Betreuung gesucht für WurzelWerk's


Otro buon dia en paraiso (Ein neuer Tag im Paradies)
Tja, da bin ich nun schon eine ganze Weile. Von der Großstadt- habe ich mich zur spanischen Landhexe entwickelt! Habe meine gemütliche und warme Wiener Altbauwohnung gegen ein 20 qm großes Steinhaus im spanischen Extremadura eingetauscht, in dem der einzige warme Platz einen halben Meter neben dem Kamin ist. Warum ich wirklich hier in der Einöde gelandet bin, lässt sich sehr schwer beschreiben, letztendlich glaube ich aber dem Ruf meiner Götter gefolgt zu sein.
Hier bin ich nun und werde tagtäglich mit meinen Grenzen konfrontiert...

Gegen sieben Uhr weckt mich mein unter meinem Dach wohnender Siebenschläfer auf. In den ersten Nächten hatte ich ziemliche Angst, da ich nicht wusste, wer diesen unglaublichen Lärm verursachte. Nun weiß ich es, es ist ein Siebenschläfer, der mittlerweile schon auf meine Stimme reagiert. Der erste Griff ist der nach der Taschenlampe oder nach dem Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden. Noch steif von der nächtlichen Kälte krabble ich aus meinem Bett und schlüpfe ins Gewand. Ein prüfender Blick durchs Fenster ob Wildschweine in meinem Innenhof sind und raus in die Nacht.
Um halb acht Uhr treffe ich in der Bibliothek ein, wo wir unsere morgendlichen Übungen machen. Zumeist Chi-Gong, manchmal auch Yoga oder Meditationen mit Bewegung. Danach gibt es Frühstück. Kiwis, Orangen und Joghurt von den hofeigenen Kühen. Kaum zu glauben, dass wir erst vor zwei Wochen Kiwis geerntet haben...ich dachte immer, es seien tropische Früchte, die Wärme brauchen...Weit gefehlt, sie wachsen auch hier, in der rauhen Gegend im westlichen Spanien. Die Orangen stammen ebenfalls aus eigenem Anbau, sie wachsen weit oben am Berg, nahe der tibetischen Stupa, die für Meditationsretreats erbaut wurde. Und da steht sie - ganz friedlich und harmonisch - neben dem 200 Jahre alten Ziegenstall, wo Pedro und Enrique täglich ihre Ziegenherde für die Nacht unterbringen.

Nach dem Frühstück geht es an die Arbeit. Ich bin im Moment dabei, Rosen zu züchten und den Garten für das Frühjahr vorzubereiten. Doch manchmal fällt die Gartenarbeit aus, da der Boden so hart gefroren ist, dass die beste Hacke nichts auszurichten vermag. Mit Kochen wechseln wir uns momentan ab. Ungefähr ein oder zwei Mal pro Woche heißt es Küchendienst. Wir sind sehr wenig Leute im Moment. Aber das ist normal sagen alle. Nur wenige bleiben freiwillig im kalten und feuchten Winter hier. Tja, hier sitze ich nun am Kamin und mache mir Gedanken, wie ich Euch erklären kann, wie mein spirituelles Leben hier aussieht - und um die Wahrheit zu sagen, ich weiß es nicht so ganz genau.
Vieles, was noch vor wenigen Monaten so bedeutsam war für mich, ist es nun nicht mehr. Tägliches Studieren von Büchern über Götter, Mythologie ist nicht mehr, dafür bin ich abends von der Arbeit und vom vielen Wandern zu müde. Das Gedanken machen über passende Kerzenfarben erübrigt sich - ich habe nur weiße und die sind dafür da, um mein Haus zu erhellen. Ausserdem muss gespart werden und mehr als eine Kerze kann für ein Ritual nie und nimmer verwendet werden. Ach ja, die Rituale - um ehrlich zu sein, ich habe hier noch kein einziges Ritual im Freien gemacht. Aber ich bin den ganzen Tag draußen und bin froh, wenn ich abends ein Dach über dem Kopf habe.
Manchmal kommt es mir so vor, dass alles, was ich in den letzten Jahren als Hexe erfahren und lernen durfte, dahin ist. Ich fühle mich wieder wie am Anfang, wie ein kleines Kind, das die Welt mit grossen, neugierigen Augen entdeckt. Ich fühle die pulsierende Kraft der Erde unter meinen Füßen, ich sehe die Sterne am Nachthimmel und die Mondin in ihrem Kreislauf. Ich sehe die Wolken ziehen und das Wasser den Bach hinunter rinnern. Begebenheiten, die einfach nur sind...
Mein Verständnis von Hexe sein ändert sich hier sehr grundlegend. Weitab von meinen Schwestern und Brüdern versuche, ich meinen Weg ganz allein weiterzugehen. Und wenn morgens die Sonne den Monte Jalama, den heiligen Berg bescheint, an dessen Fuß wir wohnen, dann weiß ich, dass ich um nichts in der Welt in die Wiener Altbauwohnung zurück will. Und dann weiß ich auch, dass das tägliche Leben mit der Natur und ihrer Kraft tief an meine Ursprünge rührt und mir eine Kraft zurückbringt, die ich in der Stadt niemals so spüren konnte. Welche Rolle spielen da noch Kerzenfarben oder seitenlange Invokationen?
Seit ich hier lebe, habe ich niemals mehr einen Gott oder eine Göttin invoziert. Wozu auch? Sie sind hier bei mir, sie leben und sind mit mir.
Als ich von Wien weggegangen bin, hatte ich das Gefühl, mit offenen Armen in die Leere zu springen, nicht wissend, was mich hier wirklich erwartet.

Hier bin ich nun, und finde jeden Tag die Götter neu. Nicht in großartigen Ritualen oder Buchseiten, sondern im Ginsterwald vor meinem Haus, in den Wildschweinen in meinem Innenhof, in der vereisten Brücke, im Stier und in meiner Angst vor ihm. Ich finde die Göttin in den alten Ziegenställen, die vor hunderten von Jahre auf dieser Erde erbaut wurden.
Ich liebe diese Erde hier und damit liebe ich auch die Göttin und mich selbst!
Und diese Erkenntnis macht mich unheimlich glücklich. Und die Nacht ist nicht mehr ganz so kalt, die Wildschweine nicht mehr ganz so bedrohlich und die Füße nicht mehr ganz so feucht.


Brighid


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