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Ein keltischer Traum   Teil II

"Es ist sehr gut, dass du noch Jungfrau bist. Wir haben euch für etwas auserwählt, das eine große Ehre ist. Ihr sollt Maikönig und Maikönigin sein! Du, Gundewyn, wirst die Beltanejungfrau sein!" Ich bin so überrascht, dass ich keine Worte finde und die beiden Alten nur mit großen Augen anschaue. Schließlich frage ich ungläubig: "Die Beltanejungfrau, ich?" Es ist die größte Ehre, die einem Mädchen widerfahren kann, das weiß ich. Ich kann es noch nicht glauben, warum ausgerechnet ich? Und welche Freude, dass Bidur der Maikönig sein wird und kein Fremder! Welch ein Glück für mich!
Bodo erklärt uns den Grund ihrer Wahl: "Wir haben euch erwählt, weil wir gesehen haben, dass ihr euch liebt. Es ist eine besonders starke Kraft, die von liebenden Menschen ausgeht. Maikönig und Maikönigin sollten Fremde sein und nicht aus dem gleichen Dorf stammen. Es ist also alles perfekt, da ja Bidur ursprünglich nicht von hier ist. Es war nur noch die Frage offen, ob du noch Jungfrau bist. Aber zum Glück, das ist ja jetzt auch geklärt. Die Göttin hat euch beide an meinem Haus vorbeigeführt und mir gezeigt, dass ihr es sein sollt. Es ist also eine Entscheidung der Göttin, nehmt diese Ehre in Freude und Dankbarkeit an." Wir stehen beide auf, auch Burga und Bodo haben sich erhoben. Die Wahl der Göttin ist auf uns gefallen, wir sind tief bewegt und ergriffen. Ich gehe auf die beiden Alten zu und küsse ihr Hände, als Zeichen dafür, dass ich weiß, welche Ehre und Verantwortung ich auf mich nehmen muss. Auch Bidur geht auf die Alten zu und verneigt sich vor ihnen. Auch für ihn ist es die gleiche Ehre, denn er wird den Segen des Himmels und die männliche befruchtende Kraft auf die Erde bringen, wenn er sich an Beltane mit mir vereinigen wird. "Ich sehe, dass ihr beide würdig seid und ich freue mich, dass wir mit Hilfe der Göttin die richtige Wahl getroffen haben."
Burga ergreift nun meine rechte und Bidur's linke Hand und sie sagt: "Ihr beiden müsste uns auf Ehre versprechen, dass ihr bis Beltane nicht mehr alleine zusammen kommt und dass Gundewyn Jungfrau sein wird am Beltanetag. Bitte, gebt dieses Versprechen ab vor mir und vor Bodo, dem Ältesten!" Wir versprechen beide, dass wir uns alleine nicht mehr treffen werden bis Beltane und dass ich Jungfrau sein werde am Festtag. Die Alten sagen uns noch, dass wir einige Tage vor dem Fest zu ihnen kommen sollten, um den Ablauf und unsere Aufgaben zu besprechen, dann legen sie uns noch die Hand auf unser Haupt und entlassen uns.

Als wir vor der Türe stehen, fassen wir uns schnell noch bei der Hand und drücken sie ganz fest. Wir müssen ja jetzt auseinander gehen. Ich sage noch zu Bidur: "Es wird schwer sein, dich nicht zu sehen so lange." "Ja", nickt Bidur, "es wird nicht leicht werden, aber es sind ja zum Glück nur noch drei Wochen. Ich kann es noch gar nicht fassen, was da mit uns geschehen soll!" "Auch ich bin ganz verwirrt", sage ich, "aber jetzt müssen wir leider auseinander gehen, damit wir unser Versprechen erfüllen." Wir drücken uns nochmals fest die Hände und sagen uns noch schnell, dass wir uns lieben und dann müssen wir uns trennen und lange drei Wochen warten auf uns.

Mit sehr gemischten Gefühlen gehe ich nach Hause. Ich werde drei Wochen nicht mit Bidur zusammen kommen dürfen. Jetzt, da wir uns gerade erst gefunden haben und da es so schön war, in seinem Arm zu liegen und zu spüren, wie seine Küsse dieses neue wunderbare Gefühl in mir wachriefen, jetzt müssen wir getrennt sein für drei Wochen! Es wird mir erst jetzt richtig bewusst, wie sehr ich ihn schon liebe, jjetzt, da ich weiß, dass ich ihn eine Weile nicht sehen kann. Aber die anderen Gefühle sind aufregend und großartig. Ich werde die Beltanejungfrau sein! Welche Ehre für mich und meine ganze Familie! Je näher ich meinem Haus komme, umso mehr wächst meine Erregung. Was werden meine Eltern sagen, wenn sie diese gute Nachricht erfahren? Mein Herz läuft fast über vor Freude und in Erwartung der wunderbaren Dinge, die da kommen werden, so dass meine Mutter mir sofort anmerkt, dass etwas geschehen ist, kaum dass ich den Fuß in unser Haus gesetzt habe.

"Kind, was ist denn geschehen, du siehst ja ganz verändert aus!" Sie kommt auf mich zu und schaut mir in die Augen. "Ich sehe, dass es etwas Freudiges ist, aber es muss auch etwas Großes sein, ich sehe es an deinen Augen!" "Ja, Mutter, es ist etwas Wunderbares geschehen", sage ich. "Ich weiß noch gar nicht, wie mir geschehen ist und mein Kopf ist ganz wirr und ich werde ein wenig Zeit brauchen, um wieder klar zu werden." "Ja, um alles in der Welt, nun sage schon, was es ist und spann mich nicht so auf die Folter!" Auch mein Vater ist herbeigekommen und er fragt: "Was ist denn los, erzähle schon!" Da hole ich tief Luft und lasse sie heraus, die große Neuigkeit: "Ich werde die Beltanejungfrau sein dieses Jahr und Bidur ist der Maikönig und - wir lieben uns schon!" Da schreit sie auf vor Glück und umarmt mich so stürmisch, dass sie mich fast erdrückt. Auch mein Vater lacht und drückt mich an sich. Und beide küssen und drücken mich, dass ich mich kaum retten kann. Dann muss Mutter sich hinsetzen, sie ringt nach Atem vor lauter Aufregung. Sie hebt die Hände gegen den Himmel und ruft aus: "Dank der Göttin, dass ich das noch einmal erleben kann!"
"Wieso sagst du: noch einmal?" frage ich. "Ach Kind, ich hätte es dir demnächst ohnehin gesagt, so kann ich es auch jetzt sagen. Du bist ja jetzt erwachsen geworden und ich darf nicht mehr "Kind" zu dir sagen. Ich war nämlich auch einmal die Beltanejungfrau und du bist das Ergebnis davon!" Das ist natürlich wieder eine riesige Überraschung und ich denke mir, was mag denn noch alles kommen? Ich glaube, ich habe an diesem einzigen Tag mehr Überraschungen erlebt als mein ganzes bisheriges Leben zusammen. Aber die Mutter spricht weiter:

"Ja, es war wunderbar damals. Allerdings habe ich deinen Vater vorher noch nicht gekannt. Du hast es natürlich besser. Wie herrlich muss es sein, mit dem Geliebten vermählt zu werden! Aber bei uns war es anders. Er war von einem anderen Dorf, wie es ja meistens ist und unser Dorf hatte ihn gebeten, der Maikönig zu sein. Aber wir haben uns sofort verliebt an diesem Beltanetag. Es war alles so aufregend und wunderbar! Wir haben sofort gespürt, dass wir zusammen gehören. Das gemeinsame Erlebnis von Beltane, als wir uns liebten als Gott und Göttin - ach Gundewyn, wie soll ich es dir erklären, du wirst es ja selbst erleben - es war so wunderbar, es ist nicht möglich, es zu beschreiben. Wir mussten einfach beisammen bleiben, die Göttin hat uns zusammengeführt und wir haben es nicht bereut bis zum heutigen Tag, stimmt es?" Sie schaut ihren Mann an und er nickt zustimmend und sie lachen sich an. Ich weiß es ja, dass sie sich lieben und dass sie es schön zusammen haben!
"Diese Nacht damals", fährt sie fort, "werden wir beide wohl nie vergessen und der Segen der Göttin ist bei uns geblieben; und du, unsere Tochter, du bist gezeugt worden in dieser Nacht und jetzt wirst du selber die Beltanejungfrau sein, wie fügt sich doch alles so wunderbar zusammen! - Aber jetzt werden aufregende Tage kommen, du wirst es sehr schnell erfahren, was es heißt, die Beltanejungfrau zu sein!"
Ja, da hatte sie recht. Es waren sicher nur wenige Stunden vergangen, da hatte sich die Kunde im ganzen Dorf verbreitet. Meine Mutter hatte es nur der Nachbarin gesagt, aber das war genug! Nun merke ich, welche Ehre es ist, die Beltanejungfrau zu sein, denn alle Dorfbewohner kommen herbei und beglückwünschen mich. Alle freuen sich über die Wahl und sie sagen mir, wie gut ich es hätte, dass ich Bidur schon liebe und dass er so ein freundlicher junger Mann sei. Auch, dass dann gleich nach Beltane die Hochzeit sein soll, das finden alle großartig, denn eine Hochzeit in einem Dorf, das ist ja immer eine besonders große Sache!

Meine Mutter stellt ein kleines Tongefäß neben dem Eingang auf, wie es der Brauch ist und alle Besucher legen dort eine oder sogar mehr Münzen hinein für den Kauf der silbernen Kette, die ich von Bidur am Beltanetag bekommen sollte. Diese Kette würde mir Bidur umhängen, wenn wir zusammen geschlafen hatten als Zeichen dafür, dass wir die Riten vollzogen hatten und ich würde sie behalten dürfen als Erinnerung an diesen Tag. Nach ein paar Nächten gehen dann die Männer hinaus, um den großen Baum zu fällen, der der Maibaum sein soll. Alle Mädchen und Frauen gehen hinaus vor das Dorf, um sie und ihren Baum zu begrüßen und willkommen zu heißen. Wir sehen sie kommen, Bidur ist der erste, denn auch er wird geehrt. Sie tragen einen mächtigen Baum auf ihren Schultern und man sieht es ihnen an, dass sie schwer tragen an dieser Last. Sie sind in Schweiß gebadet und ihre Schritte sind schwankend. Ich muss ihnen nun entgegen gehen und den Willkommensgruß darbringen. Als ich sie erreiche, bleiben sie stehen und sie keuchen und schwitzen unter der Last. Bidur aber blinzelt mir zu und ich blinzele zurück und freue mich. Dann muss ich aber meine Pflicht erledigen, ich verbeuge mich vor den Männern und ihrer Arbeit und vor dem Baum auf ihren Schultern und ich sage den Willkommensgruß. Ich spreche noch ein Gebet und den Dank an die Götter und dann gehe ich ihnen voraus in das Dorf hinein und die Frauen und Mädchen folgen uns hinterdrein. Am Dorfplatz legen die Männer den Baum ab und sie strecken ihre Glieder und schütteln die Arme und sind sichtlich erleichtert, dass sie die schwere Last los sind. Nun darf ich ihnen den Erfrischungstrunk reichen und jeder nimmt ihn mit Freude und mit einer Verbeugung von mir an. Als erster kommt Bidur an die Reihe und ich drücke schnell seine Hand, um ihm zu zeigen, dass ich ihn liebe. Ich bin so froh, dass ich ihn wenigstens wieder sehen kann, meinen Geliebten, nach dem ich mich so sehr sehne! Ich werde sehr geehrt und geachtet und die Männer danken mir und ich kann mir schon ein wenig vorstellen, wie es sein wird, wenn ich an Beltane im Mittelpunkt stehen werde! Ich spüre ein leichtes Angstgefühl, wie ich da in der Mitte stehe und alle auf mich schauen. Wie wird es erst sein, wenn Beltane ist?
Ich habe nicht viel Gelegeheit an diesem Tag mit Bidur zu sprechen. Aber ich kann ihm doch noch schnell zuflüstern, dass ich ihn liebe und dass ich mich freue, dass wir bald beisammen sein werden. "Ein wenig Angst habe ich auch vor all dem Neuen und vor dem Fest", raune ich ihm noch zu. Er drückt schnell meine Hand und tröstet mich: "Es wird schon nicht so schlimm sein. Auch ich habe ein eigenartiges Gefühl im Magen. Aber es wird schon gut gehen und die Hauptsache ist doch, dass wir dann beisammen sein können unser ganzes Leben lang!" Ach ja, ein ganzes Leben lang mit Bidur beisammen zu sein, wie schön wird das sein! Ich sehne mich so, seine Nähe zu spüren und in seinem Arm zu liegen. Zum Glück sind es nur noch wenige Nächte!

In dieser Zeit vor dem Fest wechseln Freude und Angst ständig ab. Besonders die Erfahrungen dieses einen Tages, als die Männer den Baum geholt hatten und ich schon einen Vorgeschmack bekommen hatte, wie es war, im Mittelpunkt zu stehen, machen mir Angst. Aber dann überwiegt doch die Freude auf das Fest und auf das gemeinsame Leben mit Bidur. Zum Glück vergehen diese Tage sehr schnell. Sie sind ausgefüllt mit Arbeit und den Vorbereitungen für das Fest. Auch die Männer sind beschäftigt, sie schälen den mächtigen Baum und bemalen ihn mit einer Spirale, die sich von der Spitze des Baumes bis hin zur Erde windet, in den Farben weiß und blau, den Farben des Regens und des Lichtes, damit das Wasser und das Licht der Sonne die Erde fruchtbar machen würde. Die Frauen und Mädchen aber sind beschäftigt mit dem Zubereiten des Festmahles, sie kochen und backen.

Dann ist der große Tag gekommen! Schon am Morgen versammeln sich alle jungen Mädchen vor unserem Haus und bringen Arme voll Blumen mit. Es werden Blumensträuße und Girlanden gebunden. Zum Teil sind sie dafür gedacht, um die Häuser festlich zu schmücken. Der Hauptschmuck der Häuser werden Birkenzweige sein, die die Männer aus dem Wald holen und rechts und links von den Eingangstüren aufstellen. Wir werden dann Blumensträußchen hineinhängen. Aber die meisten Blumen sind gedacht für mich, sie sollen mein Festgewand sein. Da hören wir auch schon die Rufe der Männer, die mit den Birkenzweigen kommen. Unruhe entsteht plötzlich unter den Mädchen und sie schauen nach ihren Geliebten aus. Die Männer bewundern dann auch gebührend unsere Arbeit und manch eine bekommt schnell einen Kuss von ihrem Auserwählten. Nur Bidur ist nicht dabei. Ich weiß, dass er die Stunden vor dem Festbeginn in der Stille zubringen muss. Ich werde mit dem Küssen noch ein paar Stunden warten müssen, aber dann..... Die Hände zittern mir, als ich daran denke, was alles geschehen wird.
Dann scheuchen die Mädchen die Männer davon, sie hatten ihre Liebesbeweise erhalten und alle Welt konnte sehen, dass sie einen Freund hatten. Jetzt war keine Zeit mehr für Liebeleien, die Nacht würde Gelegenheit genug bieten dafür. Es war noch Arbeit zu tun und die Männer dürfen ja auch nicht dabei sein, wenn ich geschmückt werde. Bis Mittag arbeiten wir und haben große Freude damit. Dann essen wir eine Kleinigkeit, es ist im Moment nicht so wichtig, denn das Festmahl am Abend wartet ja auf uns, da ist es ganz gut, ein wenig hungrig zu sein! Dann wird es Ernst, es ist die Stunde gekommen, da ich nicht mehr eine von den anderen bin, ich werde geschmückt und zur Maikönigin gemacht.
Ich muss nun meine Kleider ablegen und meine langen Haare werden sorgfältig gekämmt. Dabei werden die kleinen Blumensträuße hineingeflochten, immer drei Blumen sind es, die heilige Zahl drei, es sind unendlich viele Blumen, fast bestehen meine Haare nur noch aus Blumen und sie umhüllen meinen Körper bis fast zu den Hüften. Zusätzlich bekomme ich noch eine bunte Blumenkrone auf das Haupt gesetzt. Dann kommen die kunstvoll gebundenen Girlanden, eine bekomme ich um den Hals gehängt und eine schlingen sie mir um die Taille. Auch um die Arme und Beine winden sie Ketten aus Blumen. Die Mädchen betrachten mich zufrieden und auch die älteren Frauen sind inzwischen gekommen und alle bewundern mich. "Du siehst aus wie die Blumengöttin", sagen sie, "weißt du, dass sie später in eine Eule verwandelt wurde, der Vogel mit dem Blumengesicht? Sieh' zu, dass dich dein Bidur nicht auch verwandelt!" Sie lachen alle und eine der älteren Frauen sagt: "Er wird sie verwandeln, aber nicht in eine Eule, sondern in eine Frau!" Wieder lachen alle, ich aber fühle mich nicht so recht wohl, während sie so über mich reden. Aber zum Glück ist keine Zeit mehr für Späße, das Fest soll beginnen, ich bin fertig! Die Männer werden schon ungeduldig warten auf dem Dorfplatz. Die Frauen kämmen schnell noch ihre Haare, rücken ihre Kleider zurecht und dann setzt sich der feierliche Zug in Bewegung. Die Männer brechen in ein großes "Hallo" aus, als sie uns kommen sehen, sie formen einen großen Kreis um uns und umtanzen uns, indem sie sich mit lautem Geklatsche auf die Schenkel, die Brust und die Arme schlagen. Mit den Füßen stampfen sie die Erde, dass es nur so dröhnt. Wir Mädchen aber stehen in der Mitte und drehen uns anmutig im Kreise und jede sucht mit ihren Augen nach ihrem Geliebten. Aber Bidur ist immer noch nicht dabei.
Als der Tanz beendet ist, mischen sich die Frauen und Männer und die Mädchen lehnen sich an ihre Freunde an, auch die verheirateten Frauen gehen zu ihren Männern. Ich kann gut sehen, welche Paare sich noch lieben und nahe beisammen stehen und welche sich gleichgültig geworden sind und wie zwei Fremde zusammen stehen. Ich aber stehe ganz alleine jetzt in der Mitte des Platzes und komme mir ein wenig verloren vor. Wie gut, dass ich so mit Blumen geschmückt bin, da habe ich nicht mehr so stark das Gefühl, dass ich nackt bin. Es ist zwar nichts Besonderes, eine nackte Frau zu sehen, denn wir baden immer zusammen im Fluss und es war sicher keiner im Dorf, der mich nicht schon nackt gesehen hatte. Aber so in der Mitte zu stehen und dann auch noch nackt zu sein, das ist trotzdem etwas anderes als beim Baden. Ich sehe an mir herunter und sehe all die Blumen. Wie fremd sehe ich aus, bin ich das denn wirklich oder bin ich schon die Göttin, die gleich die Felder segnen wird? Aber es ist nicht viel Zeit zum Nachdenken, wir singen jetzt alle zusammen das Beltanelied. Der Holzstoß wird angezündet und der Dudelsackpfeifer spielt dazu. Jetzt tritt der alte Bodo vor den Baum, der noch am Boden liegt und wir sprechen alle mit ihm ein Gebet an den Baum, bitten ihn um Verzeihung, dass wir ihn gefällt haben und bitten ihn, für uns und alle Lebewesen die Fruchtbarkeit aus der Höhe des Himmels in die Mutter Erde hereinzubringen für dieses Jahr.

Die Männer gehen nun daran, den Baum aufzustellen mit jeweils zwei Stangen, die sie oben zusammengebunden haben, so dass eine Gabel entsteht, mit der sie den Baum anheben. Es ist eine schwere Arbeit, man kann sehen, wie sie sich plagen! Bodo ist inzwischen zu mir gekommen, er verbeugt sich vor mir, denn ich bin ja jetzt die Maikönigin. Er hält mich bei der Hand und ich fühle mich nicht mehr so verlassen im Mittelpunkt. Als der Baum halb aufgerichtet ist, halten sie inne mit der Arbeit und sie stellen die Stangen so hin, dass er halb aufgerichtet stehen bleibt. Alle Leute gehen jetzt zu dem Loch, in dem der Maibaum zur Hälfte schon darinnen steht und sie bringen ihre Opfergaben an die Mutter Erde dar. Jeder bringt eine kleine Gabe, die sie in das Loch werfen. Ein Stück Brot, Getreide oder ein wenig Milch. Jeder, der an mir vorüber geht, verbeugt sich vor mir. Als alle geopfert haben, wird der Baum völlig aufgestellt und alle klatschen in die Hände und jubeln. Sie haben wieder einen großen Kreis gebildet und ich weiß, gleich wird Bidur kommen. Da rufen einige auch schon: "Er kommt!" Da sehe auch ich, wie die Mutter Burga ihn in den Kreis hereinbringt. Er kommt auf mich zu, reicht mir die Hand und alle klatschen wieder und jubeln und sie rufen, was für ein herrliches Paar wir sind. Wie wunderbar sieht auch Bidur aus. Auch ihn hatte man geschmückt, wenn auch nicht so wie mich. Aber der Kontrast ist wahrscheinlich sehr eindrucksvoll. Er trägt nur eine Bundhose und auf dem Haupt hat er einen riesigen Kranz von gelben Blumen, er ist ja der Sonnengott, der die Energie des Lichtes und der Wärme auf die Erde und auch in mich bringen soll. Um den Hals aber trägt er eine wunderbare silberne Kette und ich weiß, diese Kette werde ich bekommen, als Zeichen dafür, dass wir den Dienst an der Göttin und für unser Dorf getan haben und ich die Energie des Gottes empfangen habe. Ja, das Herz schlägt mir hoch, wie wir so voreinander stehen und uns an den Händen halten und das Volk jubelt.
Der Dudelsackpfeifer beginnt jetzt mit einer schnellen Weise und ich weiß, dass wir jetzt tanzen müssen, in einer Spirale um den Baum herum, immer enger werdend bis in den Mittelpunkt hinein, den der Maibaum bildet. Ich fange an, mich zu drehen, drehe mich immer weiter in großen Kreisen um den Baum herum und meine blumengeschmückten Haare fliegen um meinen Kopf. Bidur aber tanzt um mich herum, er klatscht auf die Arme und Beine und auf die Brust und sogar auf die Fußsohlen, dann wirft er sich auf die Erde, springt wieder auf und tanzt in wilden Sprüngen um mich herum. Ich aber drehe mich im Kreise, dass mir Hören und Sehen vergeht! Zusammen ziehen wir den Kreis immer enger und schließlich erreiche ich den Baum. Ich bin so schwindelig geworden, dass ich den Baum umfange, aber trotzdem sinke ich hin auf den Boden. Das Volk begleitet unseren Tanz mit Klatschen und Stampfen und es ist ein solcher Lärm, dass man nur mit Mühe den Dudelsackpfeifer hören kann. Jetzt aber hört der Pfeifer auf und die Leute jubeln uns zu. Es dreht sich noch alles um mich herum, obwohl ich auf dem Boden liege und den Baum umklammere, glaube ich, dass alles um mich herumfliegt. Auch Bidur sehe ich, wie er anscheinend um mich herumsaust, obwohl er jetzt ruhig neben mir steht. Alle Leute, die außen im Kreis um uns stehen, drehen sich, die ganze Welt dreht sich. Ich schließe die Augen, atme tief und versuche, wieder zu mir zu kommen. Ich denke, ich liege auf einer Töpferscheibe, die sich dreht und in der Mitte der Scheibe ist ein Gefäß, dieses Gefäß bin ich. Es soll angefüllt werden, damit es dann wieder entleert werden kann über die Erde hin, damit sie fruchtbar sein soll. Bidur wird mich füllen mit der Kraft des Gottes und ich bin das Gefäß. Aber wie lange würde sich diese Töpferscheibe noch drehen müssen?
Da spüre ich, wie mich jemand anhebt. Es ist Bodo, der mir hilft, wieder auf die Beine zu kommen und Burga steht neben ihm. Die Leute sind jetzt still geworden. Bodo und Burga reichen mir und Bidur einen Becher. Sie sagen, es sei der Trunk der Göttin und wir sollten trinken.

Ich trinke diesen Becher leer. Es schmeckt süß und bitter gleichzeitig und füllt meinen Bauch mit Wärme, ja meinen ganzen Körper erfüllt dieses Getränk. Sogar in die Beine und Arme fühle ich es fließen. Dann spüre ich ganz deutlich, wie es in meinen Kopf steigt und ich fühle mich plötzlich ganz leicht und beschwingt. Alles tritt ganz weit weg von mir, die Leute und die Häuser sehe ich in großer Ferne! Alles ist weit weg. "Göttin", sagt Bodo zu mir und ich höre auch seine Stimme wie aus großer Ferne, "Göttin, bitte segne unsere Felder, damit alles fruchtbar werde und der Zyklus des Lebens erfüllt wird. Segne aber bitte vorher noch die Opfertiere."


Werner


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