Samhain in Neuseeland
Samhain feiern wir natürlich auch entgegengesetzt zu euren Festen in Europa, also am 1. Mai. Zu dieser Zeit wird es allmählich herbstlich, die Ernte ist mehr oder weniger eingebracht, die Tage werden kürzer.

Samhain war das letzte Fest der vier Jahreszeiten, das wir in Neuseeland eingeführt hatten. Das erste von uns "importierte" Fest war die Wintersonnwende, das nächste dann war das Frühlingsfest Beltane und dann folgte auch gleich darauf das Sommerfest an Sommersonnwende. Aber mit Samhain hatte ich Probleme. Ich wollte es nämlich nach alter keltischer Sitte feiern, also auch die Ahnen zu einem Mahl einladen. Dazu musste ich erst eine Hemmschwelle überschreiten und ich hatte Vorbehalte wie unsere Freunde diese Idee aufnehmen würden, denn es erschien mir Anfangs eine etwas ungewöhnliche Sitte zu sein, die wohl nicht mehr so ganz in unser modernes Leben hineinpassen würde. Was würden unsere Freunde von uns denken, hier einen so eigenartigen Brauch aufleben zu lassen?
Wir warteten also ein ganzes Jahr bis wir soweit waren. Aber dann war's ganz einfach. Unsere Freunde, die von den anderen Festen sehr begeistert waren und somit ein wenig vorbereitet waren und wussten, wie wir feierten und wie wir dachten, fanden gar nichts Ungewöhnliches an dieser Feier und so wurde dann Samhain ein wunderbares Fest.

Aber nun will ich euch erzählen, wie wir unser Herbstfest feiern.
Wir beginnen am Nachmittag. Das Fest hat zwei Teile. Der erste Teil ist der Abschluss der aktiven Wachstumsperiode in der Natur und die Ernte der Feldfrüchte. Bevor wir jedoch in den Garten gehen, um den Rest der noch stehen gelassenen Früchte und des Gemüses zu ernten, graben wir zuerst den Maibaum aus, der bis dahin für 6 Monate über unsere Felder und das Land gewacht hat und die Energien der Sonne auf die Mutter Erde gebracht hat. Er hat unser Land fruchtbar gemacht, er hat unsere Mutter Erde mit der Sonne verbunden. Wir bedanken uns bei unserem alten Freund, der ein Teil unseres Lebens war während des vergangenen halben Jahres. Es ist immer ein wenig Wehmut bei diesem Abschiednehmen enthalten, wie das bei jedem Abschied wohl immer der Fall ist. Auch die herbstliche Stimmung trägt ein wenig zur Melancholie bei. Wir verabschieden uns also von unserem alten Freund, viele von den Gästen - besonders diejenigen, die beim Aufstellen vor einem halben Jahr mit dabei waren - berühren ihn nochmals und einige sagen auch ein paar Worte des Dankes. Dann graben wir ihn aus und legen ihn an einem geeigneten Platz auf unserem Grundstück zur Ruhe.

Nun geht's an die Ernte! Wir gehen alle in den Garten und jeder erntet etwas. Wir legen die Früchte, Blumen und das Gemüse auf den Platz, an dem vorher der Maibaum stand. Dies ist der Mittelpunkt unseres Grundstücks und mit der Zeit ist in diesen 12 Jahren dieser Platz ein echter Platz der Kraft geworden. Wir dekorieren alles schön und dann setzen wir uns im Kreis um diesen Ort der Fülle und bedanken uns bei der Mutter Erde und der Sonne für ihre Gaben. Wer will wird nun etwas vortragen, ein Lied singen oder musizieren. Wir sitzen noch eine Weile beisammen, meditieren und füllen unsere Seele mit den Eindrücken, lassen die Lieder in uns nachklingen und hängen noch ein wenig unseren Gedanken nach.

Inzwischen ist es wohl ca. 17 Uhr geworden, es fängt langsam an zu dämmern und es ist Zeit, den zweiten Teil des Festes zu beginnen. Dieser zweite Teil ist den Vorfahren gewidmet und natürlich dem Festessen. Ein Teil der Gäste richtet nun das Mahl her, andere schmücken den Raum, decken auf, holen Blumen herein. Andere, besonders solche mit Kindern, machen sich nun an das Basteln von Kürbisgeistern. Auch Rüben eignen sich recht gut für diesen Zweck. Die Kürbisse oder Rüben werden ausgehöhlt und - je nach Können - werden Bilder oder Gesichter hineingeschnitzt. Es sind immer einige Künstler dabei, die hier wirkliche Kunstwerke schaffen. In die Aushöhlung wird dann eine Kerze gestellt und die Kürbisse oder Rüben, die jetzt Laternen geworden sind, werden dann auf die Tische gestellt und zieren unsere Festtafel.
Wenn alles bereit ist, das dampfende Essen die Hungrigen lockt und es inzwischen natürlich auch finstere Nacht geworden ist, setzten wir uns auf unsere Plätze und nun werden die Vorfahren feierlich eingeladen, bei unserem Festmahl Ehrengäste zu sein. Je nachdem, wer musizieren kann und will, wird diese Einladung mit Trommel oder Flöte oder auch mit einheimischen Instrumenten untermalen.
Dann wird ein Teller für die Ahnen gefüllt. Es sollte von jedem Gericht etwas auf den Teller für die Vorfahren aufgelegt werden. Die Gäste tragen zum Mahl bei, indem sie einen Teil des Mahles mitbringen, der eine vielleicht eine Salatschüssel, der andere einen Braten, der dritte Kuchen usw. Die Vorfahren werden also zuerst bewirtet und dann kommen auch wir dran und wir lassen uns das Mahl schmecken.

Der Abend klingt dann aus mit Plaudern oder Musizieren, je nachdem, welche Gäste wir haben und wie es die Stimmung gerade hergibt. Da unser Wohnzimmer nur eine begrenzte Zahl von Gästen aufnimmt, müssen wir leider dieses Fest auf 28 Teilnehmer beschränken. Mehr gehen mit bestem Willen nicht herein, auch wenn wir noch so eng zusammen rücken. Aber diese Zahl hat sich eigentlich als recht angenehm erwiesen. Wenn es mehr wären, dann wäre wahrscheinlich das familiäre und freundschaftliche Gefühl nicht mehr da.

Nicht alle unsere Gäste und Freunde sind Heiden. Deshalb hatte ich auch so lange gezögert und brauchte ein wenig Mut, um dieses Fest einzuführen. Aber es ist sehr erstaunlich, wie viele Menschen sinnvolle Feste suchen und mit Freude feiern. Ich denke, wir haben hier noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Den Menschen wieder zu zeigen, dass man Feste auch ohne materiellen Aufwand und ohne Konsum feiern kann.
Unsere Freunde freuen sich immer schon auf das nächste Fest. Das gibt uns als Gastgeber ebenfalls Freude und den Anreiz, unsere Feste weiter zu feiern.


Werner


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