WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Teufelsstein   Teil I

Wieder ist es Nacht geworden über Wäldern, Teichen, Wiesen und Feldern. Wie eine Glocke aus schwarzblauem Glas hat sich die Nacht über das Land gestülpt und alles in ihren bergenden Sternenmantel gehüllt. Uns aber, uns moderne, aufgeklärte Menschen, macht die Dunkelheit nicht mehr bange, wie einst unsere Vorfahren! Wir haben ihre Geheimnisse elektrisch ausgeleuchtet bis in die allerhintersten Winkel. Da ist nichts, was uns schrecken kann, oh nein, uns nicht! Alles ist, was es ist. Naiver Kinderglaube, zu meinen, die Dinge könnten in der Dunkelheit ihr Wesen verändern oder ihre Gestalt, sich vielleicht bewegen oder uns heimlich beobachten. Aber, können wir wirklich so sicher sein, dass es nicht so ist, bis in die hintersten Kammern unserer unerschrockenen Herzen? Und was, wenn es an einem Ort keine elektrische Beleuchtung gibt? Was, wenn wir dort der Nacht und ihren gauklerischen Wesen ohne einen solchen Schutz gegenübertreten müssen, was dann?

Vor gar nicht langer Zeit geschah es, dass sich einige Menschen dieser Frage stellen mussten. Sie waren zu einer Wanderung aufgebrochen, an einem dieser Tage aus blassblauem Kristall, wie sie der Herbst uns manchmal schenkt. Ihr Weg führte sie durch die Moore und Heiden des nördlichen Waldviertels, durch bunt verfärbte Wälder, an Ried umstandene Teichufer und zu Steinformationen, die aussahen, als hätte ein Riesenkind sie nach dem Spiel unachtsam liegen gelassen. So ein Tag verlockt zum Verweilen und Innehalten, zum Träumen und Bummeln und Wolkengucken. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man die Zeit ein wenig vergisst. Deshalb wurde ihnen der Weg in das Gasthaus, wo sie ein herzhaftes Nachtmahl erwartete und auch der Bus für die Heimfahrt, doch um einiges länger, als geplant. Wo blieb denn nur die Abzweigung, wo der Weg sich Dorf und Gasthaus zuwandte? Und wo bitte, war die charakteristische Steinformation, Teufelsstein genannt, die ihnen als letzte Station vor ebendiesem Gasthaus beschrieben worden war? Der Teufel mochte wissen, wo sie eigentlich gelandet waren! Die Sonne goss bereits glühendes Rotorange über die Wipfel der Fichten. Gleich würde es dämmern und nicht lange danach finster werden, und immer noch keine Steine, keine Abzweigung!

Verirrt?

Dieses bedrohliche Wort begann immer häufiger in den Köpfen der Wanderer herumzuspuken, wie ein huschendes Gespenst. Keiner aber wagte es noch auszusprechen, um es nicht zur Realität werden zu lassen.
Schon war es soweit: die Schatten wuchsen, dann Kühle, dann Dämmerung, schwindende Farben, verschwimmende Kontraste, Dunkelheit. Mit dem Sonnenlicht verschwand auch die gute Laune der Wanderer. Gereiztheit und Unwillen machten sich breit, die Späße wurden lauter und klangen auch zunehmend gezwungen. Es half alles nichts. Der Weg würde schließlich irgendwann, hoffentlich bald, hinaus führen aus dem nächtlichen Wald, hinaus zu Licht und Wärme, zu Menschen und Zivilisation. Bis dahin mussten sie ihn gehen, trotz allen Unwillens.

Und schleichend, langsam, begann etwas lang vergessen Geglaubtes wiederzukehren. Es kam aus dem undurchdringlichen Dunkel des Waldes gekrochen. Es grinste hinter schwarzen Baumsilhouetten hervor, tappte über den bemoosten Waldboden, winkte mit spindeligen Asthänden, sprang aus verschatteten Gebüschen hervor, befreite sich endlich aus den lange verlassenen Räumen der Kindheit. Jeder von ihnen kannte es, keiner getraute es sich vor den Anderen zu zeigen, und dennoch blieb keiner davon verschont: es war die Angst vor der Dunkelheit!

Und da! Endlich, eine Lichtung! Endlich eine allzu schmale Mondsichel am Himmel... und endlich auch die Steine, die den Ausgang aus dem vermaledeiten nächtlichen Wald bezeichneten! Schon hörte man da und dort wieder Scherze, die zuletzt ganz verstummt waren, schon meinte manch Hungriger schon den verheißungsvollen Duft von Wiener Schnitzel riechen zu können, ... dann aber... geschah, was nicht hätte geschehen dürfen, was keinen Platz hatte in der Welt von Fernsehen, Computer und Wasserspülung. Es fragte aber nicht nach seiner Berechtigung und geschah einfach. Was? Ja, darüber gingen später die Meinungen sehr auseinander, später, als man zurück gekehrt war, in die Welt von Fernsehen und, na, wir wissen schon... die richtige Welt eben, wie sie zu sein hat.

Was geschah also?

Die Wanderer erblickten einen seltsamen Lichtschein bei den Steinen. Vielleicht hatte jemand ein Feuer angezündet, um ihnen den Weg zu bezeichnen. Ja, das war es sicherlich! Freudig und mit neu erwachter Energie schritten sie aus, den Steinen entgegen und dem Ziel ihrer Wanderung. Dabei bemerkten sie nicht, dass sie zwischen den Stämmen zweier mächtiger Buchen durchgingen, und wenn sie es auch bemerkt hätten, keinem von ihnen wäre das in irgendeiner Form bemerkenswert erschienen. Warum auch, man war ja im Wald, und der besteht eben aus Bäumen, und Bäume sind Bäume, sonst nichts, oder? Aber da, was war das? Eine Gestalt, groß, mit einem knorrigen Stock in der Hand, stand sie plötzlich vor ihnen, wie aus dem Waldboden gewachsen! Da erlaubte sich wohl jemand einen Scherz mit ihnen! Dafür hatte im Augenblick aber keiner den geringsten Bedarf. Sie wollten hinaus aus dem Wald und endlich im gemütlichen Gasthaus sitzen, sonst nichts! Die Gestalt stand immer noch da und versperrte ihnen den Weg ins irdische Paradies, da fahr doch der Blitz drein, verdammt und zugenäht! Was genug ist, ist genug. Deshalb sagte einer der Männer, ein eher forscher Typ:

„He, du Reserverübezahl! Wir fürchten uns später, wenn’s recht ist. Jetzt haben wir für solche Späße keinen Bedarf. Also, lass uns vorbei. Wir zahlen dir auch ein Bier, wenn du mitkommen willst.“

Der Typ rührte sich nicht. Vielleicht war er ja auch Weintrinker! Gleich darauf aber begann er zu sprechen. Ehrfurcht gebietend, mit einem Hall wie Donnerschläge, schien seine Stimme durch das Dunkel des nächtlichen Waldes zu klingen. Den Wanderern lief ein kalter Schauer über den Rücken, und sie begannen, diesen Scherz in zunehmendem Masse als äußerst befremdlich zu finden. Was er sagte, diente auch nicht eben dazu, ihre Heiterkeit zu erregen.

„Fremdlinge, ihr seid ohne Erlaubnis in mein Reich eingedrungen. Nun müsst ihr sieben Jahre hier bleiben und mir und  meiner Gefährtin dienen. Es sei denn, ihr könnt euch freikaufen. Dann lasse ich euch gehen.“

Allgemeines Gemurre und Geraune, einige halbherzige Lacher, geflüsterte Scherze. Das Ganze begann nun schon, recht überflüssig zu werden. Der Alte Gauner war wohl auf ein Trinkgeld aus! Schließlich war morgen wieder ein Arbeitstag, und sie alle mussten an ihre durchgehend gut dotierten Posten zurückkehren! Man war ja nicht irgendwer. Man war wichtig und verdiente deshalb auch dementsprechend. Na gut, wenn’s denn also sein musste, Geld sollte hier das geringste Problem sein!

„Ja, ja, schon gut, Alter! Hast deine Rolle wirklich gut gespielt! Aber jetzt ist Zeit zum Heimgehen, also, lass es gut sein!“

Statt einer Antwort flammen rings um die Steine mit einem Male Lichter auf, ein Kreis aus unwirklich flackernden Flämmchen scheint um die Steine zu tanzen. Wie, um alles in der Welt haben die das gemacht? Sind da noch andere... ? Eine Frau hat jetzt endgültig genug. Sie beschließt, mit einigen Anderen auf eigene Faust den Heimweg anzutreten. Aber sie kann nicht. Keiner kann. Niemand kann den Flammenkreis verlassen. Es geht einfach nicht. Eine unsichtbare Wand scheint sich zwischen diesen Ort und die Welt da draußen geschoben zuhaben. Der Alte winkt ihnen gebieterisch, ihm zu folgen. Niemand getraut sich, ihm nicht Folge zu leisten. Er führt die Wanderer an einen Platz im Zentrum der Steinformation. Und da, an einem Feuer, sitzt eine verhüllte Gestalt, eine Frau, eine alte Frau und rührt in einem Kessel, der über dem Feuer hängt.


Ende Teil I


Morgane
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