WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil I

Henning Kruse, Eigner und Kapitän der Brigg „Rote Nelly”, war froh auf ihrer Fahrt nach Boston einen zahlenden Passagier an Bord nehmen zu können. Bei der „christlichen Seefahrt”, wie die Handelsschiffahrt damals im Gegensatz zur Kriegsmarine gemeinhin genannt wurde – musste man mit jedem Groschen rechnen. Die meisten Kajütsfahrgäste, die eine Atlantik-Überquerung buchten, zogen große Segler vor, oder eines dieser neumodischen Dampfschiffe. Die waren bequemer und schneller als ihr bescheidener Zweimaster. Anderseits war die Passage auf der „Roten Nelly” billiger als die in der zweiten oder dritten Klasse auf dem Cunard-Dampfer „Britannia”, von der Salonklasse gar nicht zu reden – und zusammengepfercht im Zwischendeck, wie die Scharen der Auswanderer und Glückssucher, wollte der ehrwürdige Herr Pastor Lehmann die lange Reise über den Ozean gewiss nicht verbringen.
Kapitän Kruses Männer – auf der Brigg fuhren, ihn selbst eingeschlossen, 16 Mann – sahen das etwas anders. Sie waren ohne jeden Zweifel gute und eifrige Christen, doch in der Bibel stand nirgendwo, dass es ihnen verboten sei, der felsenfesten Überzeugung zu sein, dass Pfaffen an Bord eines Schiffes nichts als Unglück brächten. Dagegen zitierte sie gern die Stelle aus dem Alten Testament, in der ein Schiff durch einen gewaltigen Sturm in Seenot geraten war. Der Prophet Jonas wurde als Verantwortlicher entlarvt, und schlug sogar selbst vor, sich ins Meer werfen zu lassen. Nachdem die Männer Jonas über Bord geworfen hatten, hörte der Sturm auf.

Der Ärger fing schon in der Nordsee an, als Cuxhaven gerade hinterm Horizont verschwunden war. Ein schöner Tag, fanden die Matrosen, nachdem sie alle Segel der „Roten Nelly” gesetzt hatten. Fast wolkenloser Himmel, die sonst so graue Nordsee tiefblau wie die Karibik, und ihre brave Brigg machte bei einer flotten Backstagsbrise ihrer ehrlichen neun Knoten Fahrt. Außerdem war heute Donnerstag, und wie jeden Donnerstag gab am Nachmittag echten Bohnenkaffee und den von Jan, dem Smut, frisch gebackenen Butterkuchen.
Da das Wetter so schön war, nahmen alle Mann ihren Kuchen gemeinsam an Deck ein.
„Auch 'n Stück, Herr Pastor?”, fragte Jan und hielt dem Geistlichen das nur noch halbvolle Kuchenblech hin. „Wenn Sie Kaffee möchten, schnappen Sie sich 'ne Muck”, erklärte der Schiffskoch und wies mit seinem mächtigen Kinn in Richtung eines Tabletts, auf dem einige Becher und eine große Metallkanne standen.
„Danke, gerne!” Pastor Lehmann griff zu und goss sich auch einen Kaffee ein – nur halbvoll, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil er fürchtete, sonst das kostbare heiße Getränk zu verschütten. Das Schiff lag zwar, wie Kapitän Kruse sagte, „wie ein Brett im Wasser”, aber der Geistliche hatte das Gefühl, dass es ein ziemlich wackeliges Brett war.
„Darf ich fragen, ob es einen besonderen Anlass dafür gibt, dass Kaffee und Kuchen serviert werden?”
„Das dürfen Sie!”, antwortete der Smut. Dann schwieg er. Als ihn der Pastor nach fast einer Minute fragend ansah, erbarmte sich Jan und erklärte: „Heute ist Donnerstag. Seemannssonntag.”

Gegen Abend trat Pastor Lehmann an den Kapitän heran, der gerade an der Leereling des Achterdecks seine Pfeife rauchte.
„Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Kapitän?”, erkundigte sich der Geistliche, und als der Kruse bedächtig nickte, stellte er seine Frage: „Was hat es mit diesem Seemannssonntag auf sich?” Etwas spitzer, als er es beabsichtigt hatte, fügte er hinzu: „Ich dachte immer, es gäbe nur einen Sonntag, den Tag des Herrn!”
Kapitän Kruse schob seine Pfeife in den Mundwinkel und antwortete:
„Der Seemannssonntag – tja, das ist eine ganz alte seemännische Tradition. Am Donnerstag gibt es für die Besatzungen ein besonders gutes Essen, vergleichbar einem Sonntagsessen. Und am Nachmittag Kaffee und Kuchen.”
„Warum dann ausgerechnet am Donnerstag?”
Der Kommandant der „Roten Nelly” blickte auf die schäumende Hecksee seines Schiffes, als ob dort irgendwo die Antwort geschrieben stände.
„Dazu gibt es mehrere Überlieferungen”, brummte er schließlich. „Ich bin mal als Steuermann auf einem dänischen Vollschiff gefahren. Die Dänen meinen ja, den Brauch hätte es schon damals bei den alten Wikingern gegeben.” Er sog an der Pfeife und blies eine mächtige Rauchwolke aus, die rasch nach Lee abdriftete. „Bei den Dänen heißt der Donnerstag Torsdag, Tag des Thors. So wie uns Christen der Sonntag heilig ist, so war den alten Heiden, von denen dieser Brauch stammt, der Donnerstag heilig.”
„Danke für die Auskunft”, sagte der Geistliche etwas pikiert und verließ das Achterdeck.

An den folgenden Tagen, während das Schiff bei gutem Wind dem Ärmelkanal entgegenstrebte, sprach Pastor Lehmann recht wenig und blickte säuerlich drein. Das war allerdings weniger auf die abweisende Art der Besatzung zurückzuführen, als auf die Bewegungen der Brigg in der nun doch ein wenig unruhigen See. Der Geistliche war schlicht und einfach seekrank.

Am Sonntag hielt Pastor Lehmann auf Bitten des Kapitäns eine kurze Andacht ab. Der Geistliche hatte das dumme Gefühl, dass er tauben Ohren predigte. Irgendwie war ihm so, als ob er unter lauter heidnische Wikingerkrieger geraten wäre, allen Lippenbekenntnissen der rauen Seeleute zum Trotz.
Nach der Andacht sprach er Kruse mit aller Autorität, die er als studierter Theologe und erfahrener Gemeindepfarrer aufbringen konnte, darauf an.
„Meine Männer sind, wie die meisten Seeleute, ein wenig abergläubisch”, erklärte der Kapitän, als der Geistliche seinen mit vielen Bibelzitaten gewürzten Monolog zum tief Luftholen unterbrechen musste. „Und sie hängen an ihren alten Bräuchen. Das sollten Sie nicht so schrecklich ernst nehmen.”
„Das sollten Sie aber, Herr Kapitän! So ganz bin ich mir leider nicht sicher, dass es Ihnen mit Ihrem Glauben ernst ist. Das Schiff gehört doch Ihnen selbst?”
„Ja”, sagte Kruse stolz. „Ich bin Eigner der ,Roten Nelly´.” Er hatte Jahre darauf gespart, und würde noch Jahre an der Schiffshypothek zu zahlen haben.
,Rote Nelly´”, sinnierte der Pastor. „Woher kommt eigentlich der Name?” Der Geistliche musste bei diesem Namen unwillkürlich an ein gottloses Sozialistenweib denken, was andererseits nicht zum sehr hanseatisch-bürgerlich, fast vornehm, wirkenden Kapitän passen wollte.
„Nelly – das war eine Piratin gewesen, damals, in der großen Zeit der Kaperfahrer, so gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Ich habe als Junge gerne Seeräubergeschichten gehört oder gelesen, von Störtebeker, Captain Morgan, Schwarzbart – ja, und auch von der Roten Nelly.” Ein leichtes Lächeln überzog sein sonst so beherrschtes wettergebräuntes Gesicht. „Ohne diese Geschichten wäre ich vielleicht nie zur See gefahren, und als ich dann endlich mein eigenes Schiff hatte, erinnerte ich mich daran.”
„Ich finde, der Name Ihres Schiffes passt nicht so ganz zur christlichen Seefahrt.”
Der Seemann ärgerte sich über den unverschämten Pastor und konnte auf einmal die Ansicht seiner Leute verdammt gut verstehen. Er übertünchte seinen Ärger – immerhin war dieser Lehmann zahlender Passagier – mit einem müden Scherz: „Ja, das wäre wohl unchristliche Seefahrt gewesen, was die Nelly da betrieb!”

Aber ein wenig zum Grübeln brachten die Ausführungen des Herrn Pastor ihn dann doch. Obwohl Kruse sich normalerweise darüber erhaben wähnte, gestand er sich in dieser Situation ein, dass sein Weltbild gar nicht so verschieden von dem eines einfachen Janmaaten war. Aber heidnisch? Von wegen!
Was ist schon dabei, den einen oder anderen alten Brauch zu pflegen? Es konnte ja nicht schaden, vor Antritt der Fahrt einen Schluck für … Moment mal, er hatte einem heidnischen Gott, Neptun, geopfert! Oder am Mast kratzen, um den Wind hervorzulocken … diese Form des Gebetes gilt bestimmt nicht dem dreieinigen Gott!

Pastor Lehmann wusste nicht, dass die rothaarige Piratin es fertig gebracht hatte, sich selbst, wenn auch wohl nicht im Ernst, „Hexe” zu nennen. Deshalb trug ihre „Rote Nelly” eine rothaarige, auf einem Besen reitende Hexe als Galionsfigur am Bug. Eine nackte Hexe, fügte Kapitän Kruse im Gedanken hinzu. Zwar nur aus Holz geschnitzt, aber bestimmt nicht das, was der Herr Pastor mit Wohlgefallen sehen würde. Zum Glück hatte Lehmann, kaum Gelegenheit gehabt, sich die Bugzier ihrer schmucken Brigg genau anzusehen, als er in Hamburg an Bord gekommen war – und vom Deck aus war die Hexe nicht zu erkennen. Es sei, von ganz vorn auf der Back aus, aber da hatten Passagiere nichts zu suchen.
Immerhin, Nelly, die Seeräuberin, hätte mit dem Teufel jeden Bund geschlossen. Aber halt, die Vorstellung vom Teufelsbund war Aberglaube, soviel verstand der Seemann dann doch von Theologie.
Jedenfalls waren die Männer abergläubisch, und sie waren sich alle mehr oder weniger sicher, dass im Jenseits keine Engelchen mit goldenen Flügeln auf sie warten würden.


Ende Teil I

Worterklärungen:
Brigg - zweimastiges Segelschiff mit Rahsegeln an beiden Masten.
Rahsegel - rechteckiges oder trapezförmiges Segel, das an einem Rah genannten Rundholz geführt wird.
Cunard-Dampfer – Die „Cunard Line” ist eine britische Reederei, die ab 1840 den ersten regelmäßigen Passagier-Liniendienst mit Dampfschiffen über den Atlantik aufnahm.
Zwischendeck – in den Frachtraum eingezogenes Deck. Auf Passagierschiffen: das unterste Fahrgastdeck, Billigklasse ohne Komfort.
Backstagsbrise – Frischer Wind von achtern (hinten).
Knoten – Seemeile pro Stunde. 1 kn = 1,852 km/h.
Smut, Smutje – Schiffskoch (aus dem Niederländischen, wörtlich „der Schmutzige”).
Muck – (von engl. mug): Becher mit Henkel, Häferl.
Leereling – die in Lee (der windabgewandten Seite) des Decks gelegene Reling (Geländer).
Vollschiff - Segelschiff mit drei oder mehr Masten und Rahsegeln an allen Masten.
Achterdeck – hinteres offenes Deck eines Schiffs. Auf Segelschiffen oft erhöht, dient u. A. als Kommandozentrale.
Janmaat – Matrose, auch: Bordkamerad.
Back - Aufbau auf dem Vorschiff. Aus Sicherheitsgründen darf die B. in der Regel nur von Mannschaftsangehörigen betreten werden.


MartinM
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