WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Für unsere allerletzte Geschichte können wir es gleich Winter werden lassen in der Anderswelt. Bei ihr geht es nämlich auch um den Schnee. Oh je, ich glaube, Merlin kann den Schneestern nicht finden, der euch diese Geschichte erzählen sollte! Ob er vielleicht geschmolzen ist? Wäre ja kein Wunder, so lange halten sich Schneesterne nicht und schon gar nicht in einem Sack. Macht nichts! Glücklicherweise hat meine alte Freundin, die Frau Holle, mir diese Geschichte erzählt, in der sie ja selbst mitgewirkt hat. Wenn ihr erlaubt, werde ich selbst euch diese allerletzte Geschichte erzählen. In ihr geht es darum,


Wie der Schnee entstand   Teil I
Welches Kind freut sich nicht auf Winter und Schnee? Ich kenne keines. Welches Kind tollt nicht gerne im frisch gefallenen Schnee umher? So viele Dinge kann man mit der kalten, weißen Herrlichkeit treiben: Schneeball werfen, Schneemann bauen, Rodeln, Schneeburgen errichten, Figuren in den frischen Schnee zeichnen - ich kann die Vergnügungen gar nicht alle aufzählen, jedes Kind erfindet seine eigenen Winterspiele, wenn es nur dazu Gelegenheit hat. Dabei war das nicht immer so. Damals, vor unermesslich langer Zeit, gab es diese Freuden für die Kinder noch nicht. Warum, fragt ihr? Nun, ob ihr es glaubt oder nicht, darum, weil der Schnee noch nicht erfunden war! Unglaublich! Schnee gibt es doch schon seit immer! Ja, das glaubt ihr, ich weiß es aber anders. Von wem, fragt ihr? Nun, von jemand, der es ganz genau wissen muss, weil er den Schnee nämlich erfunden hat. Ja, richtig geraten, von Frau Holle persönlich! Sie hat mir nämlich ganz genau erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass es im Winter Schnee gibt. Das war nämlich so:

Vor langer, langer Zeit standen in einem abgelegenen Gebirgstal, ganz hinten, im letzten Winkel der Anderswelt, ein paar kleine Hütten. Es war Winter, es war kalt. Die Tage waren kurz, ja oft wurde es gar nicht erst richtig hell am Tage. Es schien, als hätte die Sonne nicht mehr die Kraft, sich über die Berge zu erheben. Alle Tiere, die das nur irgendwie konnten, schliefen in ihren Höhlen und Bauen dem fernen Frühling entgegen. Vorher hatten sie sich noch dick und kugelrund gefressen, um den langen Winter zu überstehen. Die Menschen hatten sich in ihre Hütten verkrochen, ans wärmende Feuer, und wer nicht musste, ging nicht hinaus, dorthin wo Kälte und Finsternis herrschten und ein schneidender Winterwind ihnen um die Ohren wehte. Sie woben uns spannen, schnitzten und besserten Werkzeuge aus. Sie sangen und erzählten einander Sagen und Geschichten. Trotzdem, die anhaltende Finsternis ließ die Menschen langsam müde und traurig werden. Viele von ihnen wurden auch krank vor Traurigkeit. So konnte es nicht weitergehen, irgendetwas musste geschehen. Aber was? Die Sonne, das wussten sie, würde noch viele, viele Wochen nicht über die Berge hochsteigen. Bis zum Frühling dauerte es noch lang, viel zu lang.

In einer der Hütten im Tal lebte ein kleines Mädchen, es hieß Miranda, mit seiner Mutter, seinem Vater, den Grosseltern und seinem älteren Bruder, Luca. Der war schon groß und durfte schon manchmal mit dem Vater auf die Jagd gehen. Darauf war er sehr stolz. Trotzdem war er freundlich und nett zu seiner kleinen Schwester, denn er liebte sie sehr. Er erzählte ihr von seinen Jagdabenteuern in den Wäldern, schnitzte ihr Püppchen aus Astholz und ließ sie sogar manchmal mit seiner Kette aus Bärenzähnen spielen. Das war eine ganz besondere Ehre, denn sie war sein ganzer Stolz. Deshalb war er sehr besorgt um Miranda, als sie in den langen Wintertagen immer stiller und trauriger wurde und zuletzt nicht mehr von ihrem Lager aus Wolfsfellen aufstehen wollte. Das kleine Mädchen war blass und wollte nicht mehr essen. Wo waren die Tage, als Miranda fröhlich gesungen und gespielt hatte, als sie ausgelassen durch die Hütte gesprungen und die Freude seiner Eltern und Großeltern gewesen war! Nun hustete und fieberte sie. Die Brühen der Großmutter, aus heilkräftigen Pflanzen und Wurzeln zubereitet, halfen nichts, auch nicht die kräftige Suppe aus Hirschfleisch, welche die Mutter liebevoll für Miranda gekocht hatte. Es schien, als hätte das kleine Mädchen nicht mehr lange zu leben. Die ganze Familie war sehr traurig. Irgendetwas musste geschehen, aber was? Endlich machte sich der Vater auf den Weg, um die Weise Frau zu holen, die hinter den Bergen, jenseits des Tales wohnte. Das war ein weiter Weg. Als sie endlich kam und das kleine Mädchen schwach und blass auf seinem Lager liegen sah, wiegte sie bedenklich ihr schlohweißes Haupt:

"Sieht böse aus," krächzte sie mit ihrer brüchigen Stimme, die klang, als käme sie aus den Tiefen der Erde, "kann nichts für das kleine Ding tun, braucht stärkere Medizin, braucht Medizin aus Himmelslicht und Sternenglanz, kann ich ihr nicht geben...nicht ich, nein..."

"Wer kann sie ihr geben, Weise Frau, wenn nicht du?" fragte die Mutter verzagt.

Die Alte richtete ihren Blick nach innen, dort, wo der Schatz ihres langen und erfahrungsreichen Lebens lag, ihr Wissen und ihre Weisheit. Sie schien ganz weit weg zu sein und unerreichbar. Endlich sprach sie wie zu sich selbst:

"Müsst' schon die Mutter sein, die Alte der Zeit, die könnt' das arme Wurm gesundmachen... ja, ja, hat auch die richtige Medizin..."

Luca riss die Augen auf und fragte atemlos vor Aufregung. "Sag mir, wo ich sie finden kann, die Alte der Zeit! Ich werde sie suchen und meinem Schwesterchen die Medizin bringen. Sag mir, wo finde ich sie?"

Die Weise Frau sah Luca lange prüfend an. Dann sprach sie ernst: "Ist ein langer und beschwerlicher Weg. Ist weit, weit, dort hinter den fernen Bergen und noch weiter. Viele haben ihn schon vor dir gesucht und sind niemals wiedergekehrt. Könntest ihn schon finden, bist ein aufrechter und ehrlicher Bursche und liebst deine Schwester wirklich, das seh' ich. Könntest ihn finden, ja, ja..."

Und so geschah es. Nicht die Besorgnis seiner Mutter, nicht die Einwände seines Vaters konnten ihn aufhalten. Er hatte beschlossen, seinem Schwesterchen die Medizin zu bringen, koste es, was es wolle. Sein Vater gab ihm den besten Bogen und seine schnellsten Pfeile mit auf den Weg, seine Mutter stattete ihn mit den wärmsten Fellen aus und gab ihm einen großen Sack voll Nahrung mit auf den Weg: getrocknete Wurzeln und Beeren, Trockenfleisch, Samen und Nüsse. Alle küssten ihn zum Abschied mit Tränen in den Augen. Sie fürchteten, ihren Jungen niemals wieder zu sehen. Lange sahen sie ihm nach, bis seine Gestalt hinter den großen Bäumen am Rande des Tales verschwunden war.

Luca ging und ging, er wollte das spärliche Tageslicht ausnützen. Als es Nacht wurde, zündete er ein Feuer an und deckte all seine Felle über sich. Trotzdem war es bitter kalt. Nach einer Weile sah er zwei Lichter am Rande des Waldes glimmen. Es waren die Augen eines Wolfes, der in immer engeren Runden seine Lagerstatt umkreiste. Er war hungrig und alt und schon zu schwach zum Jagen. "Komm her, mein Freund," forderte Luca ihn auf, "und raste ein wenig bei mir am Feuer!" Dabei gab er dem Wolf ein paar Bissen von seinem kostbaren Trockenfleisch ab. Er selbst war ja jung und konnte jagen, er würde schon nicht verhungern! Der Wolf schlang gierig die rettende Nahrung hinunter. Dann leckte er dem Jungen dankbar die Hand und verschwand wieder, wie er gekommen war, lautlos, als wäre er nie da gewesen.

Früh, in der ersten Tagesdämmerung zog Luca weiter. Er hatte nur ein Ziel, es lag weit hinter den fernen Bergen, und er musste sich beeilen, um sein Schwesterchen zu retten.


Ende Teil I


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