WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Sternensplitter   Teil II

Erwin und Ulrike, oder nein, wohl eher Ulrike und Erwin, so wurden die beiden Hälften getauft, die doch ursprünglich Eines gewesen waren. Denn immer war es das kleine Mädchen, das die Führungsrolle im Leben der Beiden übernahm. Diese eine Stunde Vorsprung, wer hätte gedacht, dass sie sich derart prägend auswirken würde? Unerklärlich auch die unsichtbare, gemeinsame Hülle aus Vertrautheit, welche die Beiden zu umschließen schien, obwohl sie doch jeder für sich so unverwechselbar einmalig waren! Der Vater war froh, dass alles so gut ausgegangen war und seine geliebte Frau nichts von seinem kleinen Vertrauensbruch erfahren hatte. Umso mehr sann die Mutter dem Mysterium des zerbrochenen Steines nach. Vielleicht konnte ja die Schlange das Geheimnis aufklären? Es wurde ohnehin Zeit, das Geliehene zurück zu erstatten. So ging die Frau an einem frostklirrenden Wintertag in den Wald. Sie zweifelte, ob die Schlange in dieser Kälte überhaupt zum Vorschein kommen würde. Aber, als die Mutter an den Ort kam, wurde sie schon erwartet.

Die Schlange schien nicht im geringsten verwundert darüber, dass der Stein zerbrochen war, im Gegenteil, sie wirkte äusserst zufrieden (allerdings weiss ich nicht, woran man erkennen kann, dass eine Schlange zufrieden ist, aber dies ist schließlich ein Märchen, und da nehmen wir es mit diesen Dingen nicht so genau, oder?). Sie sprach:

"So ist es also gelungen, und sie sind in diesem Leben nun Zwei in Einem. Anders hätten sie es wohl nicht ertragen..."

"Was meinst du damit?" fragte die Mutter verwundert, "was bedeuten deine Worte, Schlange? Ist es denn kein Zufall, dass dieser Stein zerbrochen ist?"

Das lachen der Schlange kam so unverhofft, und es klang, als käme es aus dem Reich der Sterne. Verwundert sah die Mutter auf, und da stand statt einer Schlange eine wunderschöne, hoheitsvolle Gestalt, die ein solches Licht ausstrahlte, dass die Frau die Augen abwenden musste. Sie lächelte liebevoll, als sie antwortete:

"Zufall? In meinem Reich gibt es keine Zufälle. Alles geschieht nach einer höheren Ordnung, die ihr, in der Welt der Menschen, nur meistens nicht erkennen könnt. Nur manchmal erhascht ihr einen Zipfel der Wahrheit und erschreckt dann, wenn ihr versucht, ihn zu lüften. Ich aber bin die Mutter allen Lebens, und nur mir kommt es zu, manchmal einem Menschen einen Blick hinter die Verhüllungen des Unendlichen zu schenken, so wie dir. Willst du nun die Wahrheit hören?"

Die Frau bejahte erschreckt und gleichzeitig fasziniert.

"Nun, so höre: vor vielen hunderten von Jahren lebte auf einem reichen Hof ein junger Bauernsohn. Er liebte ein armes, aber wunderschönes Köhlertöchterchen, heimlich, denn seine Eltern hätten einer Hochzeit zwischen den Beiden niemals zugestimmt. Er sollte eine reiche Bauerntochter aus dem Nachbartal heiraten und zwar sehr bald. Ihrer verzweifelten Liebe bot sich nirgendwo ein Ausweg. Alle Wege, in ein ehrbares Leben als Mann und Frau schienen ihnen versperrt. Da kam dem Mädchen, das immer schon die Beherztere der beiden Liebenden gewesen war, eine letzte, verzweifelte Idee.
"Wenn wir schon nicht gemeinsam leben können", sprach sie, "dann lass uns doch im Tode vereint sein."
Und so geschah es. Eng umschlungen sprang das unglückliche Liebespaar in den tosenden Wildbach, der durch eine steilwandige Schlucht rauschte. Vorher aber schworen sie einander bei den ewigen Sternen immerwährende Treue und dass sie immer gemeinsam auf die Welt kommen wollten, wie oft es ihnen auch bestimmt sei, noch auf Erden zu leben. Und so geschah es. Viele Male gingen sie seitdem über diese Erde, zuweilen als Mann und Frau, oder aber als Mutter und Sohn, als Vater und Tochter und auch als Bruder und Schwester. Nie aber war ihnen diese Nähe groß genug. Deshalb wählten sie in diesem Leben die größte Nähe, die Menschen gewährt wird, Zwei zu sein und dennoch Eins, in einem Leben als Zwillinge. Und der Stein, der ihre Geburt behütete, kommt aus dem Sternbild, das den gleichen Namen trägt, aus dem Sternbild der Zwillinge. Er brachte die beiden liebenden Seelen hierher... Und noch etwas: dein Mann war nur Erfüllungsgehilfe ihres gewählten Schicksals, er trägt keine Schuld. Zürne ihm deshalb nicht."

So erfuhr die Frau zuletzt doch noch, wem es zu verdanken war, dass der Stein zersprungen war, und sie verzieh es ihrem Mann gerne. Ihre Ehe wurde noch mit zwei weiteren, prächtigen Kindern gesegnet, und alle lebten zufrieden, soweit mir das bekannt ist. Ulrike und Erwin aber lebten Tür an Tür, und immer war diese geheimnisvoll, unsichtbare Hülle um sie. Noch heute leben ihre Nachkommen in dem kleinen Tal. Die Schlange aber wurde seitdem nicht mehr gesehen. Wenn doch, dann beweist das nur, dass Märchen ja doch wahr sind.

Dies sind die Worte der Schlange, die sie noch sprach, bevor sie endgültig verschwand:

Vergesst das Eine nicht.
wir alle sind Teil vom ewigen Licht,
 wir alle sind Schwestern und Brüder
und kommen als Sterne zur Erde nieder.
Für immer verbunden,
ein Kranz, aus Liebe gewunden,
ein Kreis, der niemals bricht,
ein Kreis aus Himmelslicht.


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