe von mehreren Menschen, einer Familie, einer Sippe, eines Clans.
Heute heben sich auch wieder die räumlichen Grenzen auf. So wie sich das Licht und die Dunkelheit, die Ebbe und die Flut sich für einen Moment im absoluten Gleichgewicht befinden...
Für einen Augenblick bin ich mit meinen ganzen Liebsten vereint, egal in welchem Winkel der Erde sie sich herumtreiben. Ich bin da und dort, überall und nirgends. Ein wunderbares Gefühl!
Alles liegt in der Waage. Ich sortiere die beiden Gewichte gut aus, denn wer hat gerne unnötigen Ballast in der Waagschale des Lebens? Erledigtes wird abgelegt, neue Vorhaben kommen auf die Waage.
Die Flut rollt weiter herein, es wird dunkel.
Die Waage neigt sich. Für einen Moment konnte ich im sanften Licht von Mabon die Ausgeglichenheit, die Gleichwertigkeit erkennen. Aber das Rad dreht sich weiter.
Die Waage neigt sich. Ich lege das meinige nach.
Die Waagschale ist gewählt.
Die Flut umspült mittlerweile meine Füße. Ich kremple meine Hose hoch.

Da! Der Schwimmer, mittlerweile in den Wellen kaum mehr sichtbar, geht unter. Ich haue an, beginne zu kurbeln. Wie immer wirkt der Fisch viiieeel größer, wenn er noch im Wasser kämpft. Für einen Moment sehe ich mich einen Riesenfisch aus dem Wasser ziehen. Aber ich habe nur ein kleines Messer. Wie soll ich so einen großen Fisch töten? Und noch dazu alleine? Ohne Käscher? Ohne Hilfe? Mein Löwenego schiebt die Zweifel bei Seite. "Das schaffst du locker!", sagt es mir.
Ich kurble geduldig weiter, da sehe ich den Fisch das erste Mal nahe dem Ufer aufspringen... ziehe ihn die Felsen hoch. Als ich den glitschigen Meeresbewohner in die Finger zu kriegen versuche, muss ich schmunzeln. Es ist ein ca. 25-30 Zentimeter langes Weißbarschweibchen, eine fula blanca. Oben schwarz und zackig, unten weiß und weich. Ich muss jetzt laut lachen.

Die Meeresmutter hatte es mir wieder einmal ordentlich gegeben...
Gesegnete Herbsttagundnachtgleiche!


Brighid


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