WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Das Sonnenkind   Teil II

"Mein Sonnenkind", flüsterte die junge Mutter zärtlich, und auch sie lächelte stolz und glücklich.

Der warme Glanz, der das kleine Menschenkind zu umgeben schien, verlosch niemals. Er leuchtete auch für seine geliebte Großmutter, für den Großvater und alle, die das kleine Mädchen liebten und von ihm wieder geliebt wurden. Er erlosch auch nicht, als es im Leben der Kleinen dunkler wurde, als seine Mutter nicht mehr alleine sein wollte, noch einmal heiratete und ein Schwesterchen geboren wurde, als das Lächeln in den Augen der Mutter nicht mehr ihm alleine galt. Da ließ es seinen Glanz noch heller erstrahlen.
"Irgendwann", dachte es bei sich, "wird sie mich wieder liebevoll mein Sonnenkind nennen, irgendwann sicherlich!"
Aber es nützte alles nichts. Im Gegenteil. Der Stiefvater blickte die Kleine oftmals missbilligend an und sprach zu seiner Frau:

"Es stimmt etwas nicht mit diesem Kind. Ich weiss nicht warum, aber man muss es immerzu ansehen. Das ist nicht gut. Es wird noch viel zu stolz werden und irgendwann schlimm enden. Du musst etwas dagegen tun."

In Wahrheit aber fürchtete er, dass seiner leiblichen Tochter zuwenig Aufmerksamkeit zuteil würde. Die Mutter mochte das Strahlen ihres Töchterchens nicht mindern, denn es hatte sie froh gemacht in schweren Zeiten. Aber sie fürchtete um die Zuneigung ihres Mannes, und so lernte sie mit der Zeit das kleine Mädchen mit seinen Augen zu sehen und stimmte ihm schließlich schweren Herzens zu. Was aber sollte sie tun? Was kann das Strahlen der Sonne mindern? Höchstens die Nacht.

Da ging die Mutter hinaus in die Nacht und sprach:
"Nacht, ich bitte dich, gib mir ein wenig von deinem Dunkel, damit ich das Strahlen meines Sonnenkindes damit vor meinem Mann verhüllen kann!"

Die Nacht antwortete:
"Mein Dunkel muss am Morgen der Sonne weichen. Es kann dir nicht nützen."

Da ging die Mutter zur Regenfrau und bat:
"Regenfrau, ich bitte dich, gib mir ein Stück Wolkengewebe, damit ich das Strahlen meines Sonnenkindes vor meinem Mann verbergen kann!"

Die Regenfrau antwortete:
"Vor dem Glanz der Sonne lösen sich alle Wolken auf. Mein Wolkenstoff kann dir nicht nützen."

Zuletzt bat die Mutter eine Spinne, die gerade ihr Netz am Zaun wob:
"Spinne, ich bitte dich, spinne mir doch einen Faden, damit ich meinem Sonnenkind ein Kleid daraus mache, um es zu verhüllen!"

"Das will ich gerne", antwortete die Spinne, "was gibst du mir aber dafür?"

Was konnte die Frau einer Spinne schon geben? Lange dachte sie nach, dann sagte sie:
"Ich will dir dafür einen glänzenden Sonnenstrahl aus den Augen meines Kindes geben."

Die Spinne war damit einverstanden und bekam, was sie verlangt hatte. Seither glitzern die Spinnweben am frühen Morgen so zauberhaft. Es ist der Glanz aus den Augen des Sonnenkindes, der sie so funkeln lässt.

Die Mutter aber wob aus der grauen Spinnenseide ein Kleid für ihr Töchterchen. Das musste es von nun an immer tragen. Es verhüllte den irritierenden, strahlenden Glanz, und der Vater war von nun an beruhigt, weil seiner leiblichen Tochter nun die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die ihr seiner Meinung nach zukam. Niemals mehr leuchteten die Augen der Mutter so wie früher, wenn sie die Kleine ansah, und niemals mehr sagte sie so zärtlich wie bei ihrer Geburt "Mein Sonnenkind" zu ihm. Die Jahre vergingen, und das Licht des Sonnenkindes leuchtete nur mehr im Verborgenen. Niemand wusste, was sich unter dem grauen Gewand verbarg, und die wenigen, die es wussten, vergaßen es mit der Zeit schließlich auch.

Eines Tages wurde in der Stadt das Geburtstagsfest eines jungen Edelmannes gefeiert, mit Musik und Tanz, mit feinen Speisen und Getränken. Alle heiratsfähigen Mädchen waren dazu eingeladen, zur Unterhaltung des reichen, jungen Mannes, auch die beiden Mädchen, die mittlerweile zu schönen, jungen Frauen heran gewachsen waren. Sie freuten sich sehr und fieberten dem festlichen Abend entgegen. Die Jüngere putzte sich fein heraus, die Ältere aber wusste nicht so recht, was sie an diesem Abend tragen sollte. Aber dieses Problem erübrigte sich ohnehin, da ihr die Eltern unter keinen Umständen erlaubten, das graue Gewand gegen ein anderes zu wechseln.
"Du gehst ja auch nur als Begleitung deiner jüngeren Schwester dorthin. Da musst du nicht glänzen. Trag nur dein gewohntes Kleid, dann wird es schon richtig sein",
sagten sie zu dem traurigen Mädchen. Diesem war die Freude an dem Fest gründlich vergällt, so unscheinbar und so völlig unpassend gekleidet, wie es war. Wer würde es denn so zum Tanz auffordern? Keiner wahrscheinlich, das stand fest! Es schien, als würde das Mädchen mit seiner Einschätzung Recht behalten, wie denn auch anders! Aber dann......., dann kam doch alles ein wenig anders, als man hätte meinen können. Der Sohn des Hauses nämlich, wer hätte das gedacht, ließ all die so festlich heraus geputzten Mädchen links liegen und bestand darauf, ausgerechnet mit unserer grauen Maus zu tanzen. Da war etwas an dem Mädchen, das er nicht benennen hätte können, ein verborgenes Geheimnis, welches ihn auf wunderbare Weise zu ihr hinzog. Die ganze Nacht lang tanzte er nur mit ihr. Seine Eltern waren schon sehr verärgert, weil sein Verhalten sehr unhöflich den anderen Mädchen gegenüber war, er aber achtete nicht auf ihre Vorhaltungen und nicht auf ihre Zurechtweisungen, er hatte nur Augen für seine grau gekleidete Tanzpartnerin, die ihm ebenso zugetan schien, wie er ihr. So verflog die Nacht wie ein kurzer Traum, flüchtig und viel zu schnell. Als es Zeit wurde heimzukehren und der junge Mann sich über die Hand seiner Angebeteten beugte, um sie zu küssen, da verhängte sich unbemerkt eine seiner Gewandschließen in ihrem Kleid.
"Ratsch" machte es, als er sich nach dem Handkuss aufrichtete, und "ooohhhhh" und "aaahhhh" und "heiliger Himmel" und was der verwunderten Ausrufe mehr waren, erklang aus dem Munde der Anwesenden. Denn aus dem Riss des grauen Gewandes erstrahlte ein solch gleißendes Licht, dass alle geblendet waren.

"Sonnenkind, oh, mein Sonnenkind!"

rief der junge Mann überwältigt, und aus seinen Augen sprach Bewunderung und eine so tiefe Zärtlichkeit, wie einst aus den Augen der Mutter. Rasch schälte er seine Liebste aus der verhüllenden Verkleidung. Da wurde für alle Anderen offensichtlich, was zuvor nur den Augen des jungen Mannes erkennbar gewesen war, den Augen der Liebe eben......

Nun ja, sie heirateten natürlich, wie das eben in Märchen so ist, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Das tun sie tatsächlich, ich weiss es aus verlässlicher Quelle. Das einstige Mädchen ist heute eine reife Frau, aber noch immer erleuchtet sie das Leben ihrer Umgebung wie eine wärmende Sonne, die, wie alle, die sie kennen und lieben, hoffen, noch lange nicht untergehen wird.    


Morgane
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