WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Cerri Lee hat sich selbst die Aufgabe gestellt, das Schreiben zu üben, und sich entschlossen, mit einem kurzen Stück zu jeder Umdrehung des Jahresrades den Anfang zu machen. Sie hat uns diese erste Geschichten fürs WurzelWerk gespendet und Anufa hat sie für Euch übersetzt.

Lughnasadh ist somit mein Startpunkt, die erste Ernte, obwohl ich gleich zu Beginn sagen muss, dass ich mich nicht für den überschwänglichen Gebrauch an Adjektiven entschuldigen werde. Ich habe den ganzen Nachmittag Terry Pratchett gelauscht und er verwendet Eingenschaftsworte sehr freizügig. Da ich seine Geschichten liebe, geschieht das also zum Teil quasi zu Ehren von Herrn Pratchett, der mich immer wieder inspiriert und unterhält.


Eine Lughnasadhgeschichte


Bild: © Cerri Lee

„Wenn Du hier lange genug stehst, dann zieht das ganze Leben an dir vorbei“ verkündete er weise zu niemand bestimmten.
Die goldene Gerste wogte sanft im lauen Lüftchen. Jedes einzelne der bärtigen Köpfchen nickte in dem, was zumindest ihm als gemeinschaftliche Zustimmung erschien. Eine große Libelle schwirrte vorbei und überflog dabei die Spitzen der Gerste.

„Nun, zumindest schauen sie dieses Jahr ganz gut aus," sagte er zur Welt ganz generell. „Das waren für sie schon ein paar ganz schön harte Jahre. Nunja, eigentlich waren sie das für alle, könnte ich schwören. Ich weiß nicht, die Sommer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“ Er sinnierte weiter, in der altbewährten Fasson alter Männer, die überall an den Gartenzäunen lehnen.

„Ich erinnere mich an eine Zeit als „Sommer“ hieß, Wärme und Sonnenschein, lange Tage, Kinder, die durch die Felder laufen und das fröhliche Geräusch der Bienen, die durch die Ernten summen. Heutzutage scheint das ein endlos langer Winter zu sein, mit einer kurzen Pause für den Regen anstatt des Schnees!“ Wenn er seinen Kopf kummervoll schütteln hätte können, er hätte es getan.

Die Gerste nickte weiter gedankenschwanger und die Sonne brannte auf das Feld.

„Ganz zu schweigen davon,“ setzte er ungezwungen fort, „dass es eine Zeit gab, zu der die Felder nicht so groß waren und das Wetter genauso sonderbar wie letztens war. Ich glaube sie nannten das die „kleine Eiszeit“. Schneewechten bis zu den Achseln gab es da. Für mich schaut es ja so aus, als ob sich die Wettermuster auf lange Sicht so schnell wie die Unterhosen im Puff bewegen würden, nicht dass ich so viel über Puffs wüsste,“ sagte er und kicherte.

Spitz sagte Gerste nichts zu diesem Thema.

Ein Paar Feldlerchen stiegen aus dem Feld auf und begannen ihren unaufhörlichen Gesang. Sie flitzten hierhin und dorthin, landeten hier auf einem Pfosten und dort auf einer größeren Pflanze, stiegen dann wieder auf um das wilde Lied erneut aufzunehmen.
„Welches Wildschwein hat die denn gebissen?“ grübelte er nach.
Wenn es möglich gewesen wäre, dann hätte er seinen Hals gestreckt um einen besseren Blick in die Gerste zu haben. Anstatt dessen ließ er sich aber auf ein Ratespiel ein, wer denn das kleine Paar so gestört haben könnte. „Es könnte ein Hermelin gewesen sein oder vielleicht ein Wiesel. Es könnte aber auch eine Katze vom Bauernhof gewesen sein, die herumstreicht und ihr Unwesen treibt.“

Die Vögel schienen sich nach einer Weile zu beruhigen und gemütlich wieder das zu tun, was Feldlerchen eben so tun.
„Oh, was auch immer es gewesen sein mag, es wurde ihm zu langweilig, und es hat sie in Ruhe gelassen. Nun ja, dann ist wohl mein bisschen Drama für heute erledigt,“ schnüffelte er untröstlich.

Zeitgleich bummelte eine Katze aus der Gerste und blieb vor ihm stehen. „Ah, du warst das also, nicht wahr?“ sagte er. Die Katze schaute auf, beäugte ihn misstrauisch, setzte sich dann hin und putzte sich die Pfoten und das Gesicht.
„Ich hoffe, du hast keines von diesen kleinen Küken ermordet,“ sagte er vorwurfsvoll zu der sich putzenden Katze. „Ich habe sie die ganze Zeit über aufwachsen sehen und habe die kleinen Bengel lieb gewonnen.“

Die Katze ignorierte ihn und begann sich besonders beflissentlich zu putzen bevor sie aufstand und mit einem verächtlichen Schnalzer ihres perfekt gepflegten Schwanzes, der in seine ungefähre Richtung ging, davonstolzierte.
„Allerliebst!“ dachte er.

Die Sonne stand hoch am Himmel. Schatten gab es fast keinen. Die Luft stand still und hinterließ die Gerste fast bewegungslos.

„Ich bin froh über diesen Hut, der die Sonne abhält. So ramponiert und zerrissen er auch sein mag. Es hat aber nie einen besseren gegeben als ihn. Hatte ihn jahrelang. Und auch die alte Jacke, sogar wenn die Knöpfe ein wenig Aufmerksamkeit gebrauchen könnten. Einer hängt nur mehr an einem Faden. Sie hält immer noch das Schlimmste vom Wetter draußen.“ Er beurteilte seine Kleidung mit einigem Stolz.
„Ich wage zu behaupten, dass einige vermuten es wäre wohl zu schlecht zum Anziehen, aber für mich reicht das hier für die Feldarbeit.“

Der schwüle Nachmittag zog sich hin, die Schatten wurden länger und er beobachtete, wie das Licht einen orangen Ton annahm und in die goldene Gerste strahlte.
„Du bist so weit, alter Freund. Ich kenne die Farbe in deinem Bart. Du und ich, John, du und ich, wir werden diesen langen Weg gemeinsam gehen.“


Ende Teil I


Cerri Lee
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