WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Teufelsstein   Teil II

„Nun, was habt ihr mir mitgebracht?“ fragt sie mit dunkler, Ehrfurcht einflößender Stimme, „könnt ihr euch freikaufen, oder dient ihr mir sieben Jahre?“ Alle kramen in ihren Rucksäcken und befördern mehr oder weniger dicke Geldbörsen ans Licht des Feuers. Sie wollen doch keine Spielverderber sein, selbst nicht bei einem derart seltsamen Scherz. Die Alte aber, was tut sie? Streicht sie zufrieden den leicht verdienten Obolos ein? Oh nein! Das Spiel geht weiter. Sie erhebt sich, ihr Schatten scheint sich im flackernden Schein des Feuers bis zu den Sternen zu dehnen. Ihre Donnerstimme muss weit bis in die Ortschaft zu hören sein:

„Gewürm“, brüllt sie, „glaubt ihr, ich lasse mich mit diesen lächerlichen Blechstücken abspeisen? Ich will den vollen Preis!“

Die Alte treibt das Spiel wohl auf die Spitze! Ein Skandal ist das! Man wird den Veranstalter zur Rechenschaft ziehen, unerhört das! Was will sie denn?

„Gebt mir, was euch wertvoll ist, oder ihr bleibt hier!“ lässt sie sich wieder hören.

„Willst du mehr Geld, Papiergeld vielleicht?“ fragt der Anführer der Gruppe verstimmt. Die Alte lacht, und ihr Lachen lässt das Blut gefrieren:

„Geld, Geld, immer nur Geld, ist das alles, was euch in eurer Welt wertvoll ist, ihr armseligen Wichte! Habt ihr sonst nichts zu bieten? Dann will ich es nicht!“

Himmelherrgottsakrament noch einmal, was will denn die komische alte Vettel! Eine junge, sehr gepflegte Frau fasst sich ein Herz und tritt ans Feuer. Sie fragt ernsthaft: „Was willst du wirklich, sag’ schon. Ich werde es dir geben, wenn ich kann.“ Die Alte sieht ihr lange und intensiv in die Augen. Dann antwortet sie:

„Gib mir deine Liebe, deine Liebe zu einem Mann, der dir nicht gehören kann.“
    
Die junge Frau ist wie vom Donner gerührt. Wie um alles in der Welt, kann die alte Vettel wissen, wer hat ihr gesagt ... ? Das geht aber denn doch zu weit! Da hört sich doch jeder Spaß auf! Ärgerlich und verstört dreht sie sich um und will weg gehen. Da hört sie die Alte leise sagen:

„Gib mir, was ich verlange, und du wirst frei sein. Denn gebunden bist du hier und überall, wenn du mir nicht gibst, was ich von dir will.“

Trotz allen Ärgers hält die junge Frau einen Augenblick inne. Ist es denn nicht die Wahrheit, was die Alte da ausgesprochen hat? Seit langem schon ist ihr diese verborgene Liebe eine Last! Die Heimlichkeiten, die einsamen Wochenenden, niemals planen können, immer zur Verfügung stehen, wenn er gerade einmal Zeit hat! Sie wendet sich um und sagt:

„Ja, nimm dir, was du begehrst, und lass mich frei.“

Die Alte lächelt seltsam. Dann wirft sie etwas ins Feuer. Es lodert hell und heiß auf. Dann gibt sie der jungen Frau von dem Gebräu zu trinken. Es schmeckt so wundersam, so herb und doch so süß, wie ... ach ja, damals in der Kindheit, die erste Bowle, die sie kosten hatte dürfen! Und so leicht und so frei fühlt sie sich, wie schon lange nicht mehr! Alle Schwere ist von ihr genommen, wie schön! Sie meint, fliegen zu können!

Von jedem verlangt die Alte ihren Preis, und jeder zahlt ihn schließlich. Sie bekommt:

Einen Managerposten, an höchster Stelle, wo die Luft schon sehr dünn ist, und der seinem Eigner eigentlich schon lange keinen Freiraum zum Leben mehr lässt. Aber das Prestige ...!

Eine repräsentative Wohnung im Zentrum, sehr gute Lage,  aber eigentlich viel zu teuer. Dafür so viele Überstunden machen zu müssen, welche Last!

Ein Medizinstudium, das eigentlich ein Wunsch des übermächtigen Vaters gewesen war. Die Kunsttischlerlehre? Wo doch die väterliche Praxis, fertig eingerichtet, mit Patientenkartei, nur auf ihn wartete! Nein unmöglich! Obwohl, seine geschickten Hände ...! Und nun, er hat ja schließlich jetzt gar keine andere Wahl, sieben Jahre sind eine lange Zeit!

Zuletzt erhält sie noch einen Sack voller Träume. Träume von einem Leben als gefeierter Schauspieler. Aber was soll’s! Immer etwas Unerreichbarem hinterher zu jagen, macht irgendwann schrecklich müde. Mal sehen, was das Leben sonst noch zu bieten hat! Die Laienbühne macht ja doch auch wirklich Spaß!

Jeder erhält einen Schöpflöffel von dem Inhalt des Kessels. Jeder ist überzeugt, den Geschmack irgendwie zu kennen: bester Hochlandkaffe, Jahrgangssekt, allerbestes Bier, Quellwasser, so frisch, so köstlich!

Alle haben sich schließlich freigekauft. Jeder hat den geforderten Preis bezahlt. Ein hoher Preis, fürwahr, jedoch nicht, wenn man bedenkt, was sie dafür erhalten haben, nämlich: nichts weniger als ihre Freiheit. Freiheit in dieser Welt, wo immer das auch sein mag und Freiheit in ihrer, unserer Welt, wohin sie alle jetzt erleichtert, wenn auch erheblich verwirrt, zurückkehren.  Denn, nachdem jeder getrunken hat, was immer er auch meinte zu trinken, finden sich alle übergangslos wieder bei den Steinen. Kein Feuer, kein Lichtschein, keine tanzenden Flämmchen, kein verhüllter Waldgeist, keine Alte, nur die Nacht, die Sterne und der zunehmende Mond. Wo, um alles in der Welt, waren sie denn nur gewesen? Niemand kann es mit Sicherheit sagen. Aber jeder von ihnen fühlt sich so leicht wie schon lange nicht mehr, befreit von einer schon lange drückenden Last und auf seltsame Weise gestärkt. Bereit, ihr verändertes Leben auf geraden Wegen fortzusetzen, gegen alle Widerstände.

Später dann, endlich im Gasthaus angelangt, meinen sie, ein Leben lang unterwegs gewesen zu sein. Und doch, jeder fühlt sich wundersam erfrischt. Dennoch, man muss schon fragen, was der Reiseveranstalter sich hierbei denn gedacht hat. Der aber weiß von nichts. Er hat nichts in dieser Art je organisiert. Wo sich das denn zugetragen habe, will er wissen. Beim Teufelsstein? Einer der Einheimischen, die am Stammtisch Karten spielen, steht auf und kommt an den Tisch der Wandergesellschaft. Er habe alles mit angehört, meint er, ja, und er wisse so einiges, was die Alten erzählen. Auch, wenn er es bisher immer als kauzige Schrullen betrachtet hat, nun aber ... Die Augen aller richten sich erwartungsvoll auf ihn. Nun, dort soll es nicht geheuer sein, soll etwas umgehen, erzählen die Alten. Da gäbe es alte Geschichten, von der Percht und ihrem Gefährten Wotan, von der Wilden Jagd auch und nicht zuletzt natürlich auch vom Teufel. Der hat ja überall herhalten müssen, wenn sich die Leute früher was nicht erklären haben können. Dann wischt der Mann mit einer abrupten Handbewegung alles vom Tisch: „Ach was, Unsinn, abergläubisches Geschwätz, man kennt das ja!“

Die Wanderer aber können sich dieser Behauptung nicht ganz anschließen. Diese Meinung jedoch behalten sie lieber für sich.          


Morgane
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