WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Geschichten aus den Nebelreichen - Das Lied der Banshee

Diese Geschichte erzählte mir meine Freundin, die Banshee..-
Jedes Jahr zu Samhain sitzen wir ein paar Tage zusammen.
Teilen Met und Brot und erneuern unsere Freundschaft.
Folgendes vertraute sie mir an einem nebeligen Morgen an…

Vor Urzeiten wurde aus Erde und Wasser und der sanften Wärme der Herbstsonne die Banshee geboren. Mit ihr wurden noch acht weitere Schwestern aus Nebel erschaffen. Das Geschenk, das sie von der alten Göttin erhielten war die Kraft ihrer Stimme. Da ihre Erscheinung flüchtig war konnten sie bei dem Menschen weilen und wenn ihre Zeit, durch die Schere der Norne, in diesem Leben endete, so begleitete sie die Totenklage der Banshee in die Anderswelt.

Doch gab es einst eine Banshee, die die Menschen nicht nur betrachten wollte. Sie wollte mit ihnen sein. Die Sonne fühlen, zu der Musik tanzen und lachen und lieben.

So ging sie ans Meer. Der Wind ließ ihre Gewänder wie Nebelfahnen aussehen. Ihre Schwestern sagten, daß sie hier Hilfe bekäme. Doch schien sie ganz allein. Sie brauchte Hilfe um ihre Sehnsucht zu stillen!

“Hör mich, du tiefe See! Ich brauche deine Hilfe!”

“Ich habe gehört.” Ein Mann mit den Augen der Nordsee, farblich zwischen sturmgrau und grün schwankend, stand vor ihr. Er war alterslos, doch waren seine Augen uralt. Die Banshee sank nieder. Der Mann lächelte. Hob sie auf.

”Ich habe den tiefen Wunsch gehört. Ich werde ihn dir gewähren doch wisse, daß Leid dich begleiten wird.”
“Das ist mir gleich, unerwarteter Gott. “
So nickte er und verwandelte ihre Gestalt, so dass sie aus Fleisch und Blut war.
”Geh nun..doch höre die Bedingung. Kein Mensch darf deinen Gesang vernehmen. Denn das grosse Lied darf nicht durch dein Fehlen verändert werden. Zu jedem Neumond solltest du alleine singen dürfen. Kein Mensch darf dich hören. Tut er das verlierst du deinen Körper.” sagte der Gott sanft aber mit Melancholie. Er erahnte den  Fortgang.

Die Banshee dankte ihm dafür und begab sich in die Stadt am Meer. Mit ihrer aussergewöhnlichen Art, der schlichten Schönheit aus dem Inneren und ihrem Geschichtenreichtum die sie aus der Anderswelt mitgebracht hatte, war sie bald ein wichtiger Teil des Lebens der Menschen. Doch ..bald verlief ihr Leben anders. Sie verliebte sich und heiratete einen Menschenmann. In der Weihenacht hatte sie ihn gebeten ihr zu jedem Neumond ihre Zeit allein zu lassen und sie nie zu fragen warum.

Im ersten Jahr konnte die Banshee zu jedem Neumond mit ihren Schwestern singen und das grosse Lied webte das Gleichgewicht von Leben und Tod.

Im zweiten Jahr wurde ihr Mann misstrauisch. Seine Frau verschwand nächtelang. Spurlos. Keiner konnte sie finden.

Im dritten Jahr reichte es ihm. Statt sich um die Familie zu kümmern und um ihn, ihren Herren, war die Banshee draussen. Bei Nacht und Nebel am Meer. Dort hatten manche der Stadtbewohner sie gesehen. Allein mit dem Nebelreich, den Elementen.

Eines Nachts, die Kinder schliefen, folgte er ihr zum Strand. Ein Lied flog mit dem Wind, rauschte in den Wellen, ruhte im Stein. Dort war seine Frau und sang! Doch sang sie nicht allein. “Hier bist du, Hexe! Beschwörst du den Sturm herauf, der die Fischer zum Kentern bringt?!” Unbedacht hatte er diese Worte gesprochen, doch waren sie gehört und nicht zurückzunehmen.

Mit traurigem Blick sah die Banshee zu ihrem Mann während ihr Fleisch sich nach und nach zum Nebel verwandelte. Fleisch zu Geist wurde.

Der unerwartete Gott mit den Meeraugen tauchte als Silhouette hinter ihr auf. Legte mitfühlend die Hand auf ihre Schulter.

“Durch deine eigene Unsicherheit hast du das beendet. Ich werde unsere Kinder ihr Leben lang begleiten. Doch Mensch werd ich nicht mehr werden können."
Und die Banshee wurde zu Nebel.

In der Anderswelt begrüssten ihre acht Schwestern sie. Sie hatten sie vermisst und teilten ihr Leid.

Die Kinder wurden erwachsen, gründeten selber Familien.
So ist es, daß das Blut des Anderweltlichen und Fernen sich in vielen Menschen dieser Zeit bewahrt hat.

Ende

Bilder: Veleda Alantia

 


Veleda Alantia
Das Märchen vom Glücksstein     02.06.2018
Das Märchen von der Rabin und der Eule (oder den zwei Schwestern) - Die
Geschichte von der Mondperle
    05.05.2018
Märchen aus den Nebelreichen III - Das Märchen von der verwunschenen Burg     28.04.2018
Tee trinken / Im Café     14.04.2018
Märchen aus Avalon - Von der Frau im Wald     24.03.2018
Märchen aus Avalon - Die Geschichte von der Verzauberung     17.03.2018
Vom Brunnen der Weisheit (Märchen aus den Nebelreichen II)     30.12.2017
Geschichten aus den Nebelreichen - Das Lied der Banshee     09.12.2017
Die Geschichte der AllRaunenFrau     28.10.2017
Samhain-Märchen     07.10.2017
Die Geschichte von der Tiefe     19.08.2017
Von den drei Kräutern (Märchen aus Avalon 9)     15.07.2017
Märchen von der hell und dunklen Nymphe     01.07.2017
Von der Magie     10.06.2017
Märchen aus Avalon     29.04.2017
Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil II     21.03.2015
Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil I     07.03.2015
Ein Märchen zu Imbolc - Teil II     05.04.2014
Ein Märchen zu Imbolc - Teil I     15.03.2014
Eine Lughnasadhgeschichte - Teil II     14.09.2013
Eine Lughnasadhgeschichte     24.08.2013
Teufelsstein - Teil II     16.08.2008
Teufelsstein - Teil I     09.08.2008
Das Sonnenkind - Teil II     22.12.2007
Das Sonnenkind - Teil I     08.12.2007
Sternensplitter - Teil II     01.12.2007
Sternensplitter - Teil I     24.11.2007
Wie der Schnee entstand - Teil III     05.05.2007
Wie der Schnee entstand - Teil II     28.04.2007
Wie der Schnee entstand - Teil I     21.04.2007
Kreise - Teil III     07.04.2007
Kreise - Teil II     31.03.2007
Kreise - Teil I     24.03.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil II     27.01.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil I     20.01.2007
Die Adventmadonna     30.12.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil III     30.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil II     23.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil I     16.09.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil II     01.07.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil I     24.06.2006
Pauli der Zauberer - Teil II     27.05.2006
Pauli der Zauberer - Teil I     20.05.2006
Morganes Erinnerungen - Teil V     18.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil IV     11.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil III     04.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil II     28.01.2006
Morganes Erinnerungen - Teil I     21.01.2006
Weihnachten an der Grenze - Teil II     31.12.2005
Weihnachten an der Grenze - Teil I     24.12.2005
Der Baum des Lebens - Teil II     06.08.2005
Der Baum des Lebens - Teil I     30.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil II     09.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil I     02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     11.06.2005
Sternenbäume - Teil I     28.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil II     21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     12.03.2005
Die Geschichte von den Heidelbeeren     26.02.2005
Märchen von uns – für euch     12.02.2005





              
                   
              



    

© WurzelWerk · 2001-2018