WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Für unsere allerletzte Geschichte können wir es gleich Winter werden lassen in der Anderswelt. Bei ihr geht es nämlich auch um den Schnee. Oh je, ich glaube, Merlin kann den Schneestern nicht finden, der euch diese Geschichte erzählen sollte! Ob er vielleicht geschmolzen ist? Wäre ja kein Wunder, so lange halten sich Schneesterne nicht und schon gar nicht in einem Sack. Macht nichts! Glücklicherweise hat meine alte Freundin, die Frau Holle, mir diese Geschichte erzählt, in der sie ja selbst mitgewirkt hat. Wenn ihr erlaubt, werde ich selbst euch diese allerletzte Geschichte erzählen. In ihr geht es darum,


Wie der Schnee entstand   Teil II
Später am Tage stärkte er sich mit einigen Nüssen und getrockneten Beeren, als es im gefrorenen Laub raschelte und ein kohlschwarzer Rabe herangehumpelt kam. Einer seiner Flügel hing kraftlos herab und war allen Anschein nach gebrochen. "Du armer Wicht," sprach Luca mitleidig, "komm her und lass dir deinen Flügel schienen, dass er wieder zusammenwachsen kann!" Und er brach zwei von Vaters besten Pfeilen in der Mitte durch, um den Flügel des Raben damit zu stützen. Er besaß ja noch zwei weitere, das würde schon genügen. Dann gab er dem Raben noch einige Samen aus seinem Reiseproviant zu fressen und setzte sich den Vogel auf die Schultern, um ihn mitzunehmen. Der Arme konnte ja so verletzt nicht alleine überleben.

Bald gelangten die beiden auf eine Lichtung, auf der ein kleines, windschiefes Häuschen stand, durch dessen Ritzen, das konnte man sehen, arg der Wind pfeifen musste. Luca dachte bei sich: "Hier will ich einmal anklopfen und nach dem Weg fragen. Vielleicht kann man mir hier weiterhelfen." Auf sein Klopfen hin öffnete ihm ein altes, verhutzeltes Weiblein. Klein und gebückt stand es auf der Türschwelle und lud den Jungen ein, einzutreten. Luca sah, dass ihre Kleider nur dünne, zerschlissene Lumpen waren und das Weiblein schwerlich warm halten konnten. Die Alte fragte mit dünner, zittriger Stimme: "Woher und wohin, Söhnlein, in dieser Kälte und Finsternis?"

"Ich komme aus dem Tal da hinten und suche die Alte der Zeiten, um von ihr Medizin zu erbitten für mein todkrankes Schwesterlein. Weißt du vielleicht den Weg, Frau und kannst mir die Richtung weisen?"

"Je nun," sprach das Weiblein geheimnisvoll, "jede Richtung ist die richtige, wenn du der Richtige bist, sie zu finden, und jede ist falsch, wenn du es nicht bist."

Jetzt war Luca verwirrt, die Alte sprach in Rätseln. Er fragte: "Bin ich denn der Richtige? Kannst du mir das sagen, Frau?"

"Das kann ich dir nicht sagen, Söhnlein. Niemand kann das. Du musst den Weg schon gehen, um das zu wissen."

Nun, die Alte war ihm wohl keine wirkliche Hilfe, das sah er schon. Sie dauerte ihn aber wegen ihrer dünnen Lumpen. Deshalb gab er ihr eines seiner wärmenden Felle für ihre alten, erfrorenen Glieder zum Abschied. Ihm würde das Eine wohl auch genügen, er war jung und konnte sich besser warm halten. Mit dankbarem Blick nahm sie das Geschenk entgegen und wünschte ihm eine gute Reise.

Wie hatte die Alte gesagt? Jede Richtung war die richtige, wenn... Nun, dann wollte er schleunigst eine einschlagen und sich dabei von seinem Gefühl leiten lassen!
Bald stand er am Fuß der hohen Berge, die er überqueren musste. Ein langer, beschwerlicher Anstieg lag vor ihm. Luca stieg und stieg, der Berg schien kein Ende nehmen zu wollen. Zum Schluss kroch der Junge müde auf allen Vieren dem sturmumtosten Gipfel zu und fiel, oben angekommen, in einen erschöpften Schlaf.

"He, du, aufwachen, sonst erfrierst du!", krächzte ihm sein neuer Freund, der Rabe, ins Ohr und zupfte dabei an seinen Ohrläppchen, "komm weiter, steh auf, steh' schon auf!" Aufgeregt schlug er mit seinem gesunden Flügel, als wolle er versuchen, zu fliegen und gab nicht eher Ruhe, bis sein Freund erwachte und sich umblickte, als wüsste er nicht, wo er sei. "He, hast du vergessen, was du willst? Denk an deine kranke Schwester und spute dich!", krächzte der Schwarze und zupfte wieder an Lucas Ohr. Ach ja, der Weg, er musste ihn suchen! Luca hatte gehofft, vom Gipfel des Berges den richtigen Weg sehen zu können. Doch überall, wohin er auch blickte, erstreckten sich Berggipfel. Nirgends war ein Weg zu sehen. Nun, er musste weiter. So stolperte er also, müde und traurig weiter, hinunter in das unbekannte Tal. Vielleicht würde er dort ja den richtigen Weg finden! Bald schon würde die Dunkelheit wieder hereinbrechen. Bis dahin wollte er im Tal angekommen sein. War der Rücken des Berges kahl und ohne Baum und Strauch gewesen, rückten nun Gestrüpp und Bäume wieder enger zusammen, immer enger, bis Luca bald keinen Pfad mehr durch das Dickicht finden konnte. Es ging nicht vorwärts und nicht zurück. Er hatte sich heillos verirrt. So endete also seine Suche, und Miranda wartete vergeblich auf die lebensrettende Medizin. Sie würde sterben, so wie er, hier, in der kalten, undurchdringlichen Wildnis. Sein Freund, der Rabe krächzte ihm vergeblich Trost zu, auch er konnte ihm hier nicht helfen. Es war aus. Luca schloss die Augen und dachte an seine Lieben zu Hause. Tränen rannen ihm über die Wangen.

Etwas zupfte ihn am Ohrläppchen: der Rabe. Aufgeregt flatternd hüpfte er auf Lucas Schulter auf und ab. Widerwillig öffnete der Junge seine Augen. Zwei Lichter leuchteten vor ihm auf. Was war...? Der Wolf, der alte Wolf, den er vor Tagen vor dem Verhungern gerettet hatte, war hier und strich um seine Beine! Dann lief er in eine Richtung davon, um gleich darauf wieder umzukehren und zu sehen, ob Luca ihm auch folgte, ganz so, wie es Hunde tun, wenn sie mit Menschen unterwegs sind.

"Nun schau nicht so lang, folge ihm doch! Geh' schon, geh!", trieb der Rabe den Jungen an. Und der Wolf, immer wieder am Boden schnüffelnd, fand den Weg aus dem Dickicht. Er fand den Weg in ein kleines Tal, das sich, von alten Apfelbäumen bestanden, bald vor den Wanderern auftat. Ein runder, gemauerter Brunnen war im verdorrten Gras zu sehen. Davor setzte sich der Wolf auf seine Hinterpfoten und sah Luca aufmerksam an. Der Rabe setzte sich auf den Brunnenrand und krächzte: "Wir sind angekommen. Das letzte Stück musst du alleine gehen. Dorthin können wir dich nicht begleiten. Leb wohl, mein Freund."

"Was heißt, leb wohl?" Luca wusste nicht, was der Rabe meinte. "Wohin muss ich denn jetzt gehen?" fragte er verwirrt und "werd' ich euch wieder sehen?"
" Vielleicht," krächzte der Rabe, "doch nun spring in den Brunnen, fürchte dich nicht!" Sein Flügel schien mittlerweile verheilt, denn er streifte die beiden Hölzer ab, die dem Flügel als Schiene gedient hatten und erhob sich hoch in die Luft. Zum Abschied ließ er noch eine glänzend, schwarze Feder zurück. Der Wolf leckte noch einmal Lucas Hand und verschwand im Wald. Nun war der Junge wieder alleine, und seine neuen Freunde fehlten ihm. Trotzdem, er hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen.
Der Brunnen, hatte der Rabe gesagt, er solle in den Brunnen springen. Aber, im Brunnen würde er ertrinken oder sich zu Tode stürzen ... oder aber ... Nun, es würde sich gleich erweisen. Nun war er so weit gekommen, er würde auch dies hier wagen. Luca stieg auf den Brunnenrand, schloss die Augen und hielt sich die Nase zu, wie daheim, im Teich, wenn er im Sommer schwimmen ging - und sprang ...
Er landete sanft auf einer grünen, blumenbestandenen Wiese mit blühenden Apfelbäumen. Seltsam, hier war nicht Winter, kein Eiswind blies ihm ins Gesicht. Nein, hier war Blumenduft und Vogelgesang. Auch hier stand ein Brunnen. Träumte er? War er vielleicht in der Kälte eingeschlafen und erfroren, und dies hier war ... das Sommerland, wo die Menschen etwa tot?! Und die Medizin für Miranda? Nein, er durfte nicht tot sein, Miranda brauchte ihn!


Ende Teil II


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