WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Cerri Lee hat sich selbst die Aufgabe gestellt, das Schreiben zu üben, und sich entschlossen, mit einem kurzen Stück zu jeder Umdrehung des Jahresrades den Anfang zu machen. Sie hat uns diese erste Geschichten fürs WurzelWerk gespendet und Anufa hat sie für Euch übersetzt.

Lughnasadh ist somit mein Startpunkt, die erste Ernte, obwohl ich gleich zu Beginn sagen muss, dass ich mich nicht für den überschwänglichen Gebrauch an Adjektiven entschuldigen werde. Ich habe den ganzen Nachmittag Terry Pratchett gelauscht und er verwendet Eingenschaftsworte sehr freizügig. Da ich seine Geschichten liebe, geschieht das also zum Teil quasi zu Ehren von Herrn Pratchett, der mich immer wieder inspiriert und unterhält.


Eine Lughnasadhgeschichte


Bild: © Cerri Lee

Teil II

Seine Worte hatten einen wehmütigen Unterton, die Gerste schien zustimmend zu flüstern und wie um die Stimmung noch zu unterstreichen, schickte eine Krähe ihren tiefen, krächzenden Ruf quer über das Feld.

„Sie werden für dich singen, alter Freund. Ja das werden sie! Da kamen drei Männer aus dem Westen um ihr Glück zu suchen …“ Sang er mit belegter Stimme. „Ich liebe dieses Lied, und wie ich das tue,“ lachte er.

„Aber das ist kein Lied für mich -  oder John? Kein Lied für mich.“ In seinen Worten lag keine Verbitterung. „Das macht mir nichts aus, wirklich es macht mir nichts aus. Ich liebe meine Zeit hier und ich mag dich. Genauso wie du, werde ich nächstes Jahr wieder zurück sein. Obwohl es mir schon gefallen würde, wenn sie meinen Knopf wieder annähen und vielleicht sogar diese Hosen ein wenig flicken würde. Verdammte Mäuse haben dieses Jahr eine schöne Wirtschaft aus ihnen gemacht, aber wirklich.“

„Beeil´ dich Papa, Ich möchte den alten Charlie wiedersehen.“ Das schmuddelige Kind lief vor seinem Vater her, der durch die Gerste ging, deren Ähren befühlte und daran roch.

„Ich komme ja schon; der alte Charlie geht sowieso nirgendwohin, oder?“ Rief er und setzte seinen gemächlichen Gang durch das Feld fort. Er nahm sich gerne die Zeit, sog die Atmosphäre tief in sich auf, das goldene Licht, den Duft der Gerste und der aufgeheizten Erde. All das ließ sein Herz singen.

„Beeil dich“, verlangte das ungeduldige Mädchen. Ihr Vater lachte und schaute, wohin sie gegangen war. Er blickte in Charlie´s Richtung und beobachtete wie sich die Gerste unter dem Ansturm der stabil gebauten und sehr bestimmten Sechsjährigen bewegte.

„Schau, Papa, da sind schon wieder Mäuse in seine Taschen eingezogen. Wir müssen Mama sagen, dass sie sie wieder näht.“ Das Mädchen schaute einen Moment zu Charlie auf, drehte sich dann um und warf ihre Arme um die Beine ihres Vaters.

„Wir werden ihn nächstes Jahr wieder neu machen, nicht wahr, Papa?“ mit fast anklagendem Gesichtsausdruck.
„Natürlich,“ bestätigte er, „man kann John BarleyCorn nicht allein in ein Feld stellen, das wäre nicht richtig!“

„Und wir werden ihn wieder verbrennen, wenn die Felder abgeerntet sind, wie jedes Jahr?“ Sie schaute ihren Vater so ernsthaft an, dass der nicht lachen konnte.

„Du weißt doch, dass wir das so machen. Er muss doch unsere Nachrichten und Geschenke mitnehmen, nicht wahr?“
Der Bauer sprach weiter: “Das ist, was wir auf unserem Bauernhof schon immer gemacht haben. Wenn man etwas verspricht, dann hält man das auch. Besonders gilt das für diejenige, die uns mit Essen und Heimat versorgt. Es macht keinen schlanken Fuß Sie traurig zu machen, weil wir unser Versprechen vergessen haben. Wir schauen darauf, dass dieser Hut und das Gewand schön sauber gemacht und für nächstes Jahr wieder geflickt werden, aber der Rest von ihm endet im Lammasfeuer. Dieses Jahr habe ich entschieden, dass ich für ihn ein Lied schreiben werde um ihn auf den Weg zu schicken. Nun komm, lass uns zurück gehen! Mama hat sicher schon bald die Jause auf dem Tisch, und ich bin am Verhungern. Beeil dich!“

Der alte Charlie beobachtete, wie das Paar durch das Feld zurück lief. „Mein eigenes Lied, was? Na das schaut gut aus, hast du das gehört, John? Ich werde doch noch ein Lied bekommen!“

Eine fette Taube flog tiefer und landete auf seinem Arm, der unter der Last quietschte. Der Vogel beobachtete das Feld, „Du kannst dich verziehen und das schnell“ sagte der alte Charlie.


Cerri Lee
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