WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Kreise   Teil III
Die Erste lautet: Ohne Anfang es die Zeit durchwindet, ohne Ende es uns all’ verbindet.
Höre nun die Zweite: Eine Schlange tanzt den heiligen Tanz, sie beißt sich in den eigenen Schwanz.
Und nun die Dritte und Letzte: Von der Erde bis zum Himmel ist’s ein weites Stück. Doch geh’ nur immer vorwärts, so kommst du zurück.“

Armin schwirrte der Kopf. Niemals hatte er solch rätselhaft, verwirrenden Worte gehört! Eine Schlange, Himmel und Erde... Oh je, das war wohl ein wenig zu hoch gegriffen für ihn. Wahrscheinlich war er doch nicht der Retter, nur ein kleiner Junge, der sich ein wenig zu weit vorgewagt hatte. Schon wollte er beschämt den Kopf einziehen und sich geschlagen geben. Dann aber fühlte er es. Wie eine Welle aus warmem Wasser umspülte es ihn, vertrauensvolle Augen blickten ihm entgegen, von den Menschen, die hier im Kreis um ihn herum saßen... Er fühlte sich mit ihnen verbunden... Wie? Was? Was hatte er eben gedacht?! Aber ja, das war es doch, das musste es sein! Er war aus einer fernen Zeit hierher gekommen, und nun war er mit ihnen verbunden, weil die Zeit eben keinen Anfang und kein Ende hatte. Sie war... wie ein Kreis eben. Und die Menschen hier, wie saßen sie? Im Kreis! Und der Platz hier, welche Form hatte er, war er nicht ohne Anfang und Ende? Natürlich, wie Schuppen fiel es Armin von den Augen, und er sah: Kreise... alles war ein Kreis, alles war verbunden, ja das war die Antwort, musste sie sein! Nun lösten sich auch die beiden anderen Fragen wie von selbst: Die Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst? Ein Kreis! Der Weg um die Erde, ja um den Himmel? Was anderes als ein Kreis, nur in verschiedenen Größen! Und freudig schrie er die Antwort fast heraus:

„Es ist der Kreis, immer der Kreis!“

Erst war Stille. Dann brach lauter Jubel unter den versammelten Menschen aus. Sie sprangen auf, und jeder wollte ihn berühren, ihn umarmen. Sie tanzten und sprangen im Kreis umher, bis die Alte streng Ruhe befahl. „Du hast die Aufgabe gelöst, Knabe und damit bewiesen, dass du einen wachen Verstand und ein weises Herz hast. Du bist wahrhaftig der Richtige. Unsere Freude ist grenzenlos. Aber, nun wartet noch die eigentliche Aufgabe auf dich, die, wofür du hergeführt wurdest.“

Mit diesen Worten führte ihn die Alte wieder zurück in das Zelt, wo die junge Königin immer noch so dalag, wie zuvor. Er war nun allein mit ihr, auch die Alte hatte das Zelt verlassen.

Vorsichtig schlug Armin die Felldecke zurück und sah das Mädchen voll Interesse an. Sie mochte nicht viel älter sein, als er selbst, aber ihr Gesicht war ausdruckslos und verschlossen, wie ein versperrtes Zimmer. Ein kurzer Blick, dann schloss sie gleich wieder die Augen. Gute Güte, was sollte er hier nur ausrichten! Hilflos strich er ihr immer wieder über die kalte Stirn. Das Rätsel war nicht allzu schwer zu lösen gewesen, aber einen Zauber zu lösen, dazu bedurfte es wohl um einiges mehr, als einen wachen Verstand. Die Kleine tat ihm ehrlich leid. Wenn er ihr doch nur helfen könnte! Junge Königin oder nicht, Zauber hin oder her, sie schien einfach traurig und verletzt zu sein. Armin spürte mit einem Mal ganz deutlich den weggeschlossenen, harten, kalten Ball in seinem Inneren. Ob sie vielleicht auch einen solchen hatte? Und leise zuerst und stockend begann er zu erzählen. Ohne wirklich zu wissen, weshalb eigentlich, erzählte er seine eigene Geschichte, mehr sich selbst und um irgendetwas zu tun, wenn er schon sonst hier nichts ausrichten konnte. Er erzählte von seiner glücklichen Kindheit, und wie alles mit einem Mal dunkel und schmerzhaft geworden war, als seine Eltern sich nicht mehr verstanden hatten. Dann die Trennung seiner Eltern, für ihn eine Trennung von seinen glücklichen Kinderjahren, von allem, was ihm lieb und teuer gewesen war. Und mit einem Mal begann der kalte Knödel in seinem Inneren zu toben. Er riss an seinem Gefängnistor, er rumorte in Armins Eingeweiden, wie ein wildes Tier. Er ließ sich nicht mehr halten, egal, wie sehr Armin es auch wollte. Wollte er es überhaupt? Da stieg es auch schon hoch, aus dem Magen in die Kehle und weiter in die Augen. Das Ungeheuer musste wohl ganz aus Wasser bestehen, oder wie? Es stürzte jedenfalls aus seinen Augen wie ein schwerer Regen, stürzte aus ihm heraus wie ein Wasserfall und war nicht mehr aufzuhalten. Armin schluchzte und bebte, er jammerte und stöhnte und vergaß dabei ganz auf das Mädchen. Zuletzt schien das Ungeheuer doch ganz zerflossen zu sein, denn der Sturzbach aus Tränen ließ nach, wurde dann zu einem leichten Tröpfeln und versiegte endlich ganz. Da erinnerte sich Armin erschrocken wieder an seine eigentliche Aufgabe. Da sollte er einen Zauber lösen und verlor sich ganz in seine eigene Geschichte. Ein schöner Retter war er! Aber, was war das? Er hatte wohl das Mädchen ganz nass gemacht mit seinen eigenen Tränen! Aber nein, sie selbst war es, die da weinte, wohl aus Mitleid mit ihm! Immer wieder schrie sie unter heftigem Weinen einen Namen heraus: Elara oder so ähnlich. Wer oder was war Elara? Vielleicht ein Zauberwort? Ein Teil eines Zauberspruches vielleicht? Vielleicht konnte man sie mit diesem Zauberspruch erlösen? Armin begann das Zauberwort, gemeinsam mit dem Mädchen, immer wieder vor sich hinzusingen. Zuerst im gleichen Tonfall wie sie, traurig und verzweifelt, dann aber immer sanfter, inniger, zuletzt liebevoll und auch ein wenig fröhlich, bis beide gemeinsam ein wunderbar tröstliches und freudiges Elara - Lied sangen. Die verschlossene Miene des Mädchens öffnete sich, die traurigen, matten Augen bekamen wieder Glanz ... und schließlich lächelte sie ihn sogar an! Dann sagte sie:

„Elara war meine Zwillingsschwester. Sie ist bei einem Brand umgekommen, bei einem Gewitter, durch einen Blitzschlag. Sie hat mein Herz mitgenommen, und mich mit diesem Zauber zurückgelassen. Warum hat sie mich so alleine gelassen, mit all diesem Zorn und dieser Leere? Du aber hast mein Herz wieder zurückgeholt. Ich kann es wieder fühlen, hier, es schlägt und ist warm, obwohl mir Elara noch immer fehlt, so sehr fehlt.“

Erst jetzt bemerkte Armin, dass auch sein Zorn ihn verlassen hatte und dass sein Inneres sich wieder warm anfühlte und lebendig.

Das Mädchen erhob sich und trat vor das Zelt. Jubel ertönte. Trommeln und Flöten machten eine ohrenbetäubende, aber unwiderstehliche Musik, zu der man einfach tanzen musste. Die Alte trat ins Zelt und stand still hinter Armin, der immer noch im Bann des unglaublichen Erlebnisses stand, das sich eben zugetragen hatte. schließlich wandte er sich um. Da sah er... eine wunderschöne Erscheinung, eine junge, bezaubernd schöne Frau, gekleidet in einen Mantel aus Sternenlicht... die Feenkönigin! Sie sprach:

„Du hast den Zauber gebrochen und unser Volk gerettet, deshalb zeige ich mich dir in meiner wahren, meiner ewigen Gestalt. Kehre nun wieder zurück in deine Zeit, zum Stamm der Zukünftigen und nimm mein Geschenk mit dir.“ Sie pflückte einen der unzähligen Sterne von ihrem Mantel und drückte ihn Armin auf die Stirn. Er fühlte sich warm an und unglaublich lebendig.

„Vergiss niemals, alle Zeiten und alle Wesen sind miteinander verbunden, und das Zeichen dafür ist dieser Kreis.“

Mit diesen Worten streifte sie Armin einen schimmernden Armreif über und küsste ihn sanft auf die Stirn. Da fiel er in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war er noch am gleichen Ort, aber wieder in seiner Zeit. Nichts hatte sich verändert, oder alles, denn er war ein anderer geworden. Das bemerkten alle, seine Mitschüler, seine Lehrer und seine Mutter. Von da an hatte er viele Freunde. Übrigens, sein Aufsatz war der beste von allen, und dabei schrieb er doch nur auf, was geschehen war, nichts weiter.

Übrigens: die Kreisgrabenanlage könnt Ihr wirklich besuchen. Sie befindet sich an einem Ort namens... im Niederösterreichischen Weinviertel. Es könnte aber sein, dass ihr enttäuscht sagt: „Hier ist wirklich nur eine langweilige G’stettn!“ Dann solltet ihr daran denken, dass es auch dort einen Zutritt zur Anderswelt gibt, und in der Anderswelt ist niemals etwas langweilig.


Morgane
Bilder & Geschichten

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Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
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Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

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