WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Vom Brunnen der Weisheit (Märchen aus den Nebelreichen II)

Diese Geschichte vertrauten mir die Kristalle der Hünenpforte an, während ich bei einer erneuten Seelenreise ihnen und dem Frieden, in Schatten und Licht, lauschte. Gwynn ap Nudd erzählte mir jene Teile, denen er selber beigewohnt hatte, wachend in der Erde…

In den nebelverhangenen Ländern des Nordens, wo Eis und Schnee das Leben zum Verharren brachte, ging ein einsamer Wanderer durch einen Birkenwald. Sein Gesicht war unter einer großen Kapuze verborgen. Ein Stab mit seltsamen Zeichen half ihm beim Vorankommen, denn der Weg ins nächste Dorf war lang und beschwerlich.Kalt zerrten die Winterwinde an den Gewändern des Alten. Dort in der Ferne war eine kleine Stadt. Elektrisches Licht statt warmen tanzendem Feuer empfing ihn.

Der Alte hielt Ausschau. Denn er hatte einen Grund weswegen er sich unter die Menschen wagte. Eine junge Frau suchte er, die in ihrem Inneren den Schlüssel zu Mimirs Brunnen verwahrte. Und diese Frau musste er suchen. Das alte Wissen brauchte eine neue Form und Sprache. Eine Sprache die alles berühren vermochte. Eine magische Sprache.

So ging er durch die Straßen. Die neuen Schluchten der Menschen. Glatt geschliffen und gleichmachend. Doch wusste er, daß es hier Herzen gab die den Ruf der alten Wege und Götter gehört hatten und nach den Zyklen von Ebbe und Flut und dem Jahresrad lebten. Und diese Herzen anzuleiten und zu lieben war das Kostbarste was es zu tun gab für ihn und viele andere die so waren wie er.

Der Regen verwandelte sich in Schnee und er dachte an Skadi. Diese mied bis heute die Menschen in Midgard oder offenbarte sich nur wenigen.

Während er so weiterging sandte er seine Gedanken aus. Irgendwo hier im betäubenden Licht musste jene junge Frau sein, die bereit war die Prüfungen zu bestehen und den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Eine Tochter von Erde und Wasser und eine Tochter seines Geistes. Eine Wanderin zwischen den Welten.

Doch wo war sie nur….?

Eine junge Frau ging durch die Straßenschluchten ihrer Stadt. Alles wuselte, war laut. Sie suchte eher die Stille. So ging sie in eine Kirche, wo sie immer die Energie der Göttin fühlen konnte. Stille hüllte sie ein. Ein Mann saß auf einer der Holzbänke. Bei sich trug er einen grossen Stab mit Runen verziert. Ein seltsamer Gegenstand..wobei ..auch nicht seltsamer als ihren Medizinbeutel, den sie in ihrem Rucksack von Ort zu Ort trug. Der Alte sah sie an. Ein Auge voll unausprechlicher Traurigkeit und Tiefe. Das andere…nun es gab kein anderes.

Statt Angst ging die junge Frau zu ihm hin. Setzte sich neben ihn. Ein Duft von Met und Feuern ging von ihm aus, von nassem Laub auch. “Tochter dich habe ich gesucht. Ich muss dich bitten etwas zu wagen was nur ich einmal wagte. Finde den Schlüssel zum Brunnen der Weisheit der tief verborgen an den Wurzeln des Weltenbaumes liegt.” Die junge Frau blickte ihn unerschrocken an auch wenn ihr Herz vor Angst bebte. Sie sollte das verbringen?  Wie? Sie war nur ein Mensch. Doch hier..an diesem uralten Ort, wo die Kraft der Göttinnen aus der Erde in sie strömte, fand sie in sich den Mut und sagte dem fremden Einäuigen Ja.

Er sagte ihr, daß er ihren Mut schätzte und daß er sie nur bis ans erste Tor führen durfte. So nahm er ihre Hand und ging mit ihr zu einem kleinen Becken, das die Form eines Auges hatte.

“Lass es einfach geschehen Tochter. Keine Angst. Auf der anderen Seite wirst du jene finden die dich so lange begleiten. Von Leben zu Leben.”Ein Rabenschrei von draussen und der Wanderer war fort. Bebend stand sie da. Das Becken schien grösser zu werden. Es wurde zu einem Tor und immer weiter bis sie ganz vom Wasser umgeben war. Sie erinnerte sich an die alten Sagen und sanft berührte das Wesen des Wassers ihr Herz. Sie fühlte. Floss mit dem Rhythmus des Mondes. In ihrem Bild spiegelten sich die Sterne.

Plötzlich fühlte sie Wurzeln und sie zog sich daran raus. Ein Hain erstreckte sich vor ihrem Blick. Über dem Wald standen die Sonne und der Mond. Unsicher, aber voller Vertrauen ging sie vorwärts. Ein Rascheln im Geäst. Ein wilder Duft. Hatte der Wanderer nichts von Verbündeten gesagt? “Helft mir…ich brauche euren Rat und Weisung.” flüsterte sie zu Sonne und Mond hinauf.

Und die Gestirne der Nacht und des Tages erhörten sie. Aus der Dunkelheit flog eine Eule auf sie zu, setzte sich vertrauensvoll auf ihre Schulter. ”Lang habe ich auf dich gewartet. Du und Ich wir sind eins. Verbunden durch alle Zeit.” sagte sie mit einer Stimme, die nur in ihrer Seele erklang.

Gemeinsam schritten sie durch den Wald. Bis sie in einer Waberlohe gefangen waren. Die Flammenwände waren wie ein Kreis um sie geschlossen. Über den beiden, Eule und Frau flog ein riesiger Schatten der landete. Augen wie Lava und Schuppen von Rubin und Schwarz . Ein Drache. Die junge Frau dachte nicht daran ihrer Angst zu erliegen. So blickte sie ihm ruhig in die Augen.

“Grosser Drache, ich bitte dich, hilf mir hier heraus. Ich kam nicht eigennützig hierher. Der graue Wanderer schickte mich auf Fahrt den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Bitte hilf uns und wir werden weiterziehen!”

Ihre Hände auf ihr Herz gelegt vergingen mehrere Minuten ehe der Herr des Feuers antwortete. Mit einer Stimme wie eine bronzene tiefe Glocke sprach er: ” Ich habe dich geprüft Kind der Erde. Dein Wille und Herz ist rein. Du darfst dich Freundin der Drachen nennen und auf meinem Rücken bringe ich euch zur letzten Prüfung. Denn zwei habt ihr bereits erfüllt.”

Die Lohe pustete er sanft aus und das Mädchen kletterte auf den Drachenrücken. Sie hielt sich voller Vertrauen fest.

Der Drache flog mit ihnen in eine Schlucht. Nur Dunkelheit und Stille herrschte da. ”Dies ist das Tal der Ängste, das den Brunnen umschliesst. Gehe hindurch und egal was du siehst oder hörst, verlier nicht den Mut und sag kein Wort.”

Dann verschwand ihr neuer Freund und die junge Frau war mit Eule allein. Doch wusste sie instinktiv das der Drache und sein Feuer immer in ihrer Seele sein würden. Wie die Ruhe des Waldes…das Fliessen des Wassers. So ging sie also hinein und völlige Schwärze umfing sie.

Bis die Stimmen wie in einem Sturm losbrachen. Stimmen die sie verhöhnten. Ihr hässliche Namen gaben. Daß es sinnlos sei was sie tue und sie wertlos und hässlich sei.

All dies stürmte auf sie ein und sie biss sich auf die Lippen während sie sich auf den steinigen Boden sinken ließ.

Immer lauter dröhnte es und es sah aus als hätte sie aufgegeben. Doch sagte sie sich innerlich, daß sie den Schutz…die Weisheit…den Mut und die Kraft in sich hatte. So rappelte sie sich auf und ging weiter. Erhobenen Hauptes und mit Tränen in den Augen zwar, doch stolz. Sie hatte es überstanden und würde alles überstehen. Ihr Ziel war klar.

Aus der Dunkelheit tauchten riesige Wurzeln auf. Und da drin standen drei webende Frauen.

“Der Schlüssel zum Schloss ist erschienen. Durch die Prüfungen wurde sie geschmiedet. “ wisperten die verhüllten Göttinnen. Die erste wandte sich ihr zu. ”Durch die Vergangenheit gegangen um den Mut zu finden.”

Die zweite sagte etwas gegenwärtiger. ”Durch die Gegenwart gestärkt ist sie. Sie die Freundin der Drachen.”

Als die letzte sich zu ihr umdrehte erklang ihre Stimme wie aus einem Grab. ”Durch die Nacht ihrer eigenen Seele ist sie geschritten.”

Und sie sah, daß ein Brunnen da war. Das Wasser schwarz und ölig wirkend. Ranken wuchsen darum, vergifteten das Wasser. Mit der Kraft des Feuers in ihr zerschnitt sie es und der Baum des Lebens konnte um Yule neue Blüten und Knospen tragen.

Etwas zog sie dann zurück und sie erwachte wieder in der Kirche, unter dem Bild der Göttin. Doch war sie innerlich verwandelt. Ab und zu begegnete sie den Göttern und Göttinnen auf ihren Weg.


Ende


Veleda Alantia
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