Die Anfertigung traditioneller Maori-Flöten
Ich komme gerade von einem Workshop zurück. Meine Frau und ich haben bei den Maori zwei unvergeßliche Tage erlebt. Es war für uns so eindrucksvoll, dass ich euch ein wenig davon berichten will.

Also, es ging um die Anfertigung von traditionellen Maori-Flöten. Eigentlich sollten es urprünglich Knochenflöten werden, aber es waren mehr Teilnehmer als erwartet und so machten wir Holzflöten. Aber die sind ebensogut wie die Knochenflöten.

Wir fuhren nach Waima, das ist ca. 1½ Stunden von uns entfernt. Der Weg dorthin ist schon ein wenig abenteuerlich, denn ein Viertel des Wegs ist Schotterstraße, sehr eng und kurvenreich. Zum Glück ist uns auf der Strecke kein Auto begegnet, denn das Ausweichen ist auf dieser engen Straße tatsächlich nicht so einfach.

Wir kamen also in Waima an, nur zehn Minuten verspätet. Trotzdem waren schon die Hälfte der Teilnehmer da, was ungewöhnlich ist, denn die Maori kommen meistens ½ Stunde zu spät. Es waren fünfzehn Teilnehmer, wir die einzigen Pakeha (Weiße). Das ist dann schon ein wenig komisch, wenn man so mitten in einer fremden Gruppe ist, die doch schon ganz andere Menschen sind als wir Westerner. Zwei hatten sogar ein Tattoo, die Frauen haben das Kinn tätowiert, die Männer das ganze Gesicht. Das sieht ein wenig wild aus, dazu die schwarzen Augen, die Frauen langes wallendes Haar. Wir wurden nur deshalb eingeladen, weil wir Freunde unter den Maori haben und sie wissen, dass wir ihre Kultur und ihre Spiritualiät erkennen und schätzen. Sonst würden sie keine Pakeha zu solch einer heiligen oder besonderen Handlung einladen.

Wie immer bei Maori-Treffen, gings mit einem Gebet los. Dann folgte die Rede von einem Kaumatua. Das ist so etwas wie ein spiritueller Führer. Ohne den Kaumatua geht gar nichts. Er muß die Spirits bitten und öffnet somit das Treffen. Die Vorfahren und die Spirits müssen immer eingeladen werden. Diese Rede und Einladung dauerte etwa dreißig Minuten. Dann gab der Lehrer eine Rede, er erklärte ein wenig wie er zu den Kenntnissen kam. Da alles in Maori ist, konnten wir nur Bruchstücke erfassen. Dann spricht jeder Teilnehmer ein wenig, circa fünf bis zehn Minuten, über sich und warum er diesen Kurs macht usw. Also alles zusammen dauerten diese Reden 2½ Stunden. Das ist bei den Maori so üblich, die Rede ist ein wesentlicher Teil ihrer Kultur. Wer gut reden kann ist angesehen. Nach jeder Rede wird gesungen. Wenn eine Rede nicht von einem Lied ergänzt wird, dann ist die Rede in den Wind gesprochen. Es sollten immer die Frauen sein, die auf die Rede singen, während die Männer hauptsächlich die Redner sind. Wenn eine Frau nur ein paar Worte sagt, dann ist das in Ordnung und sie ist trotzdem angesehen. Wenn aber ein Mann nicht eine gute Rede hält, dann ist er nicht sehr angesehen. Bei Fremden, insbesondere bei Pakehas, ist das nicht ganz so streng.

Wir fühlten uns bis dahin immer noch ein wenig fremd und wir spürten, dass wir taxiert wurden. Aber allmählich wurden sie offener und dann war alles recht lustig und wir wurden richtige Freunde. Die Maori sehen zwar recht finster aus, aber sie sind absolut freundlich, lustig und humorvoll. Ohne Lachen geht es bei so einem Treffen nicht ab.

Nach den Reden hatten wir erstmal Lunch und bei der Gelegenheit schwatzt man dann ungezwungen und lernt sich kennen. Nach dem Lunch wurden also die Flöten aus einem rohen Stück Holz angefertigt. Es wurde kein Elektrowerkzeug verwendet, alles wurde mit Hand gemacht. Am späten Nachmittag hatten wir ein Stück Holz in der Hand, das schon ein wenig wie eine Föte aussah. Zwischendurch wurde uns immer wieder gezeigt, wie wir die Flöte spielen können, denn das ist das Schwierigste an dem ganzen Unternehmen.

Es gibt viele Arten von Maori Flöten, je nach Anlaß werden die verschiedenen Typen gespielt. Auch das Material ist verschieden. Unsere Holzflöte ist ca. 15 cm lang, hat drei Löcher. Es gibt kein richtiges Mundstück wie bei den europäischen Flöten, nur ein Loch von ca 1 cm Durchmesser. Die Technik des Blasens ist wichtig, um einen Ton zu erzeugen. Das ist sehr schwierig und wir können bis jetzt zwar einen Ton herausbringen (nach stundenlangen Versuchen!!!), aber richtig spielen kann man erst nach ca. einem Jahr, falls man mindestens 2-3 mal in der Woche übt. Der Ton ändert sich, je nach Art und Weise wie man hineinbläst. Das untere Loch wird mit der zweiten Hand trichterförmig zugehalten und damit kann man außerdem noch den Ton verändern. Das verwendete Holz spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle, es können dadurch tiefe, volltönende, oder höhere Flöten gemacht werden. (Auf dem Bild drei von uns angefertigte Flöten.)

Die Flöten dienen eigentlich nicht (oder nicht in der Hauptsache) der Musik nach unserer Vorstellung. Es werden einfach Töne erzeugt, die die Spirits rufen, den Kontakt zu den Vorfahren herstellen, den oder die Geliebte(n) rufen oder einfach eine Stimmung anzeigen bzw. die eigenen Gefühle zum Ausdruck gebracht werden. Für Musikstücke kann diese Flöte allerdings auch als Hintergrund oder Begleitmusik gebraucht werden. Aber man spielt keine Melodie mit diesen Flöten.

Am nächsten Tag wurden die Löcher angebracht. Dann kamen die Schulkinder mitsamt den beiden Lehrern von der Grundschule, die gleich in der Nähe ist. Die Kinder hatten eine besondere Aufgabe: Sie mußten (oder besser durften) Leben in unsere Flöten blasen. Nur Kinder bis zu zwölf Jahren können dies machen. Ohne diesen Lebensatem der Kinder hätte die Flöte kein wirkliches Leben.

Anschließend gaben die Kinder noch eine kleine Vorstellung von Maori-Tänzen und Liedern, was ein wirkliches Highlight des Tages war. Als ich da so saß und zuhörte, dachte ich mir: Wie viele Autos mit Touristen fahren dort draußen vorbei und niemand weiß, was hier, nur zwanzig Meter entfernt, alles passiert! Aber nicht nur die Touristen bekommen das nicht mit, auch 99% der Neuseeländer Pakeha haben nur wenig Ahnung von diesen Dingen. Wir fühlen uns privilegiert, dass wir das alles miterleben durften.

Nun gab es wieder Lunch mit viel Geplauder und Spaß, die Kinder bekamen eine kleine süße Gabe und gingen wieder in ihre Schule. Nicht vergessen sollte ich zu erwähnen, dass natürlich auch hier wieder der Kaumatua die Kinder mit einer kleinen Rede begrüßte und sie auch wieder entsprechend verabschiedete. Am Nachmittag saßen wir alle noch zusammen und jeder Teilnehmer berichtete über seine Erfahrung, dem Lehrer wurde gedankt, er bekam ein kleines Geschenk (der Kurs ist kostenlos) und dann wurde noch gesungen bis dann langsam einer nach dem anderen sich verabschiedete.

Das war nun allerdings erst der erste Abschnitt. In einigen Wochen läuft der zweite Teil des Kurses über 3 Tage. Dann dürfen wir unsere Flöten mit Mustern schnitzen. Allerdings müssen wir unsere eigenen Muster entwerfen und mitbringen, wir werden entsprechend unserer Abstammung keltische Ornamente wählen (sind sehr schwierig, leider!!!). Mit ein wenig Hilfe von unserem geduldigen Schnitzlehrer wird´s hoffentlich klappen. Die Maori Muster haben alle eine kulturelle und spirituelle Bedeutung und sie haben mit ihrer Abstammung zu tun. Es sind also „ihre“ Muster und wir dürfen diese nicht verwenden.

Nun haltet uns die Daumen, dass wir irgendwann einmal auch die Flöte richtig spielen können!
Wer neugierig geworden ist kann in der Rubrik Einsichten & Aussichten von mir mehr erfahren über die spirituellen Traditionen der Maori und ihre Flöten.


Werner


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