WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Der Kreis   Teil II
Armin wollte sich seine Überraschung nicht anmerken lassen, deshalb sagte er leichthin:

„Einen schönen Scherz habt ihr euch da einfallen lassen, aber ich falle nicht darauf herein, ich nicht, ich bin ja nicht blöd!“

Das Mädchen sah ihn nur ernst an und sagte dann: „Ich bin Maglo vom Clan der Singenden Sommersterne. Ich heiße dich willkommen, Armin, vom Stamm der Zukünftigen. Folge mir bitte, zu unserer Clanmutter, sie erwartet dich bereits.“

Er träumte wohl, anders war dies hier nicht zu erklären. Das kleine Mädchen war nicht zu bewegen, auch nur ein Wort mehr zu sagen, als es bereits gesagt hatte. Es ging nur zielstrebig und schnell auf eine weitere, kleinere Umzäunung aus Flechtwerk zu und winkte ihm, ihr zu folgen. Was blieb Armin anderes übrig, er folgte seiner kleinen Führerin auf dem Fuß. Innerhalb der Umzäunung stand eine kleine Hütte aus Häuten und Fellen. Das Mädchen hob die Haut, die den Eingang verschloss, und nickte Armin zu, einzutreten. Drinnen war es dämmrig, aber hell genug, um die Gestalt zu sehen, die auf einem Fell am Boden lag. Dahinter saß, auf einem Schemel, eine uralte, runzlige Frau. Gute Güte, sie schien ja so alt wie die Berge zu sein, wenn nicht noch älter! Ihr schlohweißes Haar war zu einem Zopf geflochten, um den runzligen Hals trug sie eine Kette aus Knochen, Zähnen und durchbohrten Steinen. Aus ihrem Blick sprachen Staunen und Verwunderung. Ihre Stimme aber war fest und gebieterisch, nicht zittrig, wie man es von einer so alten Frau erwarten hätte können.

„Oho“, sagte sie erstaunt und deutlich belustigt und noch einmal „oho!“, und dabei zog sie die Brauen hoch, dass die Runzeln auf ihrer Stirne davon so tief wurden, wie Gebirgstäler. „Du also sollst der erwartete Held sein, der große Retter, den wir alle hier erwarten? Sehr merkwürdig, sehr, sehr merkwürdig.“ Sie schüttelte den Kopf, und dann begann sie mit einem Mal zu lachen. Sie lachte, dass alles an ihr zitterte und bebte, tief, grollend und anhaltend. Dabei bemerkte Armin, dass sie keinen einzigen Zahn mehr im Mund hatte. Jetzt wurde es ihm aber zu bunt. Was sollte das denn alles hier, das ging denn doch etwas zu weit! Empört pflanzte er sich vor der Alten auf und stemmte die Fäuste in die Seiten:

„Jetzt hab’ ich aber genug!“, schrie er, worauf das Lachen der Alten schlagartig verstummte. Sie sah ihm forschend in die Augen und sagte dann ernst: „Vergib mir, es war nicht richtig von mir, über dich zu lachen, da du doch von so weit hergekommen bist, um uns zu helfen. Ich begrüße dich im heiligen Kreis der vereinigten Stämme, Armin vom Stamm der Zukünftigen. Ich bin die Feenkönigin, man nennt mich nur Die Mutter. Dies hier sind die Anführer aller Stämme, die hier zusammengekommen sind, um das große Sommertreffen abzuhalten.“

Jetzt war Armin versucht laut herauszulachen, aber er verbot es sich um die Alte nicht ebenfalls zu beleidigen. Feenkönigin nannte sie sich! Waren nicht Feen Märchenwesen, ätherisch schön und spinnwebzart? Diese alte Vettel hier hingegen... es musste wohl ein Scherz sein! Andererseits... gebieterisch war sie und respekteinflößend, eine Art Königin konnte sie schon sein, wenn auch ohne Krone und Glitzerkleid, wie die in seinem Lieblingsmärchenbuch. Jetzt erst bemerkte Armin die anderen, die dem Gespräch der beiden respektvoll und still zugehört hatten. Es waren Frauen und Männer, Alte und Jüngere. Sie alle trugen Ledertuniken und leichte Umhänge aus gewobenen Gräsern.

„Ich verstehe nicht“, erwiderte Armin, “ich bin hier mit meiner Klasse, auf Schulausflug und sollte einen Gegenstand suchen, und auf einmal ist alles so... so... anders. Was geschieht hier, bitte, und wo sind meine Schulkameraden?“

Die Alte blickte den Jungen verständnislos an: „Ich kenne die Bedeutung deiner Worte nicht, K.l.a.s.s.e und S.c.h.u.l.a.u.s.f.l.u.g. Das müssen mächtige Zauberworte sein, die nur du kennst. Bestimmt wirst du damit Fian heilen können, meine Nachfolgerin. Sie steht unter einem mächtigen Zauber, denn niemand hier brechen kann, auch ich nicht. Wenn sie stirbt, sind unsere Stämme ohne Königin, und das ist ein großes Unheil. Das Land wird unfruchtbar, unsere Herden verderben, und unser Volk verweht, wie Spreu im Wind. Deshalb habe ich ins heilige Feuer geschaut und darin gesehen, dass einer kommen wird von weit her und doch von ganz nah. Nun bist du gekommen, ein kleiner Knabe, und ich weiß nicht, ob du der Retter bist. Eigentlich habe ich jemand... nun, zumindest jemand Erwachsenen erwartet. Aber, nun bist du hier, und ich werde dich prüfen. Willst du diese Prüfung auf dich nehmen?“

Armin erstarrte. Prüfung, igitt! So etwas kannte er von der Schule, und er konnte nicht eben behaupten, dass er Prüfungen liebte. Niemand tat das. Es hatte mit Zeugnis und Noten zu tun, und das bedeutete meist Ärger, zumindest in der letzten Zeit, seit einer... Verwandlung. Wenn man es genau betrachtete, dann fühlte er sich seit der Trennung seiner Eltern ebenfalls wie unter einem bösen Zauber. Wenn die reglose Gestalt am Boden Ähnliches durchmachte, dann war sie zu bedauern. Wieder spürte er, wie der harte, kalte Knödel in seiner Magengrube warm und weich werden wollte. Eine Welle von Mitgefühl überspülte ihn mit einem Mal, und wieder stiegen ihm diese blöden Tränen in die Augen. Mühsam kämpfte er sie nieder. Nun gut, er war hier, und diese Tatsache war schon seltsam genug, eigentlich eine Unmöglichkeit. Wenn solche Dinge geschehen konnten, dann konnte es wohl auch sein, dass er wirklich der Richtige war. Dann würde er auch die Prüfung bestehen. Warum dann noch zaudern? Mutig hob er den Kopf, sah der Feenkönigin in die Augen und sagte dann laut und fest: „Ja, Mutter, ich will.“

Die Alte sah ihn lange und ernst an, dann sagte sie streng, aber mit einem deutlichen Unterton von mütterlicher Zärtlichkeit in der Stimme: „Nun gut, Fremdling, es sei.“ Sie erhob sich, öffnete den Zelteingang und führte Armin hinaus auf den weiten Platz. Inzwischen war es bereits dunkel geworden, und die Sterne glühten am nachtblauen Himmel wie funkelnde Diamanten. Der sternenbesetzte Nachthimmel kam Armin wie der königliche Mantel der Feenkönigin vor, der einzige, wirklich passende für sie, wie ihm schien.

Feuer waren entzündet worden, leise und dumpf schlugen Trommeln, immer denselben, eindringlichen Rhythmus. Armin meinte, sein eigenes Herz im Außen schlagen zu hören, für alle hörbar. Die kühle Nachtluft ließ ihn erzittern, oder war es nicht die Kälte, sondern Furcht? Egal, Furcht hin oder her, nun hatte er sich darauf eingelassen, und er würde es zu Ende führen, wie immer es auch ausgehen mochte.

Die Alte begann zu sprechen: „Mein Volk, hier ist derjenige, von dem ich glaube, dass er gekommen ist, um unsere junge Königin zu retten. Er hat eingewilligt, die Prüfung zu bestehen. Wir wollen ihn mit all unserer Hoffnung und inneren Kraft unterstützen. Die Aufgabe aber muss er alleine lösen. Die große Mutter der Erde und des Himmels möge ihm dabei beistehen.“ Sie wandte sich Armin zu, und sprach zu ihm: „Höre nun das Rätsel. Es sind drei Fragen, auf die du eine einzige Antwort finden musst.


Ende Teil II


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