WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Sternensplitter   Teil I

Nun ist wieder die Zeit der klirrend kalten Winternächte. Wenn sich zeitig am Nachmittag schon wieder der Abend niedersenkt und Dunkelheit die kurze Tageshelligkeit zu verschlingen droht, sehen wir gerne zu den funkelnden Lichtern am nächtlichen Himmel empor, die dann umso heller zu blinken scheinen. Manchmal erhaschen unsere Augen dann auch die nur kurz aufleuchtende Spur eines unsteten Wanderers am Sternenhimmel. Dann dürfen wir uns etwas wünschen, heisst es. Zuweilen aber gelangt ein winziger Rest eines dieser Kometen auch bis zu uns, ein Fremdling und dennoch aus dem gleichen Stoff, aus dem auch wir sind, vermischt mit einem Funken Himmelslicht. Solche Steine gelten als besonders kostbar, und ihr Finder kann sich glücklich schätzen ...
... wie eine junge Frau, die, ich weiss nicht wann sich die Geschichte zutrug, ob erst gestern oder vor langer Zeit, aber das ist ja schließlich auch nicht wirklich wichtig. Also, diese junge Frau lebte in einem kleinen Dorf. Sie war nicht arm aber auch nicht reich, zumindest nicht an irdischen Gütern, wohl aber an Herzenswärme und Lebensfreude. Sie war mit einem wohl nicht reichen, aber ehrlichen Handwerker verheiratet und fühlte nun bereits zum vierten Mal ein neues Leben in sich wachsen, nachdem sie ihrem Mann bereits drei gesunde und wohlgeratene Kinder geschenkt hatte. Diesmal aber war es nicht wie sonst, und deshalb sorgte sie sich ernsthaft. Die erste Frühlingswärme hatte sie herausgelockt aus der dunklen Stube, hinaus in die Wiesen und Wälder, die gerade erst das erste, zarte Grün des Jahres trugen. Jubelnde Vogelstimmen, sanfter Frühlingswind, Sonnenlicht, was konnte es schöneres geben? Aber da, da war ein Laut, der einen Missklang in die harmonische Stimmung trug, ein schmerzliches Jammern, als litte jemand unerträgliche Schmerzen! Obwohl diese Laute der jungen Frau Angst einjagten, lief sie dennoch sogleich in die Richtung, aus der das Wehgeschrei kam. Es mochte sich ja jemand verletzt haben und Hilfe brauchen! Als sie aber an den Ort kam, von dem die Laute ausgingen, war da nur ein Habicht, der sich an einer Schlange zu schaffen machte, die sich eben auf einem Stein in der Sonne gewärmt hatte. Aber eine Schlange konnte doch nicht derartige Wehlaute hervor bringen! Oder doch? Wie verwundert aber war die junge Frau erst, als sie in all dem Jammer verständliche Worte vernahm!

"Hilf mir, ich bitte dich!" flehte die Schlange, "lass mich nicht so grausam sterben!"

Trotz ihrer Angst tat der Frau die Schlange doch leid und sie verjagte beherzt den Raubvogel, der sich seiner Beute schon sicher gewesen war. Als die Schlange, sie glänzte übrigens in allen Farben des Regenbogens, sich wieder einigermassen gefasst hatte, sprach sie zu der jungen Frau, und in ihren Worten lag eine seltsame Würde:

"Ich danke dir für deine mutige Hilfe, Menschenfrau! Deinesgleichen ist uns Schlangen ja meistens nicht so wohlgesinnt. Dir aber verdanke ich mein Leben. Deshalb erfülle ich dir nun einen Wunsch. Ich rate dir aber, wünsche weise und wohlüberlegt, denn du hast nur diesen Einen. Und nun sprich!"

Die junge Frau musste nicht lange überlegen, denn ihr größter Wunsch galt dem kleinen Wesen, das unter ihrem Herzen dem Leben entgegen wuchs. Deshalb wünschte sie sich ein gesundes Kind.

Lange schwieg die Schlange. Dann richtete sie sich hoch auf, um sodann blitzartig zur Erde hinabzustoßen. Als sie sich erneut aufrichtete, trug sie einen schwarzen, unauffälligen Stein im Maul, den sie sogleich vor der jungen Frau nieder legte. Sie sprach:

"Dies ist ein besonderer Stein. Er stammt vom Himmel und trägt das ewige Licht in sich. Trage ihn immer bei dir, und dein Kind wird gesund geboren werden. Sprich aber zu keinem davon, denn, wenn du dies tust, verliert der Stein seine Macht. Und noch etwas: wenn dein Kind gesund geboren worden ist, dann komm wieder hierher und gib mir den Stein zurück. Versprichst du mir das?"

Das tat die junge Frau gerne. Im nächsten Augenblick war die Schlange verschwunden, als wäre sie nie da gewesen.

Von diesem Tag an trug die junge Frau den Stein in einem kleinen Säckchen aus Leder an einem Band immer um den Hals. Niemals legte sie ihr Gebinde ab, und niemals sprach sie über ihr Geheimnis. Auch nicht zu ihrem Mann. Wenn der sie fragte, was es denn Seltsames sei, das sie da immerzu am Busen trage, antwortete sie nur:
"Ach, es sind nur die Locken unserer Kinder."
Eines Abends aber, als die Frau ihre Kleider abgelegt hatte, um im Waschzuber zu baden, packte den Mann die Neugier (wer sagt, nur Frauen wären neugierig?) und er
griff nach dem Säckchen, um einen Blick hinein zu werfen. Die Sache mit den Locken klang ihm wohl einleuchtend, aber aus wer weiss, welchem Grunde, wurde er den Verdacht nicht los, dass das Säckchen etwas Anderes barg. Und seine Ahnung bewahrheitete sich! Gleichwohl konnte er sich nicht erklären, was es mit dem seltsam schweren Stein, das wie ein Stück Kohle aussah, für eine Bewandtnis haben könne. Verwundert drehte und wendete er ihn vor seinen Augen hin und her, und da geschah es: der Stein entglitt seinen Händen und fiel zu Boden! Dabei zersprang er in zwei fast gleich große Stücke. Wie schämte sich da mit einem Mal der sonst so ehrliche Mann! Was war denn da nur in ihn gefahren, die Sachen seiner Frau auf so schändliche Weise auszuspionieren! Sie hatte doch bis jetzt niemals Geheimnisse vor ihm gehabt, oder vielleicht doch? Heimlich tat er die beiden Stücke wieder in das Säckchen zurück und hoffte, sie würde das Geschehene nicht bemerken.

Seine Hoffnung erfüllte sich. Als es Winter wurde, kam die schwere Stunde der Frau immer näher. Lange kämpfte sich die Hebamme durch den immer dichter fallenden Schnee, um die Mutter im allerletzten Augenblick gerade noch rechtzeitig von einem kräftigen Mädchen zu entbinden. Grosse Erleichterung und Freude, als die Hebamme das Kind dem Vater in die Arme legt. Die Mutter aber, ganz im Gegensatz zu ihren früheren Geburten, lässt sich nicht erleichtert in die Kissen sinken um die Beschwernis der Geburt in Freude und Entspannung ausklingen zu lassen. Da drängt noch etwas ans Licht, ein zweites Leben, ein kleiner Junge! Als die erschöpfte Mutter dankbar nach ihrem Säckchen tastet, kann sie einen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken. Keiner kann wissen, was er zu bedeuten hat, keiner, außer ihrem Mann, aber auch er weiss den Zusammenhang nicht zu deuten und lässt sich auch wohlweislich nichts anmerken.


Ende Teil I


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