WurzelWerk´s
Märchen aus Avalon

Von der Frau im Wald

Tief im Harz, in den Waldschluchten am Brocken lebte eine weise Frau. Sie war schon sehr alt und hatte viele Kinder zur Welt gebracht, Menschen über die Schwelle geleitet. Sie lebte lieber allein, da war sie ungestörter. Jedoch wenn man sie rief, erschien sie immer, da man sie brauchte.

Eines Tages, es neigte sich gerade die Sonne in den späten Nachmittag, wurde die alte Frau von einem kleinen Jungen gerufen. Ein Baby wurde erwartet und die Mutter hatte es schwer.

So ging sie los, durch die Schluchten des Harzwaldes. Vorbei und mit den Findlingen plauschend, sich Rat vom Wind holend. Begleitet wurde sie von den Tieren und den Geschöpfen des Waldes, die für uns heute unsichtbar geworden sind. Deswegen hatte sie keine Angst allein zu gehen. Sie war ein Teil des Waldes, ein Teil von Mutter Erde, so fühlte sie sich nie allein.

Auf dem Weg pflückte sie Frauenmantel, Brennessel und etwas Eichenrinde. Immer wenn sie etwas nahm, gab sie etwas. Zu einer guten Beziehung gehörte sich das. Immer näher kam sie dem Dorf. Als sie am Fluss war, hörte sie drei alte Frauen reden. Sie wuschen ihre Wäsche in den Wogen des Flusses. “Diese Kräuterfrau ist sonderbar. Zwar ein Teil von uns, doch so selbständig. Fügt sich ins Dorfleben nicht richtig ein.“ Die ,die das sprach besaß eine dicke Lippe.

„Jaa..immer kommt und geht sie.
Hält sich nur an ihre eigenen Regeln.
Spricht vom Herzen weg und schweigt wenn es nötig ist.“ sprach die zweite alte Frau mit einem dicken Daumen.
Die dritte kicherte übers Wasser.
„Ja, sie ist eine komische Alte, allein im Wald.“ Die letzte hatte einen dicken Zeigefinger.
„Ich grüße euch, ihr weisen Spinnenfrauen.
Dank euch weiß ich, daß mein hartes Leben Sinn macht und ich das tue, was ich geschworen habe unter den Sternen.“
Sie verneigte sich und ging leichten Schrittes weiter.
Eine neue Erdenseele wollte wiedergeboren werden und sie musste sich beeilen.
Endlich erreichte sie das Dorf und die Hütte der Gebärenden.
Die Frau aus dem Wald begann ein Geburtslied zu singen und setzte die Kräuter zu einem stärkenden und schmerzstillenden Trunk auf.
Mit geübten Griffen und Wissen aus den Knochen holte sie ein kleines Mädchen zur Welt.
Das Kinde auf dem Arm trat sie hinaus unter das Sternenzelt.
„Ich weihe dich mit dem Licht unserer Großmutter Mond.
Dem Atem deiner Ahninnen des Waldes,
dem Wasser des Lebens,
dem Feuer des Ofens.
Sei Willkommen kleine Seele, willkommen zurück!“
Freude erfüllte das Heim der Eltern und sie aß und trank mit ihnen und warf ihnen dann noch die Geburtsrunen.

„Nautiz. Sie wird die Kraft haben Not zu wenden.
Ansuz und Eilaz. Sie wird eine große Frau auf den Wegen sein, die vor ihr beschritten wurden.
Sie wird ein Teil der Schwesternschaft der Verborgenen sein.“ prophezeite die Frau aus dem Walde. “Ich werde über sie wachen und sie lehren was ich weiß.
Wenn die Zeit reif ist und unsere Mutter mir das Zeichen gibt.“
Mit Brot und Salz als Dank verliess sie das Haus .
Auf dem Weg in den Wald zurück dachte sie an die Spinnenden.
Ob sich da die Nornen gezeigt hatten?
Egal wer es war, diese Drei waren der Urgrund und ein Teil des Ursprungs. Zuhause kümmerte sie sich noch um ihr Gemüse im kleinen umzäunten Garten.Butterte noch etwas und trug alles in ihr Buch der Geheimnisse ein.
Die Zeit verstrich.
Das Mädchen wurde zu einer Frau.
Neugierig, offen, stellte sie viele Fragen.
Gerne verbrachte sie Zeit bei der Alten im Walde.
Sie rann mit den Hirschen umher, lernte sich anzufreunden mit den Elementen und Mutter Erde.
Kein Wild im Wald war ihr fremd, weder Stein noch Pflanze mit deren Hilfe sie zu heilen wusste.
Und wie die Runen vorhergesagt hatten, fand das Mädchen ihren Platz im Lebensnetz.
Doch auch wenn unser Schicksal uns zu unserem Platz im Lebensnetz weist, so kommen neue Abenteuer und ewiges Lernen auf uns zu.
Die junge Frau begann sich auf ihren Erfolgen auszuruhen.
Bald vergass sie die Weisheit ihrer Knochen.
Vergass den Gesang im Blut, der der Gesang ihrer Ahninnen war.

Sie verlor die Lust, verliebte sich.
Doch machte diese Beziehung sie zu einer Gefangenen. Ihre Eigenständigkeit gab sie auf. Der Hirsch und die Bärin sahen nach ihr, die Raben sprachen zu ihr, immernoch. Doch wollte sie es nicht mehr hören.

Ihr Partner starb bei einem Jagdunfall, er hatte nicht auf die Gesetzte der Natur geachtet und zur Unzeit gejagt.

So war sie allein.
Mit sich und dem was ihr hinterlassen wurde.

Als ihre Lebensflamme fast verlöscht war träumte sie. Immer und immer wieder. Es war ein Ruf und sie musste ihm folgen. Sie ging zur Hütte, entschuldigte sich bei ihrer alten Lehrerin. Sie lernten zusammen zu vergeben, aber auch ihre Stärke aufzubauen. Später erbte die Frau das Buch der Geheimnisse und vergass nie mehr auf den Gesang der Sterne, des Blutes, der Knochen zu lauschen.

Bilderquelle: Veleda Alantia


Veleda Alantia
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