Ein keltischer Traum   Teil III

Da sehe ich, dass zwei Männer ein Schaf und ein Kalb herbeiführen. Die Tiere sind mit Blumen bekränzt. Ich lege ihnen meine Hände auf den Kopf und spreche den Segen. Dann werden die Tiere geschlachtet und ihre Köpfe in das Feuer geworfen als Opfergabe für die Götter. Ich weiß, dass die Tiere gebraten werden, während wir über die Felder gehen und dass wir am Abend zusammen den Festschmaus halten werden. Bodo nickt mir zu und macht eine Geste, die mir sagen soll, dass ich jetzt über die Felder gehen muss. Ich gehe zum Dorf hinaus und alle Leute folgen mir, nur Bidur bleibt zurück.

Ich gehe hinaus und sehe, wie die Feuer brennen auf den Wiesen und Feldern. Mein Schritt ist so leicht, berühre ich eigentlich den Boden? Hinter mir kommen alle Dorfbewohner, ich sehe mich nicht um, ich weiß, dass sie mir alle folgen. Sie beten und singen, wie Wellen treffen mich ihre Gesänge. Da hebt mich plötzlich so eine Welle hoch und ich schwebe über die Felder, dem ersten Feuer entgegen.
Ich bleibe stehen vor den Flammen und spreche den Dankes- und Segensspruch, damit die Feuer die Wärme der Sonne auf der Erde belassen für die Zeit des Sommers, damit alles wachsen kann. Noch einmal hebt mich der Gesang empor und ich schwebe wieder dahin, wie herrlich ist es zu schweben! Ich fliege über die Wiesen mit den Schafen und sie schauen hoch zu mir und ich segne sie, dann fliege ich über die Rinder, auch sie segne ich und die Kühe schauen mich mit ihren großen Augen an. Sie haben aufgehört zu grasen und stehen ganz still und ihre Hälse recken sie nach mir, damit sie mich sehen können, wie ich über sie hinwegschwebe. Ich schwebe zu den Pferden, auch sie sehen mich mit ihren klugen Augen an und nicken mit ihren Köpfen, weil sie mich als die Göttin erkennen, die da über sie hinwegschwebt um sie zu segnen. Ich aber schwebe weiter über die Felder und segne das Getreide. Ich segne das Gras, das später Heu werden wird und bei jedem Feuer komme ich auf die Erde herunter und verbeuge mich vor den Flammen und sage das Gebet. Weiter schwebe ich und ich sehe mich nach den Leuten um. Ich sehe sie da unter mir, wie sie ganz klein sind und einen dichten Haufen bilden, eine Traube von Menschen, die alle zu mir heraufschauen und sehen, dass ich die Göttin bin. Ihr Gesang klingt wie aus weiter Ferne, aber er hebt mich wieder hoch. Ich schwebe weiter, immer weiter, am Wald entlang, den ich auch segne und hinüber zu dem großen Fluss, der Doana. Ich winke ihr zu und sie leuchtet herauf zu mir. Ich spüre, wie wir eins sind, sie ist eine Göttin und ich bin eine Göttin. Wir sind wie Schwestern, der Fluss und ich. Ich grüße hinunter und sage: "Doana, meine Schwester, du hast mir dazu verholfen, dass ich Bidur getroffen habe und dass ich jetzt eine Göttin bin, ich danke dir!" Wie herrlich ist es, zu schweben und den Segen auszuschütten. Ich spüre, wie der Segen hinunterfließt auf die Erde, aus meinem Körper heraus. Jetzt sehe ich, wie das Dorf langsam auf mich zuschwebt, oder bin ich es, die auf das Dorf zuschwebt? Die Häuser werden größer und größer. Ich erkenne, dass ein Mann herauskommt aus dem Dorf und mir entgegen geht. Oder schwebt auch er? Ich erkenne ihn, es ist Bidur, der Sonnengott mit der leuchtenden Sonnenkrone auf dem Haupt und der glitzernden silbernen Kette um den Hals. Er breitet seine Arme aus, mir entgegen. Ich schwebe hinunter auf die Erde und stehe vor ihm. Wir geben uns die Hände und halten uns fest.
"Ich bin geschwebt und habe die Felder und Wiesen, den Wald und die Tiere gesegnet, hast du mich gesehen, mein Gott?" "Ja, meine Göttin", sagt er, "ich stand zuerst ganz alleine auf dem Dorfplatz, aber plötzlich bin ich hoch geschwebt, ganz sachte immer höher, bis hin zum Gipfel des Maibaums. Dort oben hingen zwei Büschel, ein Bund Heu und ein Bund Garben. Ich habe mich auf das Heu hingesetzt und über das Land geschaut. Da sah ich die Menschen über die Wiesen und Felder gehen und ich habe dich gesehen, wie du geschwebt bist allen voran. Wie wunderschön du warst! Du bist so schön und du wirst so schön bleiben für mich, du wirst meine Göttin sein!" "Auch du bist wunderschön im Glanze deiner göttlichen Kraft und ich weiß, dass auch du für mich der Gott bleiben wirst."

Inzwischen haben sich die Dorfbewohner um uns herum versammelt und sie rufen uns freundliche Worte zu und dann singen sie noch einmal das Beltanelied. Danach sprechen sie ein Gebet für uns, dass wir uns vereinigen und den Segen und die Harmonie auf die Erde bringen mögen. Bodo und Burga treten auf uns zu und nehmen uns bei der Hand. Sie führen uns durch die Menge hindurch und durch das Gebüsch, das entlang des Weges wächst und sie bringen uns auf eine kleine Lichtung.
"Das Brautgemach ist bereitet", sagen sie. Sie legen uns noch die Hände auf unseren Kopf und dann verlassen sie uns. Wir hören, wie auch die Dorfbewohner weiter gehen, hinein in das Dorf, um das Festmahl vorzubereiten. Wir schauen uns auf der kleinen Lichtung um. Ja, ein richtiges Brautgemach ist es! Ein Lager aus Gras haben sie bereitet und Decken und Felle darüber gebreitet, ein richtiges, weiches Bett! Im Gezweig hängen rundherum kleine Blumensträußchen und bunte Tücher, ein festlich geschmückter Raum ist es! Welcher König würde so ein herrliches Gemach haben? Ich schaue Bidur an und bin mir noch nicht ganz klar, ob ich noch schwebe oder wieder auf der Erde stehe. Aber ich fühle noch die Kraft der Göttin in mir, ja, ich fühle sogar, wie sie wächst in mir. Aber so stark auch diese Kraft ist, ich habe plötzlich das Gefühl, dass es noch nicht genug ist. Ich verlange nach der Kraft des Gottes und ich strecke meine Arme aus nach ihm. Bidur hebt mich auf und ich spüre wieder, wie ich schwebe, aber diesmal schwebe ich mit Bidur zusammen. Wir schweben auf das Bett zu und ich halte ihn ganz fest umklammert. Nie mehr will ich ihn loslassen! Oh, wie bin ich voll von all den Ereignissen! Aber dann habe ich nur noch den einen Wunsch: Bidur, der Sonnengott, soll zu mir kommen und ich will seine Frau werden...."

Gundewyn schweigt und auch wir schweigen. Wir sind alle tief ergriffen von der Erzählung. Bidur und Gundewyn halten sich immer noch an der Hand und der Kleine auf Gundewyns Schoß ist inzwischen eingeschlafen. Lange sitzen wir schweigend beisammen und jeder hängt seinen Gedanken nach. Auch an mir ziehen alle diese Bilder wieder vorüber, ich habe ja das alles miterlebt. Allerdings ist es etwas anderes, wenn man selbst die Beltanejungfrau ist. Gundewyn hat jedoch so spannend erzählt, dass man sich richtig in sie hineinversetzen konnte.
Schließlich sagt der Vater: "Bald ist Beltane. Ich glaube, dass es jetzt keine Frage mehr ist, dass wir alle in Beugenheim sein werden an diesem Tag, nachdem wir jetzt davon gehört haben!" Für mich war es freilich nie eine Frage, ich werde keines unserer Feste auslassen. Aber es freut mich natürlich, dass auch meine neue Familie mitkommen wird. Ja, Beltane ist schon ein ganz besonders großes Ereignis, selbst dann, wenn man nicht selbst die Beltanejungfrau ist!


Werner


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